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Russland zwingt zu App-Empfehlungen bei iPhone-Einrichtung

17.03.2021 | 12:30 Uhr | Peter Müller

Apple hat mit den russischen Behörden einen Kompromiss erreicht: Ab 1. April müssen bei der Aktivierung "inländische Apps" empfohlen werden, wenigstens nicht schon ab Werk vorinstalliert.

Russland kapselt sich immer mehr vom offenen Internet und seinen Anwendungen ab. Am 1. April 2021 tritt ein Gesetz in Kraft, das vorschreibt, auf importierten Smartphones, Tablets, Laptops und Desktops "inländische" Apps zu installieren seien - und nicht etwa die Standard-Anwendungen der Hersteller aus USA, Korea und China.

Wie die russische Publikation "Vedomosti" berichtet , hat Apple in Verhandlungen mit den zuständigen Behörden immerhin einen Kompromiss ausgehandelt: Die Apps aus russischer Produktion müssen nicht schon bei der Auslieferung der iPhones vorinstalliert sein. Bei der Einrichtung erscheint nun aber eine Pop-up, das die Programme auflistet, die den Nutzern vom russischen Staat "empfohlen" werden: Programme für Kommunikation, Information und Navigation. Der Kreml schätzt es offenbar sehr, die Kontrolle über Mail-, Browser- oder Karten-Apps zu erlangen. Schon Ende 2019 hatte Apple den Anforderungen der Regierung nachgegeben  und in der Karten-App die ukrainische Halbinsel Krym, seit 2014 von Russland völkerrechtswidrig annektiert, als russisches Gebiet ausgewiesen.

Die Nutzer können die Installation der auf der Liste präsentierten Anwendungen ablehnen, das Moskauer Digitalministerium behält sich vor, die Empfehlungen stets anzupassen.

Apple stellt sich auf den Standpunkt, die Gesetze in den Ländern, in denen es seine Produkte und Dienstleistungen verkauft, zu erfüllen. Wenn man sich aus einem Markt zurückziehe, dessen Gesetze einem nicht passen, habe man keinen Einfluss mehr, wie das Spiel weiter verlaufe und müsste stattdessen tatenlos vom Spielfeldrand aus zusehen, erklärte Tim Cook einst sinngemäß, jedoch im Zusammenhang mit China, dem zweitwichtigsten Absatzmarkt für Apple.

Unsere Meinung: Vermutlich hätte Apple auf Russland verzichten können, bei allem Respekt dürfte die kumulierte Kaufkraft der russischen Oberschicht und der dortigen oberen Mittelschicht keinen wesentlichen Einfluss auf Apples Gesamtumsätze haben. Den Absatzmarkt China zu riskieren, wäre für Apple wesentlich kritischer. Also lässt man sich auf die Regeln von Diktaturen ein.

Kritik an derartigem Geschäftsgebaren ist angebracht, aber auch wohlfeil. Apple hätte Russland "do swidanja" sagen und damit Gratismut beweisen können, an der Situation im Land hätte sich nichts geändert. Zumal Unternehmen mit weit geringeren moralischen Ansprüchen gerne eingesprungen wären. Der ausgehandelte Kompromiss zeigt immerhin, dass es sinnvoll ist, im Gespräch zu bleiben. "Wandel durch Annäherung" nannte Willy Brandt diese Strategie in den frühen 70er-Jahren des 20sten Jahrhunderts, zu einer Zeit, in der die USA und ihre Vasallen eher einen Wandel durch Konfrontation herbeiführen wollten.

Man mag es für richtig erachten, keine Geschäfte mit Potentaten wie Wladimir Putin zu machen, sollte aber nicht vergessen, aus welchen Ländern der sogenannte Westen seine Energie bezieht oder wo er seine Sportfeste feiern lässt. Und wer am lautesten gegen die Pipeline Nordstream 2 argumentiert, sind die USA, die gemäß der weiter geltenden Wirtschaftsdoktrin "America First"  vor allem Interesse am Verkauf von Frackinggas haben und weniger an Demokratie in Russland oder einer sicheren Energieversorgung Polens und der Ukraine. Die geplanten Exportbeschränkungen für das Vakzin von Johnson & Johnson sprechen die gleiche Sprache: Jede Nation und jede Firma ist sich selbst die nächste. Es ist ein dreckiges Spiel, das auch Apple hier mitspielt. Aber vom Spielfeldrand aus hat man noch nie ein Spiel gewonnen.

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