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Das Jahr 2016 in Apples Bilanz

28.12.2016 | 07:58 Uhr |

Im abgelaufenen Jahr musste Apple erstmals seit 2003 eine schlechtere Bilanz vorlegen als im Vorjahr. Kein Grund zur Panik für 2017.

Mag sein, dass zum Jahreswechsel 2100/2101 sich Historiker darüber streiten werden, was denn nun das "Unjahr des 21sten Jahrhunderts" war, 2016 liegt aber nicht nur wegen des Worts des Jahres ganz vorne mit dabei: Postfaktisch. Irgendwie hoffen wir, dass 2016 einmal als das schlechteste Jahr des Jahrhunderts gelten wird, denn dann stünden uns wieder bessere Zeiten bevor. Aber wer weiß: Lässig und selbstironisch kündigte letztens auf Twitter der britische Musiker James Blunt an: "Wenn ihr denkt, 2016 war schlecht - ich werde 2017 ein neues Album veröffentlichen." Kenner der Firma Apple indes, die sich auf das Jahr 2017 freuen, fürchten schon jetzt, von einem Jahr 2016s negativ überrascht zu werden. Das wird dann doch nicht passieren - und ehrlich gesagt, ist auch ein neues James-Blunt-Album keine Schreckensvorstellung.

In Finanzkreisen wäre das aber ein Alptraum, würde das kommende Jahr hinsichtlich Apple nur ein 2016s. Denn was die Bilanzen des nach wie vor wertvollsten Unternehmen des Planeten betrifft, war 2016 eher durchwachsen. Ein Jahr zum Durchschnaufen, das erstmals seit 13 Jahren wieder gegenüber dem Vorjahr Einbußen in Umsatz und Gewinn brachte, wenn auch auf hohem Niveau. Insbesondere das iPhone schwächelte und verkaufte überhaupt zum ersten Mal in seiner Historie weniger Geräte als im Vorjahr. Der Rückgang beim iPad setzte sich fort und auch der Mac gab nach, in einigen Quartalen sogar stärker als der Gesamtmarkt. Gleichwohl: Auch hier sprechen wir von einem Rückgang auf hohem Niveau. Hat Apple einfach nur einen Gipfel verlassen, um auf einem Hochplateau sich einem weiteren steilen Anstieg zu nähern? Von 2017 erwarten das vor allem Anleger, die noch gnädig mit dem Wert AAPL handeln. Zum Jahresende (genauer: 14. Dezember) liegt der Wert der Apple-Aktie bei 115 US-Dollar, also auf dem Niveau vom letzten Jahreswechsel. Die Schwankungen des Kurses waren übers Jahr eher moderat, nur kurzfristig war das Papier unter die 90-Dollar-Marke gerutscht. Damit wird sich Wall Street aber im kommenden Jahr nicht mehr zufrieden geben.

Der Verlauf des Apple-Aktienkurses über das Jahr 2016.
Vergrößern Der Verlauf des Apple-Aktienkurses über das Jahr 2016.
© Nasdaq

Denn gerade in Zeiten der Niedrigzinsen sind Wertpapiere eine wichtige Geldanlage. Apple könnte daher unter den Druck der Anlege geraten, ihre Rendite wieder zu steigern. Dazu gibt es einerseits die Möglichkeit, Dividenden an Aktionäre auszuzahlen und mit Aktienrückkäufen den Kurs zu erhöhen – Apple macht das seit einigen Jahren wieder und könnte im kommenden Jahr verstärkt zu solchen Maßnahmen greifen. Das Geld dafür ist da, die Barreserven des Konzerns übersteigen die 200 Milliarden US-Dollar. Noch finanziert Apple Dividendenzahlungen und Aktienrückkäufe mit Anleihen, nimmt also Schulden auf. Das rechnet sich, da das Zinsniveau relativ niedrig ist und Apple für in die USA zurückgeführtes Kapital hohe Steuern zahlen müsste. Beides könnte sich 2017 aber dramatisch ändern, schon jetzt erhöht die US-Notenbank den Leitzins und der designierte Präsident Trump stellt eine radikale Senkung der Unternehmenssteuer in Aussicht, die Apple bei aller Skepsis dem POTUS Nr. 45 gegenüber sicher gerne annähme.

Interessanter Vergleich des Fiskaljahres 2016 (grün) zu dem von 2015 (blau). Nur im ersten Quartal war Apple noch knapp besser.
Vergrößern Interessanter Vergleich des Fiskaljahres 2016 (grün) zu dem von 2015 (blau). Nur im ersten Quartal war Apple noch knapp besser.
Die Balken für die Gewinne verhalten sich äquivalent. 2016 in rot, 2015 in grau.
Vergrößern Die Balken für die Gewinne verhalten sich äquivalent. 2016 in rot, 2015 in grau.

