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Apple Watch beim Sport: Warum Messung der Blutzuckerwerte nützlich wäre

11.08.2021 | 10:50 Uhr | Halyna Kubiv

Die Apple Watch wertet recht viele Daten aus: Neben dem Puls die allgemeine Kardio-Fitness und Herzfrequenzvariabilität. Was aber bedeutet diese?

Hat man seine neue Apple Watch eingerichtet und einige Zeit genutzt, ist man angesichts der vorhandenen Daten schier überwältigt. Die Auswertung des Herzschlags erscheint dabei fast schon altmodisch, die Apple Watch misst mittlerweile außerdem die Blutsauerstoffsättigung, wertet die allgemeine Kardio-Fitness aus und zeigt dem Nutzer die Herzfrequenzvariabilität. Doch welche Werte sind beim Sport notwendig oder hilfreich? All dies haben wir Prof. Dr. med. Axel Preßler von der Praxis „ Kardiologie mit Herz “ in München gefragt. Einer der Schwerpunkte der Praxis ist Sportmedizin, daher wird Dr. Preßler mit ähnlichen Fragen wie für diesen Artikel auch von eigenen Patienten konfrontiert.

Anaerobe und Kardio-Phase

Eine neuere These, dass die Fettverbrennung direkt mit der Herzfrequenz korreliere, also je höher der Puls, desto höher der Fettverbrennungseffekt (weil ja dabei grundsätzlich Kalorien verbraucht werden) kann Dr. Preßler widerlegen. Die ursprüngliche Aufteilung in mehrere Herzfrequenzzonen gilt aber beim Sport nach wie vor. Als Grundlage dafür dienen unterschiedliche Stoffwechselprozesse in diesen Herzfrequenzzonen.

Steigt der Puls beispielsweise auf 85 Prozent und höher (im Verhältnis zu seiner maximal möglichen Herzfrequenz) befindet sich der Mensch in einer sogenannten anaeroben Phase, also bei maximaler Anstrengung. Dabei wird nahezu ausschließlich Glukose im Blut zu Milchsäure verbrannt .

In der Kardio-Phase dagegen, also im Bereich von 60 bis 85 Prozent der möglichen Herzfrequenz des konkreten Menschen, wird Zucker im Blut zur „aeroben“ Energiegewinnung gebraucht: In Verbindung mit Sauerstoff entstehen dabei die sogenannten Energie-Moleküle ATP, die die Energie für Muskelkontraktionen liefern, als „Abfall“ wird Luft mit erhöhten Kohlenstoffdioxid-Anteil ausgeatmet. Die Fettverbrennungszone hat nach Dr. Preßler nach wie vor ihre Begründung beim Stoffwechsel: Die Fettsäuren können nur dann vom Körper verwertet werden, wenn genügend Sauerstoff in den Muskeln zirkuliert und der Energiebedarf nicht so hoch ist. Denn steigt der Energiebedarf beispielsweise durch höhere (Lauf-)Geschwindigkeit oder mehr Anstrengung, schafft es der Körper nicht mehr, genügend Energie aus Fettsäuren zu gewinnen – die Verwertungsprozesse laufen dabei eher langsamer, – und muss auf im Blut verfügbare Glukose zugreifen – und der Sportler steigt in die nächste, die Kardio-Phase auf.

Laut Dr. Preßler sind diese Zonen recht individuell: Neben dem Geschlecht spielt das Alter eine entscheidende Rolle, denn mit den Lebensjahren sinkt auch der Maximalpuls kontinuierlich. Ein 15-jähriger Junge kann ohne Probleme den Maximalpuls im Bereich 200-205 Schläge pro Minute erreichen, bei einem 60-jährigen Menschen ist diese Grenze bei beispielsweise 160 Schlägen pro Minute erreicht. Diesen Maximalpuls kann man unter Laborbedingungen messen, es gibt auch Algorithmen, die diesen Wert feststellen können.

