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1997: Drohte Microsoft Apple mit der Einstellung von Office?

06.03.2007 | 16:51 Uhr |

Neuneinhalb Jahre ist es her, dass der damalige Microsoft-Chef Bill Gates und Steve Jobs, der seine zweite Karriere bei Apple startete, auf der Macworld in Boston gemeinsame Sache machten: Der Internet-Explorer sollte Standard-Browser auf dem Mac werden, ein neues Office-Paket kommen und Microsoft mit 150 Millionen US-Dollar bei Apple einsteigen.

Ein Schock f├╝r Apple-Evangelisten, aber damals wahrscheinlich die Rettung f├╝r den Computerhersteller in Cupertino. Hinter den Kulissen hatte es Microsoft in der Hand, seinen Rivalen zu vernichten. Neue Dokumente aus dem Monopolverfahren gegen Microsoft belegen: Mac-User waren f├╝r den Softwaregiganten "Versuchskaninchen" und Redmond h├Ątte die Gelegenheit gehabt, Apple in die Knie zu zwingen, indem man kein neues Office-Paket f├╝r die Apple-Plattform ver├Âffentlicht h├Ątte.

2007: Die Sammelklage gegen Microsoft

330 Millionen US-Dollar - das ist die H├Âhe der Ausgleichszahlung, die Microsoft zu zahlen bereit ist. Dies soll vor weiteren finanziellen und Image-Sch├Ąden sch├╝tzen, aber abgeschlossen ist das Verfahren jedoch noch nicht. Am 20. April kommt es zu einer erneuten Anh├Ârung vor dem Iowa State Court, wo die Kl├Ąger dem Vergleich noch zustimmen m├╝ssen. Beschuldigt ist der Konzern aus Redmond der ├╝berteuerten Softwarepreise, die er wegen seiner Marktmacht von den Kunden gefordert hat - und diese Marktmacht hat Microsoft in den vergangenen Jahren auf zum Teil unfairen Wegen gesichert und ausgebaut. Die Kl├Ąger berufen sich dabei auf interne Dokumente wie E-Mails, die den Weg in die ├ľffentlichkeit gefunden haben - darunter auch das Eingest├Ąndnis des Windows-Chefentwicklers James Allchin, er w├╝rde sich lieber einen Mac zulegen, w├Ąre nicht Microsoft sein Arbeitgeber.

1997: Microsoft witterte Chanchen, als bei Apple alles im Umbruch war

Eine weitere E-Mail vom damaligen Chef der Macintosh-Entwickler-Gruppe Ben Waldman an den damaligen Vorstandsvorsitzenden Bill Gates, so berichtet Computerworld, wirft nun ein neues Licht auf eine Episode vor zehn Jahren, als Apple alles andere als der vom iPod verw├Âhnte Strahlemann der Branche war. 1996 und 1997 waren die Jahre der gr├Â├čten Verluste in Cupertino, allein 1997 schrieb Apple eine Milliarde US-Dollar ab. CEO Michael Spindler hatte Konzernergebnis und Aktienkurs in desolate Regionen getrieben, sein Nachfolger Gil Amelio hatte die bittere Aufgabe, Apple wieder fit f├╝r die Zukunft zu machen. Kurzfristig fuhr auch er Verluste ein, aber f├╝r langfristige Erfolge hatte er nicht gen├╝gend Zeit, denn nach 17 Monaten musste auch er seinen Hut nehmen. Apples Gr├╝nder Steve Jobs ├╝bernahm wieder das Ruder, seine Firma Next war von Amelio aufgekauft worden und sollte das Fundament f├╝r das Betriebssystem der n├Ąchsten Generation liefern.
In dieser Zeit des Umbruchs sah Microsoft Chancen, dem schw├Ąchelnden Konkurrenten den Todessto├č zu verpassen. Die Mac-Abteilung war in der Entwicklung der neuen Office-Version weit fortgeschritten, Waldman informierte Bill Gates in einer E-Mail vom 27. Juni 1997 ├╝ber den aktuellen Stand. "Die Drohung, Mac Office 97 nicht auf den Markt zu bringen, ist sicherlich das st├Ąrkste Argument f├╝r das Feilschen. Denn wenn wir dies t├Ąten, w├╝rden wir Apple einen gro├čen Schaden innerhalb k├╝rzester Zeit zuf├╝gen." Und weiter: "Apple d├╝rfte dies sehr ernst nehmen."

