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Darum nimmt Apple beim Akku-Tausch 1200 USD Kaution

24.05.2022 | 19:30 Uhr | Stephan Wiesend

Nutzt man Apples neues Repair Program, muss man bei jedem Akku-Tausch eine Kaution von 1200 Dollar akzeptieren.

Es war eigentlich noch nie schwer, sich als Youtuber ĂĽber Apple lustig zu machen. Beim neuen Apple-Repair-Programm hat es Apple seinen Kritikern aber wirklich leicht gemacht, das neue Reparaturangebot von Apple hat fast schon bizarre Details. Der Youtuber Luke Miani behauptete deshalb sogar, Apples Angebot sei " designed to fail ".

Der Hintergrund: Auf Druck durch die Bewegung Right to Repair bietet Apple in den USA seit April ein neues Self Service Repair Program. Besitzer eines iPhones erhalten die Möglichkeit, Akku, Kamera und Display eigenständig zu reparieren. Vorerst sind es nur iPhone 12, iPhone 13 und Varianten, für die man originale Ersatzteile und Werkzeuge erhält, bald sollen aber auch Macs mit M1-Chips dazu kommen. Auch in anderen Ländern soll der Service im Laufe von 2022 verfügbar sein. Erstmals hat Apple außerdem auf seiner Webseite Reparatur-Anleitungen veröffentlicht , die etwa aktuell den Austausch von Akku, Display und Kamera genau beschreiben.

Auch für den Zusammenbau gibt es eine Spezialmaschine.
Vergrößern Auch für den Zusammenbau gibt es eine Spezialmaschine.
© Apple

In den USA haben nun die ersten Journalisten und Youtuber über ihre Erfahrungen mit der DIY-Reparatur berichtet – die Begeisterung war aber gering. Größtes Erstaunen lösten vor allem die von Apple bereitgestellte Werkzeugsammlungen aus. Der Besteller bekommt nämlich keineswegs ein handliches Päckchen mit Werkzeugen, wie sie vielen handelsüblichen Akku- oder Display-Reparatur-Kits beiliegen. Stattdessen versendet Apple die gleichen Spezialmaschinen, die auch in einem Apple Store verwendet werden – und die ziemlich groß und schwer sind. Nicht wenig erstaunt war Sean Hollister von „The Verge“, als er von Apple zwei riesige Pelican-Behälter zugesandt erhielt – mit einem Gesamtgewicht von knapp 40 Kilo.

Für den geplanten Akku-Tausch bei einem iPhone 13 Mini waren neben einem umfangreichen Schraubenzieher-Set und einer dicken Anleitung drei große Spezialmaschinen im Gepäck. Der Austausch des Akkus ist mit Apples Werkzeugen gut machbar, laut Bericht aber recht umständlich. Hollister unterlief beim Zusammenbau außerdem ein kleiner Fehler, da man sich sehr genau an die vorgeschriebenen Handgriffe halten muss.

Eine weitere Hürde: Nach dem Einbau müssen neue Module erst online freigeschaltet werden. Sogar ein Akku muss durch einen Fernzugriff von Apple erst verifiziert werden. Wenig zufrieden war der Journalist aber auch mit den finanziellen Bedingungen: Der neue Akku kostete 69 Dollar – exakt der Preis eines Akku-Tauschs im Apple Store. Sendet man ausgetauschten Module an Apple, gibt es zwar eine kleine Entschädigung, zusätzlich kostete es aber 49 Dollar, die Werkzeuge für eine Woche zu mieten. Zudem musste er per Kreditkarte eine Kaution von 1200 Dollar für die teuren Werkzeuge hinterlegen – was sich bei der Bestellung im Shop auf eine Summe von 1320 Dollar summierte (wovon natürlich 1200 Dollar erstattet werden). Ärgerlich ist zusätzlich, dass Werkzeuge und Ersatzteile separat verschickt werden, und laut Berichten keineswegs gleichzeitig ankommen. Das scheint öfter vorzukommen, die Tester von iFixit warteten etwa die Tester nach Erhalt der Werkzeuge (die man nur eine Woche behalten darf) noch Tage auf den bestellten Akku.

Aufwendige Spezialwerkzeuge

Beeindruckend ist die Werkzeugsammlung, für die Apple aber selbst verantwortlich ist. Offensichtlich war es nie das Ziel, das iPhone einfach reparierbar zu machen. So fällt auf, dass laut Handbuch allein für das iPhone 13 Pro sechs verschiedene Schraubenarten verwendet werden – für die man auch passende Schraubenzieher bereithalten muss. Faszinierend auch das an einen 3D-Drucker erinnernde „Heated display removal fixture“, das einzig dem Entfernen eines verklebten Displays dient. Für das Einsetzen des Displays gibt es zwei weitere Geräte, die „Display Press“ (die etwas einer Espressomaschine ähnelt).

Hier muss man Apple allerdings gegenüber der Kritik in Schutz nehmen: Es gibt gute Gründe, warum Apple so einen Aufwand beim Entfernen der Displays betreibt. Dieses ist verklebt und der Klebstoff muss mit der korrekten Temperatur erhitzt werden, damit das Display ausgebaut werden kann. Laut Nutzerberichten verwendet Apple außerdem ab dem iPhone 12 noch festeren Klebstoff als bei früheren Modellen – weshalb Ungeübten beim Entfernen schnell das Display zerbricht. Nicht ohne Grund nimmt Apple außerdem eine so hohe Kaution: Bei den Maschinen handelt es sich um Spezialanfertigungen für Apple, die im Handel sonst nicht erhältlich sind. Sogar die Pelican-Koffer, in denen die Geräte ankommen, kosten schon etwa 700 US-Dollar.

Fazit

Apples DIY-Reparatur ist zeitaufwendig und für den Heimanwender wohl wenig attraktiv. Enttäuschend finden wir, dass selbst nach der Reparatur mit Originalteilen doch noch eine „Freischaltung“ durch Apple notwendig ist. Vor allem die hohe Mietgebühr macht die DIY-Reparatur aber für die meisten wohl uninteressant – außer man muss gleich ein ganzes Firmen-Inventar an iPhones reparieren. Interessant erscheint uns das Angebot vielleicht für Unternehmen oder Bildungseinrichtungen.

 

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