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AppleScript: Götterdämmerung für Apples Skriptsprache?

22.11.2016 | 11:43 Uhr |

Nach der Entlassung von Sal Soghoian erscheint die Zukunft von AppleScript ungewiss, dabei hängt an dem nützlichen Mac-Klassiker weit mehr als ein paar iTunes-Skripte.

Apple ist bekannt dafür, sich unsentimental von altem Ballast zu trennen, weshalb die Entlassung von Sal Soghoian für Aufsehen sorgte. Wurde Apples Product Manager for Automation Technologies doch nicht etwa ersetzt, sondern sein Geschäftsbereich Automatisierung komplett eingestellt – ein Bereich der auch für Automator, Dienste und weitere Technologien zuständig war.

Schnell wurden Befürchtungen laut, Apple würde vertraute Automatisierungstechnologien wie AppleScript und Automator nicht mehr weiter entwickeln oder gar einstellen. Das hat Apple aber bereits dementiert, so schrieb Apples Software-Chef Craig Federighi in einer Mail an einen Kunden, man bleibe diesen Technologien in macOS weiter verpflichtet. Allerdings nannte Federighi keine weiteren Details und von einer Weiterentwicklung ist bisher nicht die Rede. Aus Sorge um die Entwicklung veröffentlicht nun unser Macworld-Kollege Kirk McElhearn einen offenen Brief an Tim Cook , in dem er vor allem auf die Schwächen in iTunes hinweist und wie AppleScript und Automator den Anwendern aus der Patsche helfen. Eine Antwort Cooks steht noch aus.

Einen großen Fan-Kreis konnte Apples Skript-Sprache AppleScript eigentlich nie um sich versammeln: Würde man in einem Raum voller Mac-Anwendern nach Entwicklern mit aktiven Apple-Skript-Projekten fragen, sähe man wohl wenig erhobene Hände. Ganz anders sähe es da bei der Frage nach iOS-Projekten aus, sogar das neue Swift scheint ein Erfolg zu sein. Im Tiobe-Index der hundert beliebtesten Programmiersprachen taucht AppleScript ebenfalls nicht auf. Woran dies liegt? AppleScript sitzt in gewisser Weise zwischen den Stühlen: Es richtet sich eigentlich an Anwender, weniger an Programmierer. Es gilt aber bei manchen Anwendern als „für Profis zu doof und für Anwender zu schwer“ bzw. „einfach zu lesen, schwer zu schreiben“. Bei der Erstellung eigener Skripte gibt es doch einige Hürden zu überwinden und nicht alle Mac-Programme können auch mit den proprietären AppleScript-Befehlen gesteuert werden. Vielleicht liegt es auch daran, dass bei vielen der Grund für den Kauf eines Macs der Wunsch war, möglichst wenig mit Code zu tun zu haben.

Wer braucht AppleScript?

Der Autor ist eigentlich kein Fan von AppleScript, sehr wohl aber von Automator. Ein Durchschnittsanwender erstellt wohl so gut wie nie eigene AppleScripts, allerdings nutzen gar nicht so wenige ein Automator-Skripte für das Umwandeln von Mediendateien oder Konvertieren von Bilddateien. Man braucht solche Workflow-Skripte vielleicht nur selten, dann aber kann ein Skript für den Import von Daten oder das Skalieren von Bilddateien unzählige Arbeitsstunden einsparen. Man unterschätzt außerdem leicht, wie viel AppleScript-Code in beliebten Apps und Workflows steckt. So ist die beste Quelle für iTunes-Erweiterung immer noch die Seite Doug´s AppleScript for iTunes .

Eine Stärke von Apples Skript liegt in der Erweiterung  und Verknüpfung von  Programmen. Bietet eine App Script-Unterstützung, kann man beispielsweise iTunes-Aufgaben automatisieren und Word und Excel um neue Funktionen erweitern. Allerdings hängt der Wert der AppleScript-Unterstützung stark vom jeweiligen Programm ab. So soll laut Berichten die Unterstützung von Quark Xpress ihre Macken gehabt haben, dagegen die von Adobes Creative Suite hervorragend sein.  Leider hat das so genannte Sandboxing von Apps viele Einschränkungen für AppleScript gebracht und selbst bei einem verbreiteten Programm wie Excel bringt jedes Update auch neue Probleme. So kann man beispielsweise in Excel 2016 ein AppleScript nur noch per VBA-Skrip t aufrufen und langfristig will Microsoft auch bei Office auf Javascript statt VBA setzen.