Dem Kurs von AAPL nachhaltiger und kräftiger auf die Sprünge helfen würde Apple aber mit neuen Produkten. Oder zumindest mit der berechtigten Aussicht auf zukünftige Gewinne. Hier liegt im Jahr 2017 für Apple eine Chance, die Kollegen von Cnet meinen sogar schon jetzt, dass das kommende Jahr zum besten für Apple überhaupt werden könnte. Wir sind da etwas skeptischer, aber die Argumente sind nicht ohne. Denn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird im kommenden Jahr ein neues iPhone-Modell auf den Markt kommen, welches das Gejammer über fehlende Neuheiten leiser klingen lasse. Ob das nun ein iPhone 8 wird oder ein iPhone 7S oder ob Apple sogar den Spagat wagt, das 7er evolutionär weiter zu entwickeln und gleichzeitig ein völlig neues und als "revolutionär" angepriesenes iPhone 8 bringt, ist völlig offen. Sicher ist jedoch, dass die installierte Basis riesig ist und viele Besitzer eines iPhone 6 (Plus) im kommenden Jahr ein Upgrade planen – schon das iPhone 7 hat nach ersten Anzeichen einen derartigen Schub gebracht, dass die Ende Januar 2017 zu veröffentlichende Bilanz für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2016/17 wahrscheinlich wieder ein Plus in den wichtigsten Kennziffern aufweisen wird.

Sieht man sich die iPhone-Verkäufe an, weiß man auch gleich, warum das so ist. Im Fiskaljahr 2016 (orange) konnte Apple nur im ersten Quartal mehr verkaufen als 2015 (gelb) - und auch da nur knapp.
Vergrößern Sieht man sich die iPhone-Verkäufe an, weiß man auch gleich, warum das so ist. Im Fiskaljahr 2016 (orange) konnte Apple nur im ersten Quartal mehr verkaufen als 2015 (gelb) - und auch da nur knapp.

Auch für Mac und iPad könnte das Jahr 2017 wesentliche Neuerungen bringen, die einerseits langjährige Nutzer zur Aktualisierung ihres Maschinenparks anregen werden und andererseits Neukunden von anderen Plattformen abwerben, zu viel Wachstum darf man sich aber nicht versprechen. Im Segment "Mobiler Rechner für das Büro und den Alltag" nähern sich Mac und iPad so weit aneinander an, dass man schon die Gesamtzahl der Verkäufe berücksichtigen müsste. Besonders große iPhones knappsen dem iPad in seinem Einsteigerbereich Marktanteile ab und High-End-Macs verabschieden allmählich in Nischen, die allenfalls langsames Wachstum zeigen.

Der Mac blieb indes alle vier Quartale hinter dem Vorjahr zurück. Wobei die Verkäufe zuletzt wieder anzogen und Apple im vierten Quartal 2014/15 einen absoluten Rekord gesetzt hatte.
Vergrößern Der Mac blieb indes alle vier Quartale hinter dem Vorjahr zurück. Wobei die Verkäufe zuletzt wieder anzogen und Apple im vierten Quartal 2014/15 einen absoluten Rekord gesetzt hatte.

Bleibt die Hoffnung auf "Das nächste große Ding", das die Apple Watch auch angesichts von mutmaßlich um die 15 Millionen verkauften Geräten noch nicht zu sein scheint. Das "big thing" der näheren und mittelfristigen Apple-Zukunft ist aber womöglich gar kein Gerät, sondern: Software und Services. Nicht von ungefähr betont Apple, dass dieser Posten der Bilanz stetig wachse. Darin gehen derzeit Apple Music ein, die iCloud-Speichererweiterungen, Apples Umsatzbeteiligung an App-, Musik- und Film-Verkäufen und diverse weitere Einnahmen. Bis das Segment die Umsätze von iPhone, iPad und Mac erreicht, müsste er aber noch über viele Jahre so stark wachsen. Aber warum nicht? Apple sieht sich zunehmend als Anbieter von Lösungen und in diese Richtung werden vermutlich auch die Anstrengungen hinsichtlich Fahrzeugtechnik gehen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Apple wirklich ein eigenes Auto baut, das über den Status eines Prototypen hinausginge, dafür aber sehr wohl denkbar, dass Apple seine im Stillen entwickelte Technik in Zukunft Autobauern lizenzieren wird. Google geht hier voran, vermutlich schon 2017 werden wir erfahren, dass aus Googles self-driving-car eine Plattform geworden ist, welche nun die Automobilindustrie lizenzieren kann, egal ob Start Up oder etablierter Konzern. Apple wird zweifellos darauf reagieren, ob das aber für eine eigene Ankündigung reicht, müssen wir so lange bezweifeln, bis Cupertino denn endlich einmal das ominöse Projekt Titan und seine Zielrichtung enthüllt.

