1178412

Das iTunes-Universum - Grundlage für den Erfolg des iPhone

06.10.2011 | 07:04 Uhr | Peter Müller

Das iTunes-Universum - Grundlage für den Erfolg des iPhone

Mit dem Erfolg des iPod und des iTunes Store im Rücken entwickelte Apple ab 2005 die Vision vom Telefon der Zukunft, das 2007 als iPhone erstmals öffentlich auf einer Bühne im Moscone Center in San Francisco telefonierte. War Apple in der Vergangenheit Stolz darauf gewesen, für die Bedienung seines Betriebssystems nur eine Maustaste zu benötigen, stellte das iPhone das Konzept Telefon auf die Spitze: Eine einzige Taste sollte genügen, den Rest würde Software übernehmen. Und wozu benötige man denn einen Eingabestift, wenn man zehn Finger zur Verfügung habe? Das Konzept des berührungsempfindlichen Bildschirms war bei weitem nicht neu, doch mit dem iPhone brachte es Apple auf ein völlig neues Niveau. Denn wenn man schon mehrere Finger hat, sollte man sie auch einsetzen. Der Computer wurde mit dem iPhone endlich greifbar.

Die Computermaus als Mittler zwischen Benutzer und Computer hat über kurz oder lang ebenfalls ausgedient. Das Multitouch-Konzept weitet Apple mit OS X Lion auf den Computer aus, das Trackpad der Macbooks lässt den Rechner unmittelbarer erleben, wenngleich der Weg zur vollständigen Touchbedienung von Notebooks und sogar Desktops noch weit ist. Es kommt vor allen Dingen darauf an, was die Software für Optionen bietet. Mit dem Magic Trackpad als zusätzliches Eingabegerät für Desktops gibt Apple aber die Richtung vor.

Apple als Software-Company

Apple, das sind doch diese eleganten, von einem britischen Ritter gestalteten Kisten, die mal flach wie eine Flunder daherkommen und mal stylish wie Mode-Accessoires? Apple, das ist doch die Firma von Steve Jobs, der es mit seinem unverwechselbaren Charisma schaffte, Presse, Kunden und Konkurrenten derart zu beeindrucken, dass er jedes der eleganten Geräte als etwas magisches und revolutionäres anpreisen konnte, selbst wenn diese nicht derart spektakulär sind, betrachtet man sie nüchtern?

Die Erklärungen sind nicht falsch, doch greifen sie zu kurz. Ja, Apple hat Zeit seiner Unternehmensgeschichte viel Wert auf Design gelegt und dafür die besten Köpfe angeheuert - Jonathan Ive, zeichnet aber erst seit 15 Jahren maßgeblich für das Design verantwortlich. Die von Ive so perfektionierte Kunst des Weglassens beherrschte Apple schon in seinen frühen Jahren, als Ive noch in Großbritannien zur Schule und Universität ging. Maßgeblich am heutigen Erscheinungsbild Apples wirken immer noch die Arbeiten des deutschen Designers Helmut Esslinger und seiner Firma Frog Design nach, die Apple bereits für die Gestaltung des Apple IIc engagierte. "Schneeweiß" ist das Markenzeichen von Frog Design - eine Farben- und Formensprache, die auf das wesentliche reduziert ist und sich auch prima als "kohlrabenschwarz" interpretieren lässt, wie iPhone und iPad zeigen.

