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Big Data beeinflusst die US-Wahl – auf beiden Seiten

08.11.2016 | 16:47 Uhr |

Während Trump stark auf soziale Medien setzte, nutzte Hillary Clinton Big Data – im Wert von vielen Millionen.

In Zeiten vor dem Internet war der Wahlkampf einfacher aber auch gnadenloser: Ein Kandidat präsentierte sich im US-Fernsehen ein einziges Mal blass und unrasiert und war erledigt (so die Legende zum Wahlkampf zwischen Kennedy und Nixon). Zur heute stattfindenden Wahl zum US-Präsidenten ist es anders. Eher an einen Marathon erinnert der von unzähligen Meldungen, Feeds und Videos begleitete Wahlkampf.

Auch in den letzten Stunden könnte ein Skandal auf einer der beiden Seiten noch einmal einige Millionen Wähler beeinflussen. Um Schaden in letzter Minute zu verhindern, sollen Berater dem Kandidaten Donald Trump deshalb am Dienstag den Zugriff auf sein Twitterkonto gesperrt haben . Auffallend ist die unterschiedliche Medienstrategie der beide Kontrahenten. So setzte Hillary Clinton im Vergleich zu Barack Obama auf eher traditionelle Wahlwerbung während Donald Trump auf brachiale Präsenz in den sozialen Medien und Wahlveranstaltungen.

Was man nicht unterschätzen sollte, obwohl es kein Medienthema ist:  Die Demokraten nutzen seit den letzten Wahlen sehr stark Big Data und eine sehr professionelle "Kunden-Kommunikation“. So setzte Hillary Clinton wie ihr demokratischer Vorgänger Barack Obama beim Wahlkampf neben tausenden Wahlhelfern modernste Software ein und gilt dabei den konservativeren Republikanern als überlegen. Kann man da nicht mithalten, geht man schnell unter. So sind wohl vielen Europäern beispielsweise die anderen  Präsidentschaftskandidaten völlig unbekannt.

Bei Anrufen unterstützt eine App die Wahlhelfer mit Informationen.
Vergrößern Bei Anrufen unterstützt eine App die Wahlhelfer mit Informationen.

Für Europäer ist diese Professionalität und der millionenteure Aufwand bei der Wahlwerbung befremdlich, was beide Parteien betrifft. Für den deutschen Zuschauer wirkt ja die demokratische Partei als die „europäischere“ und liberalere, was man angesichts von Datenskandalen wie NSA und Co. vielleicht nicht überbewerten sollte. Für die Wahlwerbung nutzt die demokratische Partei über Jahre gepflegte Datenbanken mit persönlichen Daten potentieller Wähler, die „jeden deutschen Datenschützer erstarren ließen“, so das "heute journal" in einem Bericht am Montag. Was deutsche TV-Journalisten hochgradig irritiert: Die Wahlhelfer verwenden dabei eine Software, die man hierzulande eher von Telemarketing-Agenturen oder als CRM-Software kennt. Die Wahlhelfer der Demokraten greifen bei einem Anruf eines Wählers auf riesige Datenbanken mit persönlichen Daten zu, um angerufene Wähler zu überzeugen – auch per Skript. Das sorgt dafür, dass jeder Anrufer Informationen über den angerufenen potentiellen Wähler vor sich hat, der Wähler aber nicht unnötig oft angerufen wird. Jeder Anruf liefert schließlich weitere Daten. Es gibt zwar auch in den USA Einschränkungen bei Telemarketing wie den Verbot von Robocalls, bei politischen Kampagnen sind diese aber weniger strikt. Im Prinzip ist der Kandidat das Produkt und der Wähler der zu überzeugende Kunde.

Software optimiert Reiserouten

Steht ein Wahlhelfer der Demokraten vor der Haustür eines potentiellen Wählers, hat eine Datenbanksoftware seine Route ausgewählt und Kandidaten mit „Wechselwillen“ aufgespürt – nicht zuletzt per vorherigen Anruf.  Versenden die Wahlkämpfer Massen-E-Mails, erfolgt vorher von Spezialisten eine Optimierung von Betreff und Inhalt sowie ein so genanntes A/B-Testing bevor sie personalisiert und an 8,6 Millionen Kontakte versandt werden. Laut Bloomberg hat dagegen der Konkurrent Trump keine 1,1 Millionen Adressen in seiner Kampagnen-Datenbank, und versandte laut Studien auch nur ein Zehntel an E-Mails.