Das iPad ist schon länger auf Talfahrt, scheint sie aber allmählich bremsen zu können.
Vergrößern Das iPad ist schon länger auf Talfahrt, scheint sie aber allmählich bremsen zu können.

Von einer weiteren Zukunftstechnologie erwarten Beobachter, dass sie im Jahr 2017 marktreif wird, was Apple-Produkte und Services betrifft: Augmented Reality (AR). Mag die virtuelle Realität (VR) mit ihren hohe Rechenleistung benötigenden Brillen auf dem ersten Blick spektakulärer aussehen, so hat denn die "erweiterte Wirklichkeit" – wie man Augmented Reality wohl am treffendsten übersetzt – den höheren Alltagsnutzen. Etwa im Straßenverkehr, als Navigationshilfe für Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer. Bei der Wohnungseinrichtung. Im Tourismus und in Museen als Sightseeing-Hilfe. Gewiss auch in der Freizeit, Pokemon Go hat einen ersten Vorgeschmack gegeben, wie AR die wirkliche Welt mit digitalen Informationen verknüpft. Apple-CEO Tim Cook hat kürzlich erst selbst eingestanden, dass AR für Apple von hohem Interesse ist, diverse Firmenübernahmen und Personaleinstellungen der letzten Jahre sprechen eine deutliche Sprache. Apple wird gar keine Hardware benötigen, um in diesem Zukunftsgeschäft eine wichtige Marktposition einzunehmen. Denn dort, wo Informationen sind, entstehen auch Märkte. Das muss nicht bedeuten, dass Träger von AR-Brillen, die auf Apples Technik basieren, nun auf Schritt und Tritt von Werbeeinblendungen gestört werden, dieser Part des Zukunftsmarktes dürfte eher Google vorbehalten sein. Aber wer hätte gedacht, dass der Store für iMessages schon kurz nach Veröffentlichung von iOS 10 eine derartige Dynamik gewinnt, dass sich Hersteller von Stickern und Mini-Spielen wie JibJab nun fragen , wie sie all die Jahre ohne diese Einnahmequelle auskamen. Apple verdient auch dann mit, wenn man in der AR entdeckte, vermessene und optimierte Produkte auch gleich mit einem Kopfnicken oder einem Fingerabdruck via Apple Pay bezahlt. Bezüglich dieses Services wagen wir die gar nicht mal so vermessene Prognose, dass Apple Pay im Jahr 2017 endlich auch nach Deutschland kommen wird.

Aber lesen Sie zuvor noch, was wir im Jahr 2016 über Apples Bilanzen und Zukunftstechniken zu berichten wussten:

Q1: Apple macht 18,4 Mrd. USD Gewinn bei 75,9 Mrd. USD Umsatz

Apple legt für das erste Quartal eine ausgezeichnete Bilanz vor, verkauft aber kaum mehr iPhones als im Vorjahr. Hier die Details...

Q2: Apple verkauft weniger iPhones, Macs und iPads

Die Bilanz für Apples zweites Quartal 2015/16 verfehlt selbst niedrige Erwartungen. Ein Bereich wächst aber stark. Hier die Details...

Kommentar: Apple vor dem Abstieg? Nein!

Apples Erfolgsgeschichte ist nach 13 Jahren zu Ende gegangen, das Unternehmen steht vor einem langen Abstieg. Wir sagen: Das ist Quatsch!

Q3: Apple fährt 7,8 Milliarden US-Dollar Gewinn ein

Wie erwartet hat Apple weniger Macs, iPhones und iPads als noch vor einem Jahr verkauft. Der Rückgang fiel aber weniger schlimm aus. Hier die Details...

Q4: Apples Bilanz besser als erwartet - aber weniger Umsatz

Apple hat seine Bilanz für das Septemberquartal vorgelegt und dabei weiteren Umsatzrückgang ausgewiesen. Hier die Details...

Apple Auto iCar: Gerüchte, Ausstattung, Releasedatum, Preis

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Alles Specials des Jahresrückblicks unter www.macwelt.de/plus
Vergrößern Alles Specials des Jahresrückblicks unter www.macwelt.de/plus

Kompakt im Überblick: Alle hier verlinkten Artikel finden Sie in unserem Special zum Thema iApple 2016/2017 im Volltext zu lesen. Beziehen können Sie das Special über unsere App Macwelt Kiosk - Abonnenten von Macwelt Plus finden das Special unter der Adresse magazin.macwelt.de

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