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Corona-Warn-App: Das spricht dafür – und das dagegen

20.06.2020 | 13:12 Uhr | Peter Müller, Halyna Kubiv

Der Informationen sind nun genug gegeben, ein jeder und eine jede möge nun entscheiden, ob die App auf das Smartphone kommt.

Pro: Natürlich installieren

Drei Monate Pandemie sind ins Land gegangen und an die neue Normalität kann man sich nicht gewöhnen. Die Kenntnisse über das Virus Sars-CoV-2 und seine Verbreitungswege steigen von Tag zu Tag – und wie es in der Wissenschaft nun mal so ist, wenn sie sich mit einem neuen Phänomen beschäftigt, sind viele Erkenntnisse von gestern bereits überholt, während der heutige Stand des Wissens morgen schon von gestern sein kann. Einige Sachen sind aber klar: Ein Virus, bei dem keinerlei Immunität in der Bevölkerung besteht, ist gefährlich. Der Begriff "Risikogruppe" bedeutet ja auch nur, dass ältere, vorerkrankte, adipöse, hypertonische und diabetische Personen eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, schwer zu erkranken. Aber auch jungen, scheinbar gesunden Leute drohen Beatmungsmaschine und Eichensarg, wenn auch mit weit geringerer Wahrscheinlichkeit. Und vielleicht spielt ja doch die Blutgruppe eine Rolle oder ein Faktor, der bisher noch keine Berücksichtigung fand.

Das alles ist bekannt und ebenso ist es außerhalb der Kreise von verwirrten Aluhutträgern auch gemeinsamer Grund, dass nur Impfungen die Pandemie werden beenden können. Die wird aber auf sich warten lassen, selbst wenn es sogar gut möglich ist, dass das rettende Serum schon dieser Tage in einem Labor gefunden wird, dauern die klinischen Studien, die dessen Unschädlichkeit beweisen müssen, Monate lang.

Vielleicht gibt es aber doch andere Möglichkeiten der Ausrottung des Virus? Die Maßnahmen der letzten Wochen und Monate haben ja gezeigt, dass es prinzipiell möglich ist. Distanz hilft, Hygiene, Homeoffice oder gar Quarantäne bei Infektionsverdacht, Mundschutz in der Öffentlichkeit. Nur strenge Kontaktsperren noch einige Wochen oder wenige Monate, die vermutlich zu einer Ausrottung des Virus geführt hätten, wären nicht durchzusetzen und durchzuhalten gewesen. Nicht jeder Arbeitsplatz lässt sich auf die Wohnzimmercouch oder den Hobbykeller verlegen.

Es kommt also auf einen Mix der Maßnahmen an, ein jeder zusätzliche Baustein ist hoch willkommen. So wie man im März noch die Wirksamkeit von Masken beinahe bezweifeln musste, weil es hierzulande keine ausreichenden Stückzahlen zu kaufen gab, so kann man jetzt auch an der App zweifeln und verzweifeln. Mit neidischem Blick sieht man seit Wochen schon auf China und Südkorea, vergisst dabei aber, dass China sehr restriktiv ganze Wohnviertel abriegelt, in Südkorea das Tragen von Masken tief in der Alltagskultur verankert ist und die in Asien eingesetzten Apps in der Tat einzelne Personen, ihre Bewegungen und Begegnungen nachverfolgen können – und nicht so wirklich freiwillig sind. Gesundheitsschutz schlägt den Datenschutz hier klar und deutlich.

Bleiben also nur Transparenz, Freiwilligkeit und Vernunft. Tugenden, die in einer offenen Gesellschaft weit oben stehen sollten. Ich habe, gut informiert und aus vernünftigen Überlegungen heraus gleich heute in der Früh um sieben Uhr die Covid Warn App installiert und hoffe, dass diese sich als ein wichtiger und tragfähiger Baustein für das Ziel erweist, die Pandemie zu überwinden. pm

Kontra: Diese App ersetzt kein Gehirn

Eine Sache vorweg: Ich habe mir die App in den ersten Stunden der Verfügbarkeit schon installiert, daher folgen hier keine Argumente, die dagegen sprechen, sondern eher Bedenken, die womöglich in den nächsten Tagen bereits überholt sein werden. Auf der Pressekonferenz zur Vorstellung der Corona-Warn-App wurde erwähnt, dass die Genauigkeit des Algorithmus bzw. der richtig erkannten Risiko-Fällen bei den knapp 80 Prozent liegt. In diesen 80 Prozent sind False Positives und False Negatives einkalkuliert, der goldene Standard bei den medizinischen Anwendungen liegt beispielsweise bei den 95 Prozent der Erkennung der falschpositiven und falschnegativen Fälle. Sicherlich, die Tracing-App ist kein Medizinprodukt und derart hohe Anforderungen daran sind höchstwahrscheinlich unrealistisch. Während die falschpositiven Ergebnisse eher kein Problem sein werden, denn die Tests nach der Warnung der App sind kostenlos. Nutzer, die sich tatsächlich angesteckt hatten und von der App nicht gewarnt worden waren, könnten sich in der falschen Sicherheit wähnen, weil sich ja die App nicht gemeldet hat.

Trotz der versprochenen Transparenz fehlen momentan die Abschlussberichte der Datenschutzbehörde, wie dies zum Beispiel in der Schweiz der Fall ist. In einer Pressemitteilung hat der Eidgenössischer Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragter (EDÖB) die Empfehlung für die SwissCovid ausgesprochen, aber auch gleichzeitig ausführliche Berichte zu den Tests zur Verfügung gestellt. ie interessierte Öffentlichkeit konnte sich beispielsweise Risiko-Einschätzung des Proximity-Tracing anschauen.

Nicht aus der Welt ist ebenfalls das Risiko der Identifizierung der positiv getesteten Nutzer: Die Forscher an der TU Darmstadt haben dazu ein Proof of Concept veröffentlicht. Zwar sind die Forscher in ihrem Gedankenexperiment davon ausgegangen, dass nur ein Nutzer aus dem verfügbaren Datenset positiv auf Covid-19 getestet wird, was an sich bereits ein Alleinstellungsmerkmal ist, nicht klar ist jedoch, wie robust der tatsächliche Algorithmus der Corona-Warn-App ist.

Noch ein Punkt, der wahrscheinlich bei der  lebhaften Diskussion über die Corona-Warn-App etwas aus der Acht gelassen wird: Die App alleine wird die Pandemie nicht bekämpfen oder verlangsamen können. Keine digitale Technologie wird Verantwortung und Vernunft bei jedem einzelnen ersetzen. Leider tragen die Diskussionen in den Foren und auf Social Media nicht dazu bei, die reine Vernunft walten zu lassen, stattdessen werden fast schon irrationale Ängste geschürt und Meldungen verbreitet, die mit der Wirklichkeit nicht im Entferntesten etwas zu tun haben. Es ist schließlich nur eine App... hk

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