2467438

22 Jahre Apple Store: "Gleich zurück" als Verheißung

11.11.2019 | 10:53 Uhr | Peter Müller

Wenn mal eine Website offline ist, ärgert man sich. Es gibt eine Ausnahme: Ein virtuelles "Gleich zurück"-Schild bei Apple löst Freude aus.

Das Jahr 1997 war für Apple eines des Missvergnügens, trotz der noch Ende 1996 erfolgten Übernahme von NeXT und der damit verbundenen Rückkehr von Gründer Steve Jobs. Doch die Fehler der jüngeren Vergangenheit hatten sich aufsummiert und zu Milliardenverlusten geführt, die das Unternehmen an den Rand des Abgrunds brachten. Der Newton – ein Fehlschlag sondergleichen, da half auch die Ausgliederung in die Tochterfirma Newton Inc. nichts. Die Produktpalette der Macs: unübersichtlich bis zum Geht-nicht-mehr. Das Betriebssystem: Hoffnungslos veraltet – dafür aber auf günstigeren Klonen zu haben.

CEO Gil Amelio musste im Sommer gehen, Steve Jobs übernahm zunächst ad interim. Mac-OS 8 löste mit Teilen aus dem gescheiterten Copland-Projekt das System 7.6 ab und beendete vor allem die Klon-Ära. Das Newton Message Pad 2100 war am 7. November das letzte seiner Art, ohne dass das der Öffentlichkeit bewusst war. Und im Handel waren Macs kaum präsent, nur bei kleinen Fachhändlern, aber in den großen Ketten allenfalls stiefmütterlich behandelt. Bis zum 10. November 1997.

An jenem Tag nahm Apple sein Schicksal endgültig wieder in die Hand und läutete eine längst nicht mehr für möglich gehaltene Wende ein, die das angeschlagene Unternehmen wieder zurück zur Profitabilität brachte. Zwei wesentliche Gründe für den Erfolg: der am 10. November 1997 zusammen mit den Power Macs G3 präsentierte Apple Store Online.

Apples virtueller Kaufladen ist längst in die Tiefen der Apple-Website integriert und läuft nicht mehr unter einer eigenen Domain. Seit 22 Jahren ist er aber ein Internetphänomen, dass dessen Grundregeln außer Kraft setzt. Zumindest eine davon. Denn seine Kunden freuen sich, wenn der Store mal nicht erreichbar ist, besonders dienstags. Während durchschnittliche Kunden – von sagen wir mal Media Markt Leipzig – sich über ein virtuelles Schild "Komme gleich zurück" stundenlang aufregen würden, freut sich der Apple-Käufer auf die bald darauf anstehende Wiedereröffnung mit allerlei neuen Produkten.

Mit Sicherheit könnte Apple sein Warenwirtschaftssystem auf seiner Website auch ohne längere Unterbrechung mit neuen Macs, iPads und iPhones bestücken, aber dann wäre ja der ganze Spaß weg. Ist so ähnlich wie Weihnachten: Nicht morgen, sondern in ein paar Stunden, Kinder, wird's was geben. So ganz in die analoge Welt zurückgeführt hat Apple das nicht, die nun weit über 500 Stores aus Ziegel und Mörtel, die Apple etwa dreieinhalb Jahre nach dem Online-Betrieb zu öffnen begann, schließen nur wegen Renovierung der Räumlichkeiten, machen an einem vorangekündigten Erstverkaufstag aber zur normalen Uhrzeit auf. Und schließen nicht spontan am Dienstagmittag für ein paar Stunden.

Von den Großen ignoriert

Apple eigene Läden – erst online, später dann in den besten Lagen der Innenstädte und Einkaufszentren weltweit, war eine notwendige Flucht nach vorn: Die großen Ketten ignorierten die Marke mit dem seinerzeit noch bunten Apfel geflissentlich. Dabei hatte es bei Best Buy und Co. vor allem auch an Fachpersonal gemangelt, Verkäufer, die einfach die Box rüberschoben, von der sie sich die größte Provision versprachen, sind eben das Gegenteil der Leute, die später den Genius Bars der Apple Stores arbeiten sollten.

Auch das Store-in-Store-Konzept, das Apple vor dem Start des Apple Online Store mit CompUSA aufgesetzt hatte, war wenig zielführend, da ein anderer die Kontrolle über den Verkauf behielt. Ein Vorbild für den Online-Vertrieb hatte es für Apple nicht wirklich gegeben, allenfalls in Form von Dell , das zwar keine eigenen Computer entwickelte, aber höchst erfolgreich diese aus Standardkomponenten zusammenstellte und online und per Telefon verkaufte – mehr an Geschäfts- als an Endkunden. Dell konnte seinerzeit das Inventar recht gering halten und schnell auf Bauteile wie Prozessoren von Intel setzen, so war man der Konkurrenz voraus.

Die Technik des Apple Store lieferte die erst ein gutes Jahr zuvor erfolgte Übernahme von NeXT: WebObjects war eine ideale Basis. Der Apple Store online hatte von Beginn an großen Erfolg: Schon in den ersten 30 Tagen nahm Apple damit 12 Millionen US-Dollar ein.

Aufgeräumte Hardware mit genialem Namen

Das hatte aber auch mit den neuen Rechnern zu tun, die da am 10. November 1997 kamen, einem  Montag. Desktop- und Tower-Mac ähnelten ihren unmittelbaren Vorgängern zwar äußerlich, doch setzte auch hier Apple mit zwei Maßnahmen an. Erstens waren die neuen PowerPC-Chips um Längen schneller als diejenigen, die Apple zuvor verbaut hatte. Und zweitens bekamen die Maschinen nicht irgendwelche kryptischen Bezeichnungen, sondern hießen einfach nur Power Mac G3. Jeder wusste sofort: Da war eine neue Rechnergeneration am Start und nicht nur ein Produktupdate.

Rückblickend kann man sagen, dass auch hier wieder eines der Reality-Distortion-Fields am Start war, die Steve Jobs so sehr schätzte. Denn wirklich neu wurden die Rechner erst mit der nächsten Auflage vom Januar 1999, der Power Mac G3 Blue & White (Yosemite) war der neue Profirechner, auf den die Nutzer gewartet hatten. Schnell, elegant, leicht erweiterbar und unkompliziert zu öffnen, keine Trennung mehr zwischen Desktop (auf dem Schreibtisch zu platzieren) und Tower (darunter aufzustellen).

Der G3 vom November 1997 rockte aber bereits so sehr, dass die Klonhersteller, denen Apple kurz zuvor die Lizenzen entzogen hatte, nichts mehr entgegen zu setzen hatten – und das ja auch mit Mac-OS 8 nicht mehr durften. Cupertino war wieder alleine auf diesem Feld. Das schlug sich alsbald in die Bilanzen des Unternehmens nieder, das im Sommer 1997 noch vor dem Abgrund stand. Seine Show auf der Macworld Expo 1998 (man beachte: ohne neue Hardware!) beendete der Interims-CEO Steve Jobs mit den legendären Worten: "Da ist noch eine Sache … wir machen wieder Gewinn."

Macwelt Marktplatz

2467438