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Apple – vom Pirat zum Piratenjäger

10.07.2019 | 10:12 Uhr | Peter Müller

Eine schwarze Flagge mit dem Totenkopf wurde einst vor der Apple-Zentrale gehisst. Diese Zeiten sind längst vorbei.

"Seid wie Piraten und nicht wie die Navy" soll Steve Jobs ausweislich etlicher Biographien seinem Team schon bei seiner ersten Zeit bei Apple in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern eingebläut haben. Damit meinte er eher nicht, sie sollten wie Gesetzlose agieren und sich mit Gewalt alles nehmen wie die Piraten, die einst im östlichen Mittelmeer die römische Republik bedrohten und die den Begriff Piraterie erst prägten. Er meinte eher die Gesellschaftsform, die angeblich die Freibeuter der Karibik lebten: Demokratische Abstimmungen, flache Hierarchien, Eigenverantwortung und Kooperation statt straffer Befehlsketten und bedingungslosem Gehorsam.

Dem Mac und weiteren Apple-Produkten hat dieser Ansatz gewiss gut getan, ganz ohne Hierarchien kam das Unternehmen auch nicht aus: Das letzte Wort hatte im Zweifelsfall der Piratenkapitän, also der CEO. Und der – also Steve Jobs während seines zweiten Regnums bei Apple – war bekanntlich alles andere als erfreut darüber, dass Firmen wie HTC oder Samsung piratenartig sich das Design des iPhone schnappten und Google mit Android "sklavisch" das System kopierte.

Auch nicht froh war Apple über die Piraten vor den Macs da draußen, die sich einen feuchten Kehricht darum scherten, dass Apple das iPhone exklusiv für sich und wenige Partner wie Google und AT&T gepachtet hatte. Also machten sie sich daran, die Schwachstellen in der Festung iPhoneOS zu suchen und sie mit ihren wendigen Kanonenbooten sturmreif zu schießen. Denn um Software auf dem Wundertelefon zu installieren, die dort nativ lief, musste man das erst einmal knacken: Jaibreak hieß die Methode.

Apple gab schließlich nach oder – andere Lesart – sah mit iPhoneOS 2.0 das brandneue System so weit ausgereift, dass man es wagen konnte, Software von Dritten darauf laufen zu lassen. Bedenken, schlechte Programmierung könnte das labile System crashen lassen und die Nutzererfahrung trüben, waren Grundlage für die Entscheidung, allenfalls Web-Apps zuzulassen.

Im März 2008 hatte Apple seinen Strategiewechsel bekannt gegeben und ein SDK veröffentlicht, am 10. Juli 2008 ging der App Store an den Start. Damals noch in iTunes integriert, das zu jenen Zeiten auch noch notwendig war, um das iPhone mit dem Mac oder PC zu synchronisieren oder es überhaupt erst in Betrieb zu nehmen.

Egal, ob Apple die Idee des Softwarevertriebes schon von Anfang an hegte oder von außen gewissermaßen gezwungen wurde: Es hat sich gelohnt. Für Apple, für die Entwickler und nicht zuletzt für die Nutzer, die für jeden denkbaren und so manchen undenkbaren Zweck eine App finden und installieren können. Der Umsatz des App Store betrug im ersten Halbjahr 2019 satte 25,5 Milliarden US-Dollar, etwa zwei Millionen Anwendungen suchen nach Nutzern. Zu Beginn der App-Store-Ära waren es 500 Titel.

Die Bezahlmodelle haben sich seither auch mehrmals gewandelt. Gab es zu Anfang nur Gratis-Apps oder solche, die einmalig kosteten, kommt man heute kaum noch dazu die Kosten für eine App richtig zu bewerten. Initial gratis, aber mit In-App-Käufen und dann wieder im Abo, die erste Zeit kostenlos. Ab Herbst kommt mit Apple Arcade etwas völlig Neues: Eine Flatrate für bestimmte Apps, hier eben Spiele, für die man vermutlich 10 Euro pro Monat zahlt, um beliebig oft beliebige Titel aus einer Auswahl von zunächst 300 Games zu spielen. Das Ganze dann auch noch für den Mac, der dank der Catalyts-Tools nun auch endlich vom Erfolg des iOS-App-Store profitieren soll.

Der Mac kennt aber vor allem aus historischen Gründen noch andere Bezugsquellen außerhalb des Mac App Store, was Apple anscheinend immer mehr mit Argwohn sieht. Immerhin hat die teilweise Öffnung des iOS-Ökosystems die einst feindlich empfundenen Piraten zu gesetzestreuen Händlern und Kunden gemacht. Eine kleine Minderheit versucht sich zwar immer noch an Jailbreaks, findet für die spärliche Beute aber kaum Absatz. Indes wachsen aber die Vorwürfe, Apple würde seine App Stores quasimonopolistisch betreiben – und so zur Navy auf den sieben Weltmeeren des App-Planeten werden.

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