Während Fitbit und Garmin diese Trainingszonen direkt im System ausweisen können, muss man auf der Apple Watch eine zusätzliche App dafür installieren. Doch Dr. Preßler warnt, dass die aktuellen Schätzungen der meisten Geräte noch recht ungenau sind. In der klinischen Umgebung werden dafür beim Training die Luftqualität beim Ein- und Ausatmen sowie produzierte Laktate im Blut gemessen. Hier zeigen sich teilweise noch große Unterschiede zur geschätzten Anzeige auf einer Smartwatch.

Ein weiterer Wert, der vor allem beim Lauftraining nützlich ist, sind nicht die Herzwerte, sondern die Zeit pro Strecke, die sogenannte Pace.

Glukosemessung

Wir haben in unserem Gespräch auch künftige mögliche Entwicklungen der Apple Watch gestreift. So ist es kaum ein Geheimnis mehr, dass Apple sich um eine Blutzuckermessung für seine Smartwatch bemüht. Höchstwahrscheinlich wird die Apple Watch Series 7 noch ohne eine solche auskommen , doch der Stand der Forschung macht Glukosemessung per Spektroskopie unter Umständen möglich . Laut Dr. Preßler ist ein solcher Wert während des Trainings sehr nützlich, denn Glukose, also Zucker ist Hauptlieferant der Energie für den menschlichen Körper. Wenn man weiß, wie viel Glukose man gerade verbrennt, könnte man deutlich genauer sagen, in welchem Trainingsbereich (siehe oben) man sich gerade befindet. Dementsprechend könnte man das eigene Training steuern. Wenn man beispielsweise bei einem langen Training erfährt, dass der Zuckerwert absinkt, kann man einen Energieriegel oder -Gel einnehmen, sodass die Leistung nicht abnimmt. Auch der Fettverbrennungsbereich lässt sich bei Bedarf gezielter auswerten, allerdings indirekt: Bleiben die Zuckerwerte auf einem konstant hohen Niveau, muss der Körper eigene Fettreserven für die Energie verbrauchen. Man trainiert also im hier gewünschten Bereich – und verbrennt vorwiegend Fettsäuren im Körper. Was allerdings nicht bedeutet, dass man schneller abnimmt. 

Kardio-Fitness der Apple Watch

Ab Series 3 der Apple Watch und seit watchOS 6 misst das Smartphone ebenfalls die maximale Sauerstoffaufnahme beim Training, die sogenannte VO 2 Max. Der Wert ist besonders bei Ausdauersportarten wichtig, zeigt er doch in etwa das Fitness-Level des Nutzers auf. Damit die Apple Watch die Daten auswerten kann, ist aber ein Training im Freien von mindestens 20 Minuten notwendig. Das Gerät greift dabei nicht nur auf die Herzfrequenzdaten zu, sondern auch auf Bewegungsdaten (per GPS) sowie Alter, Größe, Geschlecht und Gewicht.

Mehrere Patienten in der Praxis „Kardiologie mit Herz“ haben schon die Frage gestellt, wie genau diese algorithmische Schätzung der Smartwatch im Vergleich mit handfesten Messungen ist. Dr. Preßler sagt, dass bei den meisten seiner Patienten die Apple Watch die Werte ziemlich genau einschätzt, diese unterschieden sich kaum von der in klinischer Umgebung gemessener maximaler Sauerstoffaufnahme. Einzige Ausnahme sind die Anfänger, da würden wohl die geschätzten Werte von VO 2 Max noch etwas mehr als bei erfahrenen Läufern schwanken. Insgesamt zeige sich die Tendenz: Je höher dieser Wert beim Nutzer tatsächlich ist, desto genauer kann die Apple Watch diesen einschätzen.

Grundsätzlich sieht der Arzt die Verbreitung der Smartwatches in der Bevölkerung übrigens positiv: Die Daten, deren Auswertung und Analyse sowie der digitale Ansporn mache die Nutzer allgemein fitter.

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