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Apple gendert auf Teufel komm raus – Macphisto am Freitag

05.11.2021 | 10:45 Uhr |

Da muss der höllische Kolumnist doch seinen scharfen Senf dazu geben. Oder handelt es sich um eine Kolumnistin?

Es ist wieder die Zeit des Jahres, in der die Menschen Listen machen, ob artig oder nicht. Wen will man zum Jahresendfest – auch als Weihnachten bekannt – beschenken und womit? Kennt sich der Mensch mit Technik ein wenig aus, liegt es nahe, der nahe oder nicht so nahe stehenden Person irgendwas mit Technik unter den Baum oder auf den Gabentisch zu legen. Macwelt berichtet über solche Fälle, gibt Tipps, ordnet ein, sagt, wo es die Dinge zu welchen Preisen zu kaufen gibt und ob sie immer noch erhältlich sind. Es ist wieder die Zeit des Jahres für Einkaufsratgeber und Black-November-Friday-Week-Schnäppchen-Tipps .

Es ist wieder die Zeit für Pressemeldungen aus der Hölle, die in der Redaktion der Macwelt eintrudeln. Vor allem, wenn es sich um Texte dieser Art handelt: „Die besten Tipps – Technikgeschenke für Frauen“.

Macphisto kann da nur das gehörnte Haupt schütteln. Technik für Frauen. Nein, nein und nochmals nein: Macphisto ist nicht der Ansicht, dass Frau und Technik nichts miteinander zu schaffen haben sollten, ganz im Gegenteil. Macphisto ist wie Technik: geschlechtslos. So ergibt es schlicht keinen Sinn, „Technik für Frauen“ auszurufen. Bei den "Tipps" handelt es sich gerne um Geräte, die Alltagsaufgaben mit Hilfsmotoren zu bewältigen versprechen, etwa elektrische Korkenzieher. Für das schwache Geschlecht. Aha.

Für das schöne Geschlecht (Aha.) dann furchtbar verschnörkelte bis kitschige oder am Ende noch rosafarbene Geräte. Macphisto hat sich in den Redaktionsstuben der Macwelt umgesehen: Drei Redakteure, eine Redakteurin. Die iPhones in Pazifik-Blau, Sierra-Blau, Space Grau und Rosa. Das in Rosa hat einer der drei Herren in Betrieb, nicht die Dame. Aha. (Die Dame hat ein iPhone in Space Grau in Betrieb – Anmerkung der Dame).

Auf Teufel komm raus

Es ist auch wieder die Zeit, in der einige Herren (aber auch Damen) wegen nichtigster Anlässe durchzudrehen beginnen. Denn was erlaubt sich Apple, jetzt einfach zu „gendern“? In seinen Pressemitteilungen, die in der Redaktion der Macwelt gerne gelesen werden  – im Gegensatz zu denen von der Technik-für-Frauen-Front – schreibt Apple schon länger von Anwender:innen. Jetzt heißt es in iOS 15, iPadOS 15 und macOS 12 konsequent Benutzer:in. Auch im Singular, selbst wenn der Benutzer sich eindeutig als maskulin einordnet und die Benutzerin sich als feminin. Das geht sogar so weit, dass etwa in Apple Music auch die Künstler:innen im Singular gegendert werden. Das mag übertrieben sein und etwas mehr künstliche Intelligenz hätte man der geschlechtslosen Siri zugetraut. Elvis war ein Künstler, Amy Winehouse eine Künstlerin. Womöglich hätten Queen Freddie Mercury und David "Ziggy Stardust" Bowie sich über die Einordnung als Künstler:in gefreut, aber Macphisto kann die nicht fragen, die sind woanders gelandet.

Man mag Apple also berechtigterweise vorwerfen, die Sache nicht zu Ende gedacht zu haben, aber dabei geht es ohnehin nicht. Nicht nur Apple hat sich auf den Weg gemacht, andere als maskuline Wesen nicht nur irgendwie mitzumeinen, sondern auch mit anzusprechen. Wo der Weg endet, welche Kurven er nimmt, wo die ein oder andere Sackgasse eine Wendung erfordert, das weiß nicht einmal der Geist, der stets verneint. Nur eines ist klar: „Wo kämen wir denn dahin, wenn wir jetzt auf Teufel komm raus gendern?“ Wenn wir gar nicht erst losgehen, werden wir das nie wissen. Der Teufel steckt im Detail, etwa der "Künstler:in" Elvis Presley.

Sachliche Kritik an dieser Erweiterung der Sprache, dieses Mitansprechens statt nur Mitmeinens ist nicht nur notwendig, sondern auch hochwillkommen, jede rationale Auseinandersetzung mit dem Thema lässt Wege und Ziele klarer aus dem Nebel hervortreten. Blanke Ablehnung mit Schmähungen wie „Gender-Gaga“ sagen aber mehr über den Schmähenden (meist Herren, seltsame Satzzeichen daher beinahe unnötig) aus als über Adressat:innen der Schmähkritik. Wer Gendern für „verrückt“ oder gar „krank“ hält, sollte mal den Versuch machen, sich in andere Personen hineinzudenken und sich überlegen, was diese Worte bei denen anrichten, die nicht mehr nur mitgemeint sein wollen.

Sicher, auch Apple lotet nicht nur Sackgassen aus, sondern scheint einigen Berichten nach nicht immer das umzusetzen, was sich das Unternehmen auf die Fahnen geschrieben hat . Ohne tiefere Kenntnis der genauen Hierarchien und Gehaltslisten bis in kleinste Details, in denen Teufel stecken, lässt sich von außen aber nicht sagen, ob Apple einfach auf dem richtigen Weg noch nicht ausreichend weit gekommen ist oder das Versprechen von Diversität und Geschlechtergerechtigkeit einfach nur eine wohl gehörte Botschaft ist, der es allein an Glauben fehlt.

Macphisto sieht eine Inkonsequenz des Mitmeinens aber nicht Mitansprechens. Bis vor etwas mehr als zwei Jahren hatte man mit „iOS“ das Betriebssystem des iPad nicht nur mitgemeint, sondern auch mit angesprochen – es hieß ja so. Aus der Rippe des iOS schuf Apple vor zwei Jahren iPadOS 13, auf das iPadOS 14 und 15 folgten. Die Technik ist in vielen Fällen Geräte-neutral, doch unterscheidet sich iPadOS in immer mehr Aspekten von iOS – von den Unterschieden zu macOS, aus dem einst iPhoneOS als Derivat entsprang, ganz zu schweigen.

Wie sagt und schreibt man also, wenn man iPadOS mit iOS nicht nur mitmeint, sondern mit ansprechen will? i(Pad)OS? Oder gibt es noch andere Wege, die man erforschen könnte? Das mag an dieser Stelle ein Randproblem sein, aber „Gaga“ ist auch das nicht.

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