Ja, Apples CEO Steve Jobs strahlte ein Charisma aus, das in der Industrie noch seinesgleichen suchen muss. Wir wollen hier nicht weiter auf all die Anekdoten zurückkommen, welche die Kehrseite der Medaille ansprechen, denn seinen Mitarbeitern gegenüber soll Jobs nicht nur dankbar und fördernd sondern auch stur und fordernd gegenüber auftreten. Zumindest empfanden ihn solche, die seine Vision nicht sofort teilten, Jobs konnte wohl sehr ungeduldig sein mit jenen, denen er für sich klare Bilder erst mühsam erklären musste. Jobs zeigte eine Detailbesessenheit, die über das Sichtbare weit hinausgeht und die Elliot in seinem oben erwähnten Buch ausführlich beschreibt. Mit der Gestaltung der Platinen des Ur-Mac soll Jobs erst zufrieden gewesen sein, als die Komponenten darauf "aufgeräumt" angeordnet waren, die kreisrunde Platine des iMac G4 ("Schreibtischlampe") war statt im üblichen grün in einem hübschen blau gestaltet, das die meisten Käufer des Rechners nie zu Gesicht bekamen. Jobs kann sich auch vor die versammelte Presse stellen und Elektronik unwidersprochen als "revolutionär" und "magisch" zu bezeichnen - und dabei behält er in den meisten Fällen recht. Denn mit dem iPhone hat Apple einen Multimilliarden-Dollar-Markt, in dem einst Nokia derart dominierte, dass es den Kartellhütern hätte schwindlig werden können, von Grund auf verändert. "Revolution" ist nicht das falsche Wort, will man die Wirkung des iPhone beschreiben.

Und doch ist es nicht die Hardware, die den Unterschied ausmacht. Das haben zwar diejenigen noch nicht begriffen, die bei der Vorstellung des iPhone 4S jammerten, es sei ja kein iPhone 5 und komme immer noch im selben, uralten (also 15 Monate alten) Gehäuse daher. Um es mit einem Bonmot zu sagen, das Jobs von Bill Clinton adaptierte: "It’s the Software, stupid". Die Maschine kann noch so elegant und fortschrittlich sein, wenn die Software an der Schnittstelle zum Menschen zickt, ist alle Liebsmüh’ vergeblich. Mit der Spracherkennung Siri, die Apple in das neue iPhone einbaut - man darf davon ausgehen, dass Jobs auch hier bis zuletzt treibende Kraft war - wagt das Unternehmen den nächsten Schritt, Mensch und Maschine näher zusammen zu bringen. Schlechter als die Handschriftenerkennung des Newton wird Siri kaum werden, Apple kann die Zukunft der Interaktion damit neu geschrieben haben.

Die Wiederholung eines Fehlers, den Apple in den Achtzigern und Neunzigern schon einmal begangen hatte, verhinderten das überwältigende Feedback auf das iPhone und schlussendlich die Vernunft Apples und seines CEOs. Das iPhone war zunächst ein geschlossenes System, wer Software dafür entwickeln wollte, sollte das im Web mit speziell angepassten Seiten erledigen. Ein Jahr nach dem Start des iPhone öffnete Apple die Architektur mit einem SDK und dem App Store. War früher gegen den Mac noch das Totschlagargument vorzubringen "Da gibt es doch keine Software für, und wenn ja, nur teure!" gilt nun das Gegenteil. Kein Softwareangebot ist so groß wie das für iPhone und iPad. Sicher legt auch die absolute Anzahl von Android-Apps zu, doch ist es pro Gerät doch wieder eingeschränkt. Und die in vielen Fällen zurecht kritisierte Kontrollwut der Wächter des App Store hat ihre positive Kehrseite: Apps aus dem iTunes-Angebot sind meist sauber programmiert und frei von Gefahr für die Sicherheit des Anwenders. Das iPhone ist mit iTunes und dem App Store zwar ein geschlossenes System, doch der überwiegenden Anzahl der Kunden reicht dieses Universum so weit, dass sie kein anderes mehr brauchen. Weder in Form von Android noch in Form eines Jailbreaks.

Apple nach Jobs

Die Nachfolge ist geregt, mit Tim Cook übernimmt ein effizienter und nüchterner Manager die Führung das Unternehmens. Der Innovation und Fantasie werden weiterhin Phil Schiller, Jonathan Ive, Scott Forstall und Bob Mansfield ihre Gesichter leihen. Die Apple-Universität wird künftigen Apple-Managern dabei helfen, die Gene des Unternehmens aufzusaugen, der angebissene Apfel wird noch lange strahlen, das Haus ist bestellt, sein Hüter gegangen.

Mach’s gut Steve, ruhe in Frieden und Danke für den Mac. Den iPod. Das iPhone. Das iPad. Und den ganzen Rest…

Macwelt Marktplatz

1178412