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Das waren die Zehnerjahre: Vom iPad bis zum Mac Pro

31.12.2019 | 08:31 Uhr | Peter Müller

Die letzten zehn Jahre mit Apple: Vom Jahr des iPad über neue Kategorien hin zum Comeback des Mac Pro. Lesen Sie heute den ersten Teil über die Jahre 2010 bis einschließlich 2014.

Natürlich, für einen Jahrzehntrückblick ist es zu früh. Um exakt ein Jahr. Denn da die Zeitzählung mit dem Jahr 1 begonnen hat und auf das Jahr 1 v. Chr. eben nicht das Jahr 0 folgte, was mathematisch wesentlich korrekter wäre, endet eine Dekade eben jeweils mit einem zehnten Jahr. 10. n. Chr. Oder 2000. Oder eben 2020. Aber wir geben es zu: Heute gehen die Zehnerjahre zu Ende, was an sich genau so bescheuert klingt wie "Nullerjahre", aber das hat sich nun so eingebürgert. Und bevor hoffentlich in goldene Zwanziger aufbrechen, die dann in zehn Jahren nicht so enden mögen wie die im letzten Jahrhundert, blicken wir am letzten Tag der Zehner und dem ersten der Zwanziger auf die letzten zehn Jahre bei Apple zurück. Lesen Sie heute über die Jahre 2010 bis 2014.

2010: Das Jahr des iPad

Wir sind nicht die ersten, die auf die letzte Dekade zurückblicken, obwohl wir die Bilanz ein Jahr zu früh gezogen sehen. Schon das Time Magazine hatte vor zwei Wochen die zehn Top-Gadgets der Zehnerjahre gekürt , Apple hatte es gleich drei mal auf die Liste geschafft. Das iPhone stand ja auch nur deshalb nicht darauf, weil es schon 2007 auf den Markt gekommen war, dennoch kann man mit Fug und Recht behaupten, dass Apples Smartphone die Dekade so geprägt hat wie kein anderes Gerät. Mehr als 1,5 Milliarden iPhones hat Apple bisher verkauft, die meisten davon in den Jahren von 2010 bis 2019. Geschätzt eine Milliarde Smartphones mit dem angebissenen Apfel sind derzeit in Betrieb und begrüßen nun die Zwanzigerjahre.

Das originale iPad
Vergrößern Das originale iPad
© Apple

Vor zehn Jahren war Apple längst in die Erfolgsspur gekommen, das Jahr und die Zehnerjahre generell begann mit dem Versuch, das iPhone sogar noch zu übertreffen und die Post-PC-Ära einzuläuten. Auf einer Macworld Expo hatte Apple zuletzt im Januar 2009 ein Produkt präsentiert, ein wenig lieblos ein 17-Zoll-Macbook-Pro. In der neuen Dekade legt Apple die Termine selbst fest und zeigt neue Produkte nach einem eigenen Rhythmus. Statt also rund um den Dreikönigstag versammelten wir uns im Jahr 2010 drei Wochen später vor den Bildschirmen, um den Ankündigungen aus Kalifornien zu lauschen.

Steve Jobs zeigt am 27. Januar 2010 das iPad
Vergrößern Steve Jobs zeigt am 27. Januar 2010 das iPad

Ein sichtlich von Krankheit gezeichneter Steve Jobs ließ es sich nicht nehmen, das Produkt persönlich zu präsentieren, das bei Apple schon länger in den Köpfen herumgeisterte, das iPad. Angeblich sei ja die Idee zuerst dagewesen, als einen Notebook-Nachfolger ein Tablet zu konstruieren, das sich mit den Fingern bedienen lässt, ohne Eingabestift, ohne Maus und mit einer virtuellen Tastatur. Da sich das Konzept in abgewandelter Form auch bestens als Telefon bauen ließ, kam das iPhone zuerst – und das iPad hatte von Anfang an den Ruf, einfach nur ein sehr großes Smartphone zu sein, mit dem man nicht einmal telefonieren kann, wenn man nicht Software wie Skype oder später Facetime einsetzt.

Doch war das iPad von Anfang an mehr – und das iPhone vielleicht nur auf das Kompaktmaß geschrumpfte iPad? Die erste Version des Tablets war aber vor allem für den Konsum gedacht, wie Steve Jobs in entspannter Haltung in einem Sessel auf der Bühne sitzend, vorführte. Die Haltung war natürlich auch seiner Krankheit geschuldet, doch wie sehr viel lockerer Jobs doch im Vergleich zu Steve Ballmer herüberkam, der ein paar Wochen zuvor auf der CES in Las Vegas ziemlich leidenschaftslos das Slate von HP vorführte.

Das iPad legte auch gleich einen kolossalen Start hin, die Verkaufszahlen der ersten vier Quartal (ab April 2010 war das Gerät im Handel): 3,3 Millionen, 4,2 Millionen, 7,3 Millionen und  4,7 Millionen. Zum Vergleich das iPhone in seinen ersten vier Quartalen: 270.000, 1,1 Millionen, 2,3 Millionen, 1,7 Millionen. Natürlich verkaufte sich das iPhone im Jahr 2010 dann schon längst besser und legte bis 2016 immer weiter zu, es hatte gewissermaßen den Weg für den Erfolg des iPad bereitet. Dieses erreichte seine Klimax im Weihnachtsgeschäft von 2013 mit 26 Millionen verkauften Einheiten. Danach ging es wieder auf Zahlen, die zwischen neun und 13 Millionen Stück pendelten, seit Ende 2018 nennt Apple keine Stückzahlen mehr.

