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Apple: Perfekter Arbeitgeber oder Hölle auf Erden?

15.07.2022 | 15:30 Uhr | Stephan Wiesend

Apples Produkte sind erstklassig, das Unternehmen höchst profitabel. Ist Apple aber auch ein guter Arbeitgeber?

Wäre es nicht toll, für Apple zu arbeiten? Bei jungen Studenten ist der iPhone-Erfinder so beliebt wie nie. Fragt man IT-Absolventen, bei welcher Firma sie gerne anfangen würden, nennen Sie „Google, Apple, Amazon, Microsoft“. Aber auch bei jungen deutschen Wirtschaftswissenschaftlern ist Apple erstaunlich beliebt und landet laut Trendence-Institut auf dem zweiten Platz ­– nach Daimler, aber noch vor BMW und Porsche. Dagegen gibt es Berichte von amerikanischen Apple-Store-Angestellten, die heimlich Gewerkschaften gründen wollen und zu niedrige Gehälter bemängeln.

Welche Arbeitsplätze bietet Apple in Deutschland?

Ein Grund: Sehr viel hängt von dem Arbeitsbereich ab, in dem man arbeiten will. Bei Redaktionsschluss waren bei Apple in Deutschland knapp 180 freie Stellen zu vergeben – davon etwa ein Zehntel für den Bereich Apple Store. Diese sind über das ganze Bundesgebiet verstreut und hier die einzigen Jobs bei Apple. Apple hat aber auch einige Entwicklerstandorte und sucht hier laufend neue Mitarbeiter.

Bedarf hat Apple vor allem für den Standort München, meist Ingenieure und Softwareentwickler für den Bereich Netzwerktechnologie. Apple hat nämlich in München ein großes Entwicklungszentrum für diesen Bereich, ebenso für Maps und AR/VR. Kleinere Teams für Search Ads und Machine Learning/AI gibt es in Berlin, Machine Learning AI auch in Aachen, für Audio-Software eine Filiale in Rellingen und für Chip-Entwicklung in Nabern. Gesucht werden hier aber meist Hochschulabsolventen (MINT), für andere Interessenten bleibt da nur der Einstieg bei Apple Retail (Apple Store) und im Support-Bereich in Irland. Gerade von der Arbeit bei Apples Support-Team und im Apple Store hört man aber wahre Horrorgeschichten. Kein Wunder, gerade in Großstädten wie München ist der Stress hoch, die Schichten lang und als Gehalt verdient man laut Berichten als Sales Specialist knapp 30 000 Euro im Jahr (laut Glassdoor verdient ein Mac Genius immerhin knapp 45 000 Euro). Weder den Einzelhandel noch die Arbeit im Telefonsupport wollen wir hier schlechtreden. Für junge, kommunikative Berufseinsteiger ist der Apple Store sicher ein interessanter und lehrreicher Arbeitgeber. Aber nicht jeder eignet sich für den Einzelhandel und nicht jeder gute Kunde ist ein guter Verkäufer.

Ein überzeugter Apple-Fan zu sein ist jedenfalls der falsche Grund, im Apple Store anzufangen, nach dem Motto „Hauptsache, man arbeitet bei Apple“. Auch bei Apples Support-Abteilung arbeite man als Supporter nach einem strikt durchgeplanten und ständig bewerteten Zeitplan. Call-Center sind durchorganisiert und bieten kaum Freiräume, wie das Buch „Apple intern“ berichtet . In ihrem kürzlich erschienenen Buch beschreibt etwa die Akademikerin Daniela Kickl, wie sie Mitte 40 mit zwei Kindern und reichhaltiger Berufserfahrung nach Irland zieht, um bei Apples Telefonsupport zu arbeiten. Kurzfassung: Die hierarchisch durchgeplante Arbeit ist für die überqualifizierte Kickl wenig erfüllend.

Ist das Arbeitsklima bei Apple toxisch?

Weit mehr Stellen gibt es in den USA, auch hier kann man sich bewerben. Das Arbeitsklima bei Apple gilt als besonders „fordernd“, vor allem unter Steve Jobs standen Angestellte unter immensem Druck. Über Steve Jobs' Verhalten zu seinen Untergebenen gibt es zahllose Anekdoten, etwa wenn man mit ihm Aufzug fahren musste und von ihm kurz „überprüft“ wurde. Das ist aber lange vorbei. Vor allem unter Tim Cook scheint sich das Klima gemäßigt zu haben und an andere IT-Firmen angeglichen zu haben. Die Anforderungen sind aber noch immer hoch und Berufseinsteiger berichten über aufwendige Einstellungsgespräche, aber auch über gute Erfahrungen. Für viele Kreative wäre wohl auch eine Mitarbeit in Apples Design-Team kaum zu toppen. Dass Apple an einem autonomen Fahrzeug, einem "iCar" arbeitet, ist ebenfalls ein offenes Geheimnis. Gerade bei diesem Projekt scheint es aber auch recht viel Fluktuation zu geben , aktuell scheint Apple hier eher Stellen abzubauen .

