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Bei der IFA 2020 vor Ort: Die große Tristesse

04.09.2020 | 13:39 Uhr | Panagiotis Kolokythas

Die IFA 2020 leidet unter den widrigen Umständen. Wir sind dennoch vor Ort und schildern unsere Eindrücke.

Die IFA 2020 findet aufgrund der weltweiten Corona-Pandemie in diesem Jahr nur als verkürzte und stark abgespeckte „Special Edition“ vom 3.9. bis 5.9.2020 statt. Das macht sich auch sofort vor Ort bemerkbar, wie wir bei unserem Besuch in Berlin feststellen können. Bereits die Anfahrt ist im Gegensatz zu den Vorjahren völlig problemlos: Wo früher Polizisten den Autoverkehr zur Messe regeln mussten und Busse und Bahnen überfüllt waren, ist die Anreise zum Messegelände nun so, als wäre man fast alleine auf dem Weg zum Messebesuch.  Direkt an der Einlasskontrolle gibt es ebenfalls keine Schlangen, draußen stehen jedenfalls mehr Taxis in der Schlange, als drinnen Menschen in die IFA hineinwollen.

Das hat natürlich mit den Umständen zu tun: Die IFA 2020 Special Edition ist im Gegensatz zu allen vorangegangenen IFA-Messen nicht für das öffentliche Publikum geöffnet. Und selbst Fachpublikum und Presse musste sich vorab registrieren und darf nur nach einer persönlichen Einladung vor Ort teilnehmen. So soll sichergestellt werden, dass sich nicht zu viele Leute in den Hallen drängeln. 

Vor Ort zeigt sich nach dem ersten Messetag am 3. September auch: Die Erwartungen der Veranstalter waren wohl zu hochgesteckt. Tatsächlich nehmen nur vergleichsweise wenige, zumindest weniger als erwartet, Fachbesucher, Aussteller und Medienvertreter an der IFA 2020 teil. Der Berliner Platzhirsch AVM hatte den Braten schon gerochen und seine ursprünglich geplante Teilnahme noch abgesagt.

Die Media Lounge in Halle 1.2
Vergrößern Die Media Lounge in Halle 1.2
© Panagiotis Kolokythas / IDG

In 30 Minuten auf der IFA schon alles gesehen

Das Hauptgeschehen beschränkt sich auf nur vier Hallen (Halle 1.2, 2.2, 3.2 und 4.2): In der ersten Halle befinden sich in der einen Hälfte die teilnehmenden Aussteller und in der anderen Hälfte eine Media Lounge. 

In einer ganzen Halle gibt es Catering inklusive ausreichend Platz, die (nicht ganz günstigen) Speisen zu sich zu nehmen
Vergrößern In einer ganzen Halle gibt es Catering inklusive ausreichend Platz, die (nicht ganz günstigen) Speisen zu sich zu nehmen
© Panagiotis Kolokythas / IDG

Dann kommen noch Hallen jeweils für die Pressekonferenzen und Vorträge und eine komplette Halle, in dem diverse Foodtrucks und Stände Essen verkaufen inklusive großzügiger Sitzgelegenheiten, um die Speisen dann auch zu sich zu nehmen.

Huawei hält der IFA auch vor Ort die Treue in diesem Jahr
Vergrößern Huawei hält der IFA auch vor Ort die Treue in diesem Jahr
© Panagiotis Kolokythas / IDG

Der Ausstellerbereich in Halle 1.2 fällt sehr klein aus, viele große Hersteller, die quasi zur IFA-Familie dazugehören, verzichten in diesem Jahr auf ihre Teilnahme. Unter den namhaften Unternehmen, die überhaupt vor Ort mit größeren Ständen sind, gehören Huawei, TP-Link und Beurer, einem bekannten Hersteller von Blutdruckmessgeräten und Körperanalysewaagen

Gehört auch zu den Ausstellern in Halle 1.2: Satisfyer liefrrt Antworten auf spannenden Fragen, die frau heutzutage so plagen
Vergrößern Gehört auch zu den Ausstellern in Halle 1.2: Satisfyer liefrrt Antworten auf spannenden Fragen, die frau heutzutage so plagen
© Panagiotis Kolokythas / IDG

Einen etwas größeren Stand hat auch der Love-Toy-Anbieter Satisfyer, der auch seine Produkte mit schmissigen Werbetexten wie "Can I Feel A Strangers Orgasm" oder "Can An App Change My Sex Life" anpreist. In Zeiten, in denen auch Frauen ihre soziale Kontakte so stark einschränken mussten, sicherlich spannende Fragen. Alle physisch vor Ort bei der IFA 2020 befindlichen Aussteller sind verteilt in einer halben Halle. Wo man früher mehrere Tage brauchte, um alle IFA-Aussteller und Neuheiten zu sehen, genügen heute – wenn man langsam läuft – gerade mal 30 Minuten.

IFA Next findet im unteren Bereich des Citycube statt - den bisher immer Samsung zu IFA-Zeit komplett in Beschag hatte
Vergrößern IFA Next findet im unteren Bereich des Citycube statt - den bisher immer Samsung zu IFA-Zeit komplett in Beschag hatte
© Panagiotis Kolokythas / IDG

In den unteren Bereich des Citycube, den normalerweise Samsung (dieses Jahr nicht auf der IFA) jährlich komplett zur IFA belegt, ist die IFA Next ausgelagert, wo kleinere StartUps neue Technologien und Produkte der Zukunft vorstellen. Aber auch dort finden sich in diesem Jahr viel weniger Aussteller und auch dort ist der Andrang, wenn überhaupt von „Andrang“ die Rede sein kann, eher bescheiden. Für die IFA Next kann das einem schon richtig leid tun, denn sie hatte im vergangenen Jahr für die IFA eine neue, runde Halle erhalten und war aufgrund der spannenden Produktneuheiten und des „Es gibt viel zum selber Auspropieren“-Prinzips ein Geheimtipp für alle IFA-Besucher.

