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Bericht über Scam-Apps: Hat der App Store ein Problem mit Abzock-Apps?

07.06.2021 | 15:15 Uhr | Stephan Wiesend

Apples App Store ist zwar frei von Malware, nach einer Reportage der Washington Post gibt es aber viel zu viele betrügerische Apps.

Apple betont zwar immer wieder, dass in seinem App Store nur geprüfte Apps aufgenommen werden. Auch im Gerichtsprozess gegen Epic ist die Prüfung und Schutz der Kunden ein oft genannte Grund für die Abgeschlossenheit des App Stores. Wie ein Bericht der Washington Post zeigt, wird man aber von einer beträchtlichen Anzahl der Apps schlicht übers Ohr gehauen. Laut Recherchen waren von den beliebtesten tausend Apps in den Bestenlisten knapp zwei Prozent eindeutig sogenannte Scam-Apps – Apps, die zwar keine Daten stehlen oder Nutzer ausspionieren, aber für ein wertloses Produkt sehr viel Geld verlangen.

Der Vorwurf ist nicht neu, wir haben schon oft über Scam-Apps berichtet. Einen schlechten Ruf haben neben vielen VPN-Apps auch überraschend viele kleine Hilfsprogramme – die für niedrigen Funktionsumfang hohe Gebühren fordern.

Was Apple gegen den Scam unternehmen sollte

Hier könnte Apple nach Ansicht der Washington Post mehr tun. Am 21. April hatte Apple Chief Compliance Officer Kyle Andeer bei einer Anhörung vor dem Kongress behauptet, Apple wäre zwar nicht perfekt, würde hier aber einen besseren Job machen als andere. Am nächsten Tag ging die  Post für ihren Report die 1000 beliebtesten Apps im App Store durch und fand insgesamt 18 betrügerische Apps, allein fünf davon VPN-Apps, die irreführende Werbung nutzten und über die sich Kunden beschwert hatten. Betrügerische Methoden nutzten außerdem einige Dating-Apps. Ein offensichtlicher Scam war auch eine QR-App, die gegen eine Abo-Gebühr eigentlich nur die QR-Scan-Funktion des Systems bereitstellte.

Ein wichtiger Bestandteil des Betrugs sind gefälschte Nutzerbewertungen, die für einen vorderen Rang in Apples Bestenlisten sorgen und potentiellen Käufern eine lohnenswerte App vortäuschen. Laut FakeSpot seien aber wohl 25 bis 30 Prozent der Nutzerbewertungen gefälscht – Apple Prüfsystem einfach nicht gut genug. Einige Apps tricksen dabei sogar bei der Bewertung, etwa die App Streamer für Fire Stick TV. Wie die Firma Corellium bei Untersuchung der App feststellte, gibt es dafür aber auch einen Grund: Nutzer der iOS-Version können sie nur mit einer hohen vier- oder fünf-Sterne-Wertung bewerten. Ein Code-Trick machte eine niedrigere Bewertung nicht möglich.

So funktioniert die Abzocke

Ein Beispiel für dieses auch als Fleeceware bekannte Prinzip ist etwa die App Smart Control, auf die selbst ein erfahrener Software-Entwickler wie Simon Willison hereinfiel. Der iOS-Profi suchte im App Store die Fernbedienungs-Apps für seinen neuen Samsung-Fernseher und wurde von der Suchfunktion an die App „Smart Things“ verwiesen. Nach der Installation wunderte er sich zwar, dass Samsung für seine iOS-App 19 Dollar wollte, bezahlte aber, irritiert über Samsungs Geschäftsgebaren, die Gebühr – in Vertrauen in Apples Auswahlprozess, wie er der Washington Post erzählte.

Die App stammt aber von TV Cast Limited und ist durchaus nutzbar, handelt es sich doch wirklich um eine Fernbedienungs-App für Samsung-Fernseher. Sie ist aber kostenpflichtig und bietet für hohe Kauf- oder Abogebühren weniger Funktionalität und Stabilität als die kostenlose Fernbedienungs-App von Samsung.  Da sie aber über die Suchfunktion an erster Stelle aufgelistet wird (auch bei Redaktionsschluss) halten viele sie für die offizielle Samsung-App. Wie ein aktueller deutscher Nutzerkommentar zeigt, glauben viele sie würden von Samsung selbst abgezockt.

Nach unserem Eindruck ein Fehler der Suchfunktion: Die App treibt auch im Google Play Store ihr Unwesen, bei einer Suche wird die Samsung-App aber erst an dritter Stelle angezeigt und hat nur wenige mäßige Bewertungen.

Sucht man nach "Smart Things" wird man auf die Scam-App verwiesen.
Vergrößern Sucht man nach "Smart Things" wird man auf die Scam-App verwiesen.

Laut Apple wird die Überprüfung der App ständig verbessert, allein im letzten Jahr hätte man 470 000 Entwickler aus dem Store verbannt . Wie Stan Miles vermutet, führt Apples rigorose Abwehr aber wohl auch dazu, dass die Scams immer raffinierter werden und gleichzeitig Kunden weiterhin Apples als sicher geglaubten Store vertrauen. Das Problem selbst ist nicht neu, so verweist die Zeitung auf einen empörten Phil Schiller, der sich in einer E-Mail von 2015 darüber aufregt, dass eine schlechte Kopie des Spiels "Temple Run" auf Platz eins der Freeware-Charts gelangen konnte. Aktuell sind laut dem Artikel 500 Personen mit der Prüfung von Apps betraut, angesichts der zahlreichen Neuaufnahmen scheint dies aber wohl einfach zu wenig.

Unsere Meinung

Abzock-Apps sind längst keine Seltenheit mehr, offensichtlich werden die Betrugsversuche immer raffinierter. Wir empfehlen, vor der Installation etwas misstrauischer zu sein. Vor allem kann man bei der Suche nach einer App im App Store nicht blind auf die App-Store-Suchfunktion vertrauen. Was aber beruhigt: Bei einem Fehlkauf ist meist immer noch die Stornierung des Kaufs über die Seite reportaproblem.apple.com möglich. Wie genau das funktioniert, haben wir im Ratgeber " Apps im App Store zurückgeben " beschrieben.

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