Übereinstimmung herrscht aber, dass Apple als Arbeitgeber einige Eigenheiten hat. So ist die Geheimhaltung bei den Produktentwicklungen sehr streng, einige berichten, der Umgang mit Informationen erinnere eher an die NSA als an einen IT-Konzern. Für manche Wissenschaftler, die an den Austausch mit Kollegen gewohnt sind, ein echtes Problem. Nicht vergessen sollte man, dass es wohl auch im Interesse der Ex-Apple-Angestellten ist, ihre Beschäftigungszeit als besonders herausfordernd darzustellen. Vor allem in den USA wird die Anstellung bei Apple oft als Sprungbrett genutzt – „ehemalige Apple-Entwickler, die ein Start-up gründen“ ist fast schon ein Klischee geworden. Vielleicht ein Grund, dass die Arbeit bei Apple oft überhöht wird. Auch Apples Betonung von Diversität und Umweltschutz sollte man nicht falsch verstehen. Die hohe Wertschätzung dieser Themen bedeutet nicht, dass Angestellte nicht einer strikten Hierarchie unterliegen würden.

So berichtete im Februar die Washington Post über die Probleme, die Angestellte des Apple Store bei der Gründung einer Gewerkschaft hatten. Wenig überraschend: Trotz Milliardengewinnen sind die Gehälter im Apple Store keineswegs hoch, in den USA zwischen 17 und 30 Dollar pro Stunde – in Zeiten der Inflation recht wenig. Ein schlechtes Bild machte Apple auch beim Umgang mit der Angestellten Janneke Parrish , die kurz nach der Gründung der Initiative #AppleToo entlassen wurde. Auch Cher Scarlett kritisierte Apple stark.

Insgesamt macht Apple aber bei Job-Bewertungen einen guten Eindruck. Bei der Bewertungsseite Glassdoor erreicht Apple immerhin die Bewertung 4,5 von 5 – eine sehr gute Note, die auf immerhin knapp 32 000 Bewertungen basiert . Allerdings bezieht sich die Bewertung vor allem auf die US-Belegschaft. Bei Kununu, wo die deutsche Belegschaft Wertungen abgab – wohl vor allem Retail-Angestellte – erhält Apple nur die Note 3,5 von 5.

Steuersünder Apple

Was Apple ebenfalls vorgeworfen wird, sind Steuertricks. Das hat nichts mit der Personalarbeit zu tun, hat aber doch Auswirkungen auf das Ansehen des Unternehmens. Tim Cook sieht dies zwar anders, aber als Steuerzahler ist Apple wohl nicht ehrenhafter als andere Konzerne. So wurde Apple von der EU 2016 sogar zu einer Strafzahlung von 13 Milliarden verurteilt. Der Vorwurf: Durch den Standort Irland spare Apple illegal Steuern. Die Verhandlungen laufen aber immer noch, 2020 hatte Apple vor der ersten Instanz des EuGH Recht bekommen . Die EU ging aber sofort in Berufung.

Beutet Apple Zulieferer aus?

Apple hat aber nicht nur Festangestellte: Stark kritisiert wird Apple auch für die Arbeitsbedingungen in Zuliefererbetrieben – arbeiten doch insgesamt drei Millionen Menschen in 52 Ländern indirekt für Apple. Vor allem einige chinesische Fabriken, die von Apple Zulieferern betrieben werden, hielten sich nicht an internationale Standards. Viel zu lange Schichten bei schlechter Bezahlung sorgten in den Medien für viel schlechte Presse, auch über Selbstmorde wurde berichtet. So ist etwa Jack Ma von Alibaba Fan des Arbeitsmodells 996, was für die Arbeit von 9 bis 9 steht – an sechs Tagen.

Auch 2020, als es Probleme bei der Produktion des iPhone 12 gab, durften die Mitarbeiter maximal vier Tage Urlaub pro Monat nehmen und mussten Überstunden und Nachtschichten akzeptieren – für etwa 630 bis 750 Euro im Monat. Was von einigen Mitarbeitern aber offenbar dank hoher Zusatzlöhne auch positiv gesehen wurde.

So waren auch viele in Corona-Zeiten bereit, aus Quarantänegründen ganze Wochen auf dem Firmengelände zu bleiben.

Dass es sich aber nicht um Unternehmen von Apple handelte, ist dabei nach unserer Meinung keine Entschuldigung. Auch der Einwand, dies seien die dort üblichen Arbeitsbedingungen, kann Apple nicht gelten lassen. Hier hat Apple aber Besserung versprochen und setzt auf Einhaltung von Standards und führt regelmäßige Kontrollen durch. Apple veröffentlicht mittlerweile jährlich einen Fortschrittsbericht , um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu kontrollieren. Es ist von außen schwer möglich, Apples Angaben zu überprüfen. Bei einer solchen Vielzahl an Zulieferern ist ein wenig Misstrauen wohl immer anzuraten. Aktuell scheint hier Apple aber auf einem guten Weg zu sein – dank großer Marktmacht kann Apple außerdem einiges durchsetzen.

Unsere Meinung:

Schade: Es gibt in Deutschland nur sehr wenige Arbeitsplätze bei Apple und diese vor allem im Bereich Handel. Insgesamt macht Apple als Arbeitgeber aber einen guten Eindruck und scheint sich heute weniger von anderen Konzernen zu unterscheiden als noch unter Steve Jobs.

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