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35 Jahre Windows: Von der geklauten Stereoanlage zum M1

20.11.2020 | 08:16 Uhr | Peter Müller

Man soll ja auch seine Gegner lieben, deshalb: Herzlichen Glückwunsch, Windows. Andererseits hat sich das mit der Gegnerschaft längst relativiert.

Markenrechtler staunen immer wieder, wie es Microsoft gelungen ist, sich einen solch generischen Begriff wie "Fenster" zu schützen. Das war gewiss einer Gründe für den späteren Erfolg des Betriebssystems aus Redmond, neben der großen installierten Basis, die Microsoft MS-DOS und der Kooperation mit IBM zu verdanken hatte. Die Idee von "Fenstern" auf dem "Schreibtisch" war nicht neu, Windows aber bald so populär, dass in den Neunzigern viele Leute fragten, was denn da für ein seltsames Windows auf dem Apple-Rechner liefe.

Was Bill Gates und seine Kollegen am 20. November 1985 nahe Seattle zeigten, hatte 1350 Kilometer weiter im Süden in Cupertino nahe San Jose gewisses Erstaunen ausgelöst: Irgendwie kam Apple das Softwareprodukt recht bekannt vor. Steve Jobs war wenige Monate zuvor von John Sculley und seinen Unterstützern im Aufsichtsrat aus dem Unternehmen gedrängt worden, es ist müßig zu spekulieren, ob mit Jobs in der Firma der fast zwölf Jahre lang währende Rechtsstreit mit Microsoft so hart geführt worden wäre.

Sicher, Windows 1.0 als Plagiat von Apples Mac-System zu bezeichnen, ist nicht grundverkehrt. Bill Gates ließ Windows aber auch erst entwickeln, als er bei Apple (noch mit Steve Jobs) mit seinem Wunsch nach einer Lizenzierung des Mac-Systems abgeblitzt war. Umgekehrt war Microsoft mit Programmen wie Word eines der ersten Unternehmen gewesen, die den neuen Standard des Macintosh unterstützten – über Jahrzehnte war Microsoft der wichtigste Softwareentwickler für Apple – und ist es heute noch.

Irgendwie waren Jobs und Gates aber auch "Partners in Crime", eine Verständigung über die Aufteilung der Interessensphären in der IT-Welt wäre vielleicht möglich gewesen. Ursprünglich kam die Idee mit der grafischen Oberfläche weder von Apple noch von Microsoft, sondern von Ingenieuren des Xerox Palo Alto Research Center (PARC). So rechtfertigte Bill Gates sinngemäß Windows 1.0: Steve Jobs habe im PARC den Fernseher mitgehen lassen, dann könne er ja wohl noch die Stereoanlage nehmen.

Im Rechtsstreit behielt Microsoft vor allem aufgrund des großen kommerziellen Erfolges von Windows die Oberhand, Seattle konnte sich den Prozess länger leisten. Im Jahr 1997, Jobs war gerade erst zurückgekehrt und Apple beinahe am Ende, ließen die Unternehmen gegenseitige Klagen fallen und Microsoft half Apple mit einer halben Milliarde US-Dollar wieder auf die Beine – zudem gab Redmond das Versprechen, weiterhin Office auch für den Mac zu entwickeln. Nicht gerade unwichtig, im Vorfeld des Paradigmenwechsels zu Mac-OS X.

In Sachen Betriebssystemen für Mobilgeräte haben Seattle und Cupertino heute keine Streitigkeiten mehr, Office auf dem Mac und dem iPhone ist selbstverständlich und in vielen Fällen alternativlos. Und Microsoft gehört erneut wieder zu den ersten der großen Softwarehersteller, der seine Produkte auf die neue Mac-Plattform anpasst: Office für Apple Silicon steht in den Startlöchern. Nur wie es sich mit Windows auf dem Mac verhält, ist noch offen, die Wiederbelebung von Windows 10 für ARM (Windows RT) könnte sich für Redmond durchaus lohnen. In einer Virtualisierung wie Vmware Fusion oder Parallels Desktop laufend, würde ein solches System die M1-Macbooks womöglich wieder zu den schnellsten Windows-Laptops machen, wie es Macbooks Pro dank Boot Camp in den letzten Jahren waren.

Das Windows von heute – und vielleicht von morgen – mag also weit weniger schrecklich sein als jenes, mit dem wir uns noch vor zwanzig oder zehn Jahren herumgeschlagen haben, härter feiern wir heute und an jedem anderen Tag dann doch lieber macOS. Dennoch: Herzlichen Gückwunsch, Windows!

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