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Apples Frühzeit: Wegweisende Designs von Hartmut Esslinger

12.07.2021 | 13:00 Uhr | Thomas Hartmann

Berühmt und nachwirkend ist nach wie vor der Gestaltungswillen des langjährigen Apple Designchefs Jonathan Ive . Doch lange vor ihm gab es einen anderen großen Designer für Cupertino.

Aufmerksam wurden wir auf Hartmut Esslinger, der älteren Apple-Generationen mit Design-Interesse wohlbekannt ist, wieder durch die Abbildung eines uns vorher unbekannten angeblichen ”Apple Prototype” von 1980 mit damals noch buntem Apple-Logo, der auf der Fan-Facebookseite ” The Vault of the Atomic Space Age ” durch einen User veröffentlicht wurde, leider ohne weiteren Hinweis. Also haben wir uns im Internet auf die Suche gemacht und tatsächlich vergleichbare Abbildungen gefunden. Vor allem fällt die leichte Hochkant-Orientierung des für damalige Verhältnisse futuristisch wirkenden Apples auf. Dieser erinnert wiederum an die Xerox-Workstations, welche für Steve Jobs und auch Bill Gates Anregung für die grafischen Oberflächen ihrer Desktop-Betriebssysteme waren.

Wegweisende Designstudien

Tatsächlich finden wir eine interessante Webseite namens Design Boom . Hier wird Hartmut Esslinger (geboren 1944 in Altensteig, Baden-Württemberg) nicht nur ausführlich zitiert, sondern auch viele seiner Entwürfe vorgestellt, die unter dem Projektnamen ”Snow White” liefen. Dies in enger Abstimmung mit Steve Jobs als damals ja nicht unumstrittenes Mitglied des Apple-Managements, trotz seiner legendären Gründerrolle. Dort findet sich sogar ein ”Macphone” von 1984, das offenbar mit einem angepassten Apple-Betriebssystem auf einem relativ großen Display ausgestattet war. Es gibt Entwürfe für ”Tablet-Macs”, die auf bestehende Geräte aus dem Apple-Fuhrwerk zurückgreifen und diese zum Beispiel um eine schöne weiße Tastatur erweitern. Oder eben von 1982 ähnlich dem erwähnten ”Apple Snow White”, der an die damals besonders populäre Sony-Formensprache anknüpfen sollte. Doch es gab auch die von uns vermutete Zusammenarbeit mit Xerox, wie auf der Website zu lesen ist.

Drei Konzepte, Esslinger setzte sich durch

Interessant ist letztlich die Aufstellung der drei verschiedenen Konzepte, die von Esslinger aufgezählt werden, um bei Apple zukünftig Geräte in einer möglichst einheitlichen Formensprache zu gestalten. Da war zum einen der Versuch, an das Sony-Design anzuschließen. Dann eine Formgebung im Stil von ”Snow White 2 Americana” als Hightech-Design klassischer amerikanischer Design-Statements. Und schließlich der von Esslinger selbst favorisierte und weiter verfolgte Konzeptansatz, der Apples zukünftiges Design in der Tat nachhaltig prägen sollte. Esslinger hat mit seinen Entwürfen und Ideen die Designsprache von Apple maßgeblich geprägt und folgte Steve Jobs später auch zu Next. Offenbar war er auch an der Gestaltung des Next Cube beteiligt.

Form folgt der Funktion

In früheren Zeiten hatte Esslinger länger für Sony und Wega gearbeitet. Man merkt seinen Konzepten an, dass ganz offensichtlich auch Braun und das berühmte Bauhaus-Motto ”form follows function“ ihn beeinflusst haben. Ob er seinerseits Wirkungen auf Jonathan Ive hatte, ist zu vermuten. Obwohl dieser dann eher der Strategie folgte, so minimalistisch wie möglich zu designen, sodass man glauben mochte, Ives Motto hieß eher ”function follows form”, wenn etwa Ports für externe Anschlüsse an seinen Geräten kaum noch zu sichten waren. Doch das sei dahingestellt.

Möchte man noch mehr über Hartmut Esslinger, auch als Gründer von ”frog design”, wissen, hilft das Buch ”Keep it Simple: The Early Design Years of Apple”, das es bei Amazon.de für 13 Euro gibt und sich mit den zahlreichen Abbildungen von Produkten, Konzepten und Skizzen unbedingt lohnt. Es ist schon erstaunlich, welche Ideen man bereits in frühen Jahren etwa für ein ”Apple Macbook” hatte, auch die Lisa wurde konstruktiv weitergedacht. Extrem spannend ist der Entwurf ”Jonathan Modular Macintosh”, mit dem man im Oktober 1985 John Sculley einen Mac in Schwarz, alternativ auch im vertrauten Weiß, präsentierte, der in Schächten Module enthielt auch für andere Betriebssysteme wie Apple II-DOS oder MS-DOS und sogar Commodores Amiga-OS. Das Konzept setzte sich so damals nicht durch, doch später sollte Apple tatsächlich einen Mac anbieten, in dem parallel zum Power PC-Chip von Motorola ein Intel-Prozessor on the fly umschaltbar für Windows taktete ( Power Macintosh 6100/66 DOS Compatible ). Doch 1985 kurz nach der Präsentation des Macintosh passte ein solcher Ansatz nicht in die Pläne des Apple-Managements um Sculley.

”Mobile Phone” noch längst kein Smartphone

Spannend sind auch Entwürfe für ein ”Mobile Phone”, ein aufklappbares Apple-Telefon mit Tasten und Headset sowie einem Armband ebenfalls mit Tastatur, sozusagen eine sehr frühe Art ”Apple Watch” von 1983 in der ”Snow White Design Strategy”, oder ein ”Macbook”, das dem Macbook Air von 2008 (dann maßgeblich von Jonathan Ive gestaltet) verblüffend ähnelt, wie die direkte Gegenüberstellung andeuten will.

Die Zitate aus der oben genannten Website stammen übrigens aus diesem englischsprachigen Buch, das wir uns für den Urlaub zum genaueren Lesen vorgemerkt haben. Im Moment faszinieren uns erst einmal die zahlreichen Designkonzepte, die ihrer Zeit oft voraus schienen und in manchen Fällen auch praktische Umsetzung fanden.

Hartmut Esslinger, der inzwischen die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hat, wird als Technik-Designer für Apple einen maßgeblichen Platz im Gedächtnis behalten mit einer Formsprache, die auch heute noch überzeugen kann.

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