Es ist weniger der Heimanwender, der zu Skripten greift, als der berufliche Anwender und Systemadministrator. Automatisierung spart diesem viel Zeit und Frust, kann er doch tägliche Routine-Aufgaben oft mit einem Skript bewältigen. Und mit Automator kommen schließlich auch Einsteiger zurecht. So ist ja seit OS X 10.10 außerdem auch das besser bekannte Java Script nutzbar, kann man doch mit Java Script for Automation diese Skriptsprache anstelle AppleScript nutzen.

Es gibt außerdem noch andere Automatisierungstechniken neben Apple Script. Schade wäre es, sollte Apple die Dienste einstellen. Auch diese Produktivitätsschnittstelle gehörte zum Geschäftsbereich Automatisierung und ist in Einzelfällen äußerst praktisch. Per Kontextmenü kann man beispielsweise aus Safari Übersetzungsdienste wie Linguee abfragen, Fotos im Finder skalieren oder eine Textauswahl in einem anderen Programm öffnen. In den letzten Jahren ist es aber etwas ruhig um die per Kontextmenü, Menüleiste und Tastenbefehl nutzbaren Aktionen geworden.

Ist Siri schuld?

Die Vermutung liegt nahe, dass Apple stark auf den Sprachassistenten Siri setzt. Per Sprachbefehl kann man damit ebenfalls produktiv arbeiten, beispielsweise Dateien suchen oder Termine auflisten. In gewisser Weise steht Apple Script dabei in Konkurrenz zu Siri. So gab es mit den Dictation Commands eigentlich schon eine auf AppleScript basierende Sprachsteuerung. Nach Meinung von Sal Soghoian, der mit  dictationcommands.com eine eigene Webseite zu dem Thema pflegt, seien diese Siri sogar überlegen. So braucht man im Unterschied zu Apple Assistenten keine Internetverbindung, kann Dateien lokal verwalten und Programme bedienen. Die Einschränkung ist natürlich, dass man für jeden Befehl ein vorgefertigtes Skript benötigt - künstliche Intelligenz kann man dies nicht nennen. Was aber auch gegen Apple Script spricht: Auf der wichtigen iOS-Plattform ist AppleScript ebenfalls nicht nutzbar und ist auf die Mac-Plattform beschränkt.

Was wird aus AppleScript

Könnte Apple seine altgediente Skriptsprache langsam „auslaufen lassen“? Im Laufe der nächsten Jahre ist dies sicher möglich, die Funktionen werden wohl noch lange verfügbar sein aber mangels Ressourcen nur noch an neue Systeme angepasst werden. Für die Automatisierung kann Apple schließlich auf viele Alternativen verweisen: AppleScript ist nicht die einzige Skriptsprache auf dem Mac, einige Alternativen funktionieren sogar plattformübergreifend. Profis aus der Unix- oder Linux-Welt können dank Unix-Unterbau Shell Skripte nutzen, von Python, Javascript und PHP ganz zu schweigen. Während Apple anscheinend das Interesse an AppleScript verliert, ist seit kurzem sogar Microsofts Power Shell auf dem Mac nutzbar: Microsoft hat auf Github eine erste Alpha-Version vorgestellt.

Erstaunlicherweise hat Apple mit Swift sogar gerade eine eigene Programmiersprache vorgestellt und mit der iPad-App Playgrouns eine eigene Lern-App. Die Vermutung liegt nahe, dass AppleScript Cupertino einfach zu alt und unmodern geworden ist. Und zugegeben: Will man Kinder und Jugendliche für das Programmieren begeistern, würde wohl wenigen AppleScript dafür einfallen.

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