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30 Jahre Newton Message Pad: Das gescheitere Handheld

30.05.2022 | 11:01 Uhr | Thomas Hartmann

War der Apple Newton bei seiner Einführung seiner Zeit weit voraus, oder einfach nur ein ”Fail”? Bis heute scheiden sich die Geister, Fans gibt es immer noch.

Es muss im Jahr 1995 gewesen sein, als in der Erinnerung des Autors dieser Zeilen eine Messe im sogenannten ”Bleistiftturm”, dem Messeturm in Frankfurt , stattfand, bei der Apple-Geräte und kompatible Software im Mittelpunkt standen. Jedenfalls wurde damals die erst kürzlich erschienene dritte Folge des Bungie-Shooters ”Marathon-Infinity” von Verkäufern in den auffälligen silbernen Verpackungen direkt zur Mitnahme angeboten. Doch das war etwas für die auch unter den Mac-Fans schon verbreiteten Hardcore-Gamer.

Anzug-Leute verschickten Faxe mobil

In einer anderen Ecke standen ”seriöse” Geschäftsleute in Anzug und Krawatte, einem Mobilfunkgerät in der Hand und einem damals primär in Deutschland noch sehr neuen Apple Newton Message Pad, im Grunde ein PDA (Personal Digital Assistent) auf das man mit einem Touchscreen und Stift schreiben konnte, sogar in Handschrift, sodass sich Notizen, Kontakte und Termine eintragen ließen und das viele andere Tools enthält. Verband man den Newton per Kabel mit einem Mobilfunkgerät, konnte man damit sogar direkt ein Fax verschicken. Unerhört mobil für die damalige Zeit! Ich war schwer beeindruckt von diesem Schauspiel, war aber weit davon entfernt, mir ein solches ”Spielzeug” leisten zu können. Immerhin hatte ich gerade meinen ersten Macintosh Performa 5200 CD (mit PowerPC und CD-Laufwerk!) erstanden.

Leider erfolglos: Endstation MĂĽllhalde

Doch so eindrucksvoll der Newton gewesen sein mag, er versagte doch in einem seiner wichtigsten propagierten Feature: der Handschrifterkennung. Diese war nur sehr eingeschränkt und nicht zuverlässig, erst seit iPadOS 14.5 bietet das iPad eine Handschrifterkennung, die ihren Namen verdient . Als Besonderheit zählt Jürgen Wolf in seinem Buch ”Computergeschichte(n). Nicht nur für Nerds” ( das wir hier ausführlich besprochen haben ) neben der Handschrifterkennung auf, dass programmunabhängige Daten von mehreren Programmen gleichzeitig genutzt werden konnten, nämlich von Kalender, Adressen, Notizen und E-Mail. Der Newton war in etwa so groß wie ein DIN-A5-Blatt und wog 400 Gramm. Schon damals setzte Apple auf ARM-Prozessoren, mit 20 MHz und 640 KB Arbeitsspeicher, fasst Wolf zusammen. Der Bildschirm löste mit 336 × 320 Punkten auf (später 5,9 Zoll). Der Preis lag demnach bei 700 US-Dollar. Nach der Rückkehr von Steve Jobs, und nachdem der Newton mehrfach weiterentwickelt wurde (zuletzt Modellversion 2100), wurde die Produktion 1998 eingestellt. Der restliche produzierte Vorrat landete ähnlich wie die nicht verkauften Apple-Lisa-Geräte auf einer Müllhalde in Utah (Wolf, Seite 137f.).

”Die Revolution” 1992: Online Pizza bestellen

Doch jedes Ende hat einen Anfang: Erstmals vorgestellt hatte Apple das Newton Message Pad am 29. Mai 1992 und zeigte dabei, wie man mit dem kommenden PDA eine Pizza bestellen und andere zeitsparende Tricks ausführen kann. Zum Jubiläum berichtet auch ausführlich Cult of Mac . Der damalige Apple-Chef John Sculley sprach bei der Vorstellung davon, dass es sich um ”nicht weniger als um eine Revolution” handle. Zumal der Newton die erste ernsthafte Neu-Entwicklung von Apple seit Vorstellung des Macintosh acht Jahre zuvor war. So ruhten viele auch kommerzielle Hoffnungen auf dem neuartigen mobilen Computer.

”Es war Sculleys Macintosh", zitiert das Blog Frank O'Mahoney, einen Apple-Marketing-Manager, der am Newton arbeitete, als Autor Luke Dormehl ihn für sein Buch ”The Apple Revolution” interviewte. "Es war Sculleys Chance, das zu tun, was Steve getan hatte, aber in seiner eigenen Produktkategorie." Eigentlich hätte das Newton Message Pad schon im April 1992 auf dem Markt erscheinen sollen – doch um bestehende Probleme zu beheben, wurde es dann doch August 1993, als John Sculley schon nicht mehr Apple-CEO war.

”Revolution” erst mit dem iPhone

Immerhin erschien von dem eingestellten Newton noch ein Spezialgerät, der eMate 300 mit eingebauter Tastatur, der die Anmutung eines damals futuristisch wirkenden kleinen Laptops oder Netbooks hatte. Dieser wurde in den USA hauptsächlich im Bildungsbereich eingesetzt.

Fanpages wie MyAppleNewton gibt es noch heute oder Facebook-Gruppen, die den Newton feiern . Aber die Zeit des Newton war vorbei. PDAs der Firma Palm bestimmten das Bild in den Neunzigerjahren, bis im Jahre 2007 von Apple eine wirkliche Revolution im Bereich der Mobilgeräte ausging – Steve Jobs stellte das iPhone vor, das bis heute eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte vorzuweisen hat. Eine wie beim Newton vorgesehene intuitive und direkt mit dem Gerät nutzbare Handschrifterkennung ist darauf auch heute noch nicht zu finden – aber wenigstens auf dem iPad.

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