IFA 2020 ist mehr als nur das, was man vor Ort sieht! Bei all den widrigen Umständen fällt auch die Ausbeute an Neuheiten aus, die man direkt auf der IFA in Berlin sehen kann. Die wichtigsten Neuheiten gibt es eigentlich nur bei der virtuellen IFA, wo auch alle großen Unternehmen, die Unterhaltungselektronik und weiße Ware produzieren, vertreten sind: Unter https://xtended.ifa-berlin.com.

Top-Organisation und Hygienemaßnahmen auf der IFA 2020

Die gesamte Organisation der IFA 2020 Special Edition ist – wie gewohnt – vorbildlich: In allen Hallen und im gesamten Innenbereich ist das Tragen einer Maske Pflicht und der Großteil hält sich an diese Vorgaben. Das Messepersonal achtet sorgsam darauf und ermahnt auch mal nachdrücklich, wenn man gegen die Hygienevorschriften verstößt.

Auf Abstände wird stark geachtet - hier machen es die Veranstalter vorbildlich
Vergrößern Auf Abstände wird stark geachtet - hier machen es die Veranstalter vorbildlich
© Panagiotis Kolokythas / IDG

Dazu gehört auch, dass Hallen nur immer in eine bestimmte Richtung betreten und verlassen werden dürfen. Überall ausreichend Desinfektionsmittel vorhanden ist und das bei allen Sitzgelegenheiten auch mindestens ein Abstand von 1,5 Metern eingehalten wird.

Die Geschichte der IFA: Röhrenradios, UKW, tragbare TVs & Miss IFA

Man merkt, dass die Veranstalter alles dafür getan haben, um die Vorgaben nicht nur zu erfüllen, sondern den Teilnehmern trotz allem auch noch ein gutes und sicheres Gefühl während ihres Messebesuchs zu geben.

IFA 2021 kehrt hoffentlich wieder zur Normalität zurück

Wo früher bereits morgens Schulklassen und Familien das Messegelände inklusive Sommergartens während der IFA zum Leben erweckten, dominiert in dem eingeschränkten Bereich, in dem die IFA 2020 Special Edition in diesem Jahr stattfindet, vor allem Tristesse. Keine Musik, keine Shows, nur scheinbar wenig ausländisches Publikum und noch weniger Teilnehmer aus dem asiatischen Raum. Schuld sind die Reisebeschränkungen und die Abwägung, ob man sich "nur" wegen einer IFA auch den mit einer Reise verbundenen Strapazen inklusive Quarantäne & Co. aussetzen möchte.

Die IFA war bisher immer ein kunterbunter Ort, in dem neben den Produkten auch das Miteinander und der Spaß im Mittelpunkt standen. Abgerundet wurde das alles von den Konzerten im Sommergarten, die vor allem auch junges Publikum anzogen.

Manch einer mag noch in diesen Erinnerungen schwelgen, was auch die etwas traurige Stimmung erklären würde, die über dem ganzen Geschehen in diesem Jahr liegt. Das miese Regenwetter der ersten beiden Messetage tut da dann sein übriges, dass vor Ort auf der IFA nicht so die richtig Freude aufkommen mag.

Hoffen auf eine wieder normale IFA im Jahr 2021
Vergrößern Hoffen auf eine wieder normale IFA im Jahr 2021
© Panagiotis Kolokythas / IDG

Man merkt eben auch vor Ort in Berlin, dass wir gerade in besonderen und schwierigen Zeiten leben, während derer alle Beteiligten ihre Verantwortung ernst nehmen, alles notwendige zu tun, um die Corona-Pandemie einzudämmen. In dem man sich nur um sich selbst und seine Gesundheit kümmert, sondern auch mehr Fürsorge für alle seine Mitmenschen zeigt. Die Gespräche mit anderen IFA-Teilnehmer sind da schon etwas ernster als in früheren Jahren. Aber irgendwie freut man sich dann doch, wieder die alten, vertrauten Gesicht zu sehen.

Insgeheim hatten die Veranstalter aber sicherlich auf mehr Resonanz gehofft. Also dass mehr Menschen nach Berlin zur IFA kommen, um sich direkt und von Person zu Person auszutauschen. Letztendlich ist es auch das, was wir hinter vorgehaltener Hand von vielen Firmenvertretern hören: Während der Corona-Pandemie haben wir gelernt, dass digitale Veranstaltungen und Meetings auch funktionieren und wohl eine größere Rolle in der Zukunft spielen werden, weil sie den Teilnehmern viel Zeit und Kosten sparen. Aber der direkte Kontakt wird auch weiterhin unverzichtbar bleiben.

Bleibt also zu hoffen, dass auch mit der IFA 2021 wieder ein Weg zurück zu der Normalität gefunden wird. Wie die Lage aber in einem Jahr im September 2021 aussehen wird, mag wohl aktuell keiner vorhersagen.

Für eine so traditionsreiche und wichtige Messe wie die Internationale Funkausstellung in Berlin kann es aber nur besser als im Jahr 2020 werden.

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