Berichten zufolge stammt die Software von einer Firma namens Timshel, die vom Google-CEO Eric Schmidt gefördert wird. Allgemein gilt, dass Silicon Valley auf Seiten der Demokraten steht, was sich nicht nur in Spenden sondern ebenso bei der Bereitstellung von personellen Ressourcen widerspiegele.  So ist schließlich auch das UNHCR Kunde von Timshel und an ihrem Einsatz ist moralisch nichts verwerflich. Es ist allerdings für Deutsche wohl noch nicht vorstellbar, dass einen ein Wahlhelfer von Angela Merkel anruft und nach seiner Wahlabsicht fragt. Über die Rechtslage in Deutschland sind wir uns nicht ganz sicher, aber auch hier wären Anrufe wohl nicht verboten. Schließlich geht um keine Produkt-Verkäufe, sondern politische Umfragen. Eine andere Frage wäre dagegen, ob sich eine deutsche Partei eine derart teure Kampagne leisten könnte.

Dominanz von Social Media bei den Republikanern

Fast schon altmodisch klingen da die Berichte über den Wahlkampf der Republikaner.  Zwar planen auch hier die Wahlkämpfer ihre Wählerbesuche per App und nutzten ähnliche Techniken und Ressourcen, anscheinend aber weniger erfolgreich. Die Kandidaten Bush, Fiorina und Cruz griffen beispielsweise mit Echelon Insights auf eine Analyse-Software zurück, die Kampagnen der Gegner in Echtzeit analysierte. Donald J. Trump hatte im Vergleich zu Hillary Clinton zu Beginn vergleichsweise wenig Helfer. Seine Medienstrategie war wohl vor allem aus der Not geboren, aber erfolgreich. So ist er durch seine medienwirksamen öffentlichen Auftritte und Twitter-Feeds sehr präsent gewesen. Mit 13 Millionen Followern gehört er zwar nicht zu den Top 100 wie Katy Perry oder Barack Obama. Er liefert aber über seinen auf Rang 130 platzierten Account nicht zuletzt hunderte zitatreife Beschimpfungen, wobei sich hunderte direkt an die Presse richten (und dort sofort empört zitiert werden). Diese Kurzzeit-Präsenz oder geradezu Guerilla-Marketing hat sich als äußerst erfolgreich herausgestellt. Das musste auch Michael Slaby , zuständig für die Obama Kampagnen 2008 und 2012, widerwillig anerkennen. Vor allem für das „Agenda Setting“ war diese Technik wohl unschlagbar. Sind doch Webmedien geradezu verliebt in kurze knackige Artikel, für die Trumps Ausfälle immer ideal geeignet waren.

Fazit

Ob die Medien in diesem Wahlkampf versagt haben, würde von den beiden Seiten wohl unterschiedlich beurteilt. Echte politische Debatten zwischen zwei Parteien können sich in sozialen Medien wie Twitter und Facebook aber anscheinend kaum noch entwickeln. Leider gibt es hier eher die Tendenz, dass Nutzer nur noch diejenigen Beiträge lesen und sehen, die sie in ihren Meinungen bestätigen – auf beiden Seiten. Ein Phänomen, dass auch als Filter Bubble oder Informationsblase bekannt ist. Da sind dann auch Meldungen besonders brisant, sind, die jedes Lager nach eigenem Gusto interpretieren kann. So wirken die beiden öffentlichen Briefe von FBI-Chef James Comey an den Kongress im Zeitalter sozialer Medien und überhitzter Webmedien besonders fatal. Comey hatte in einem ersten Brief neue Untersuchungen in der E-Mail-Affäre um Hillary Clinton angekündigt, dies in einem zweiten Brief widerrufen.  Für das Lager der Republikaner ist dies natürlich kein Eingeständnis eines Irrtums sondern eine Vertuschung und Verschwörung, was per Twitter und Facebook auch lautstark angeprangert wird. Anhänger der Demokraten sehen natürlich in beiden Briefen eine republikanische Verschwörung .

Wer wird nun gewinnen? Bei der Vorhersage einer Wahl gibt es noch immer keine verlässlichen Methoden – trotz Big Data liegen die Meinungsforscher hier zu oft stark daneben. In den meisten Umfragen lag zwar Hillary Clinton vor Donald Trump mit aktuell 46,8 zu 43,6 Prozent, der Abstand ist aber äußerst knapp. Das letzte Wahllokal (in Alaska) schließt erst am Mittwoch 6.00 Uhr MEZ, aber schon am Morgen wird es ein endgültiges Ergebnis geben.

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