Freundliche Drohungen f├Ârdern die Kooperation

Offensichtlich hat Apple dies auch getan. Gates bat in seiner Antwort um die Kl├Ąrung zweier Detailfragen. Erstens wollte er ein zuverl├Ąssiges Ver├Âffentlichungsdatum wissen, Waldman nannte zun├Ąchst als Zeitfenster f├╝r die finale Version die erste Dezemberwoche 1997. Viel wichtiger aber war f├╝r Gates, ob man den ganzen Entwicklungsstand gegen├╝ber Apple f├╝r die n├Ąchsten 30 Tage verschleiern k├Ânne. Der Hintergrund dieser Frage d├╝rften Verhandlungen zwischen Microsoft und Apple gewesen sein, die sich auch um Patentstreitigkeiten wie die Kopie von Bedienkonzepten aus Mac OS in Windows drehten.
Weniger als sechs Wochen nach Waldmans E-Mail ├╝berraschte Steve Jobs auf der Keynote zur Macworld in Boston die ├ľffentlichkeit mit neuen Vereinbarungen zwischen den beiden Rivalen. Der Internet Explorer von Microsoft werde k├╝nftig der Standardbrowser auf allen Macs, k├╝ndigte Jobs an und begr├╝├čte - unter Buh-Rufen aus dem Publikum - Bill Gates per Video-Schaltung als Gastredner. Microsoft werde auch k├╝nftig f├╝r die Mac-Plattform Software entwickeln, versprach der Microsoft-Boss und k├╝ndigte die Office 98-Version f├╝r den Mac an. Mit einem Aktienkauf im Werte von 150 Millionen US-Dollar - bei einem dramatisch niedrigen Kurs - half Microsoft Apple finanziell aus der Patsche.

Mac-Anwender als Versuchskaninchen

Die Finanzspritze setzte Microsoft aber nicht aus lauter Freundlichkeit, Redmond versprach sich Ruhe auf dem Feld der juristischen Auseinandersetzung um Plagiatsvorw├╝rfe und wollte auch aus strategischen Gr├╝nden Apple am Leben halten. Schon vor zehn Jahren musste Microsoft seine Vormachtstellung auf dem Softwaremarkt rechtfertigen, der "Tod" der alternativen Plattform h├Ątte dem Unternehmen langfristig eventuell noch mehr Schwierigkeiten bereitet. Dar├╝ber hinaus h├Ątte Microsoft auch sein Versuchslabor verloren...
"Weil Mac Office weit unkritischer als Windows f├╝r unser Gesch├Ąft ist", f├╝hrt Waldman in seiner Mail weiter aus, "haben wir die Freiheit, neue Sachen und deren Vermarktung in unseren Produkten zu testen , bevor wir dies auf Windows versuchen." Die Plattform b├Âte auch mehr Innovationspotenzial: "Ich habe so viele Trends zuerst dort auftauchen sehen - und die k├Ânnten wichtig f├╝r Windows werden." Trends wie die direkte Anzeige von Anh├Ąngen in E-Mail-Programmen (PowerMail) oder Probleme von Ressourcen fressenden Programmen wie Office f├╝r Mac in der Vorvor-Version 4.
├ťber neue Funktionen in Word, Excel und Co k├Ânnen sich Apple-Anwender seit diesen Tagen immer wieder vor Windows-Benutzern freuen, wenngleich "ihr" Office-Paket immer einige Monate sp├Ąter als die f├╝r Microsoft wichtige Windows-Version erscheint. F├╝r die eigene Plattform hat der Konzern aus Redmond Office 2007 fertiggestellt, erste Blicke auf Office 2008 f├╝r Mac gew├Ąhrte Microsoft w├Ąhrend der diesj├Ąhrigen Macworld Expo in San Francisco (wir berichteten). So integriert Microsoft etwa eine neue Arbeitsumgebung f├╝r die grafische Gestaltung von Flyern oder Brosch├╝ren und reagiert damit auf das Bedienkonzept, dass Apple in seiner iWork-Suite f├╝r Keynote und Pages verwendet. Beruhigend zu sehen, dass sich manche Dinge in unserer schnelllebigen, digitalen Welt eben nie ├Ąndern.

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