Die Post-PC-Ära, die Apple mit dem iPad ausrief und ein Jahr später mit dem noch deutliche schnelleren und schlankeren iPad 2 weiter forcierte, ist am Ende der Dekade angesichts des Erfolgs der Mobilgeräte kein Hirngespinst, doch haben es Tablets bisher nicht geschafft, den Desktop-PC oder wenigstens das Laptop überflüssig werden zu lassen. Das hat mittlerweile auch Apple eingesehen und verkauft mit dem iPad 7 ein Gerät, das sehr stark an seinen Urahnen erinnert und mit dem iPad Pro 12,9 Zoll eines, das spätestens mit seinem eigenen Betriebssystem iPadOS zu einer ernsthaften Alternative zum Notebook geworden ist. Mit dem Stift bedienen kann man nun alle iPads, das ist aber nur optional und nicht unerlässlich wie bei den gescheiterten Geräten der Ära vor dem iPad.

Was 2010 rund um Cupertino sonst noch geschah:

  • Das auf der WWDC im Juni gezeigte iPhone 4 löst das iPhone 3GS ab: Etwas eckiger in der Form, Glasrückseite. Leider ist das Antennenband mit einem kleinen Fehler behaftet: Mit einem falschen Griff kann man Telefonate und andere Verbindungen unterbrechen: Antennegate. Dem erst kurz vorher von IBM gekommenen Entwickler Mark Papermaster kostet das den Job und Steve Jobs baut nochmals eines seiner legendären Reality-Distortion-Fields auf : "Wir sind zwar nicht perfekt, aber das ist kein Smartphone. Wer mag, darf einen Bumper haben."

  • Back to the Mac: Die letzten Jahre hatte sich Apple intensiv um iPhone und iPad gekümmert, im Herbst kündigt Apple mit OS X 10.17 Lion endlich die nächste Iteration seines Mac-Betriebssystems an, das gut vier Jahre nach Mac-OS X 10.5 Leopard wieder neue Funktionen bekommen soll. Etliche der Neuerungen kommen von iPhone und iPad zurück auf den Mac, erstmals vertriebt Apple ein Betriebssystem auch nicht mehr auf DVD, sondern per Mac App Store. Lion wird es noch übergangsweise und optional auf einem USB-Stick geben, danach ist Schluss mit Datenträgern für Apple-Software

2011: Hi, Siri, Goodbye, Steve

Das war doch schon immer so: Auf der WWDC im Juni zeigt Apple neue Versionen seiner Betriebssysteme, im Herbst kommen dann neue iPhones, die gleich mit der neuen Iteration ausgeliefert werden. Nein, war es nicht. In den ersten Jahren des iPhones und des iPad veranstaltete Apple jeweils im März ein Special Event, auf dem Entwickler erste Einblicke in das neue iPhones OS respektive ab 2010 iOS bekommen sollten, zur WWDC sollten die Programmierer soweit durch sein, dass sie ihre Werke auch gleich für die neuen iPhones fertig hätten. Erst seit 2011 ist der Rhythmus ein anderer: Am 2. März hatte Apple zwar noch das iPad 2 in einem Special Event gezeigt, Einblicke in die neue Betriebssystemsoftware gab es erst zur Entwicklerkonferenz im Juni – und die neue Hardware dann im Herbst, 2011 sogar erst im Oktober.

iPhone 4S
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© Apple

Es war vermutlich das neue Top-Feature des iPhone 4S, das erst fertig werden musste und so die Veröffentlichung verzögerte: Der digitale Sprachassistent Siri. Dieser hatte als wie viele Erfolgsgeschichten als App im App Store begonnen, Apple hatte das Unternehmen übernommen und sein Produkt fest in sein System eingebaut. Zunächst in das iPhone, mittlerweile spricht Siri auch auf dem iPad, dem Mac, der Apple TV und all den Geräten, die es 2011 noch gar nicht gegeben hatte wie Homepod, Apple Watch und Airpods.

Die Entscheidung über den Kauf von Siri und den Einbau der Technik in die eigenen Produktwelten hatte Steve Jobs mit Sicherheit noch mit getroffen, obwohl er seit Ende der Nullerjahre praktisch dauerhaft im Krankenstand war und diesen nur für vereinzelte Veranstaltungen unterbrochen hatte. Die Vorstellung der ersten beiden iPads oder die Präsentationen auf der WWDC, bei der er mit der Zeit immer mehr Unterstützung aus seinen Teams erhalten hatte. Die Premiere von Siri auf dem Special Event am 4. Oktober 2011 hat er zwar noch erlebt, aber im welchem Zustand, das wollen wir uns gar nicht weiter ausmalen: Am 5. Oktober 2011 verstarb der Mitbegründer der Firma Apple Steven P. Jobs im Alter von 56 Jahren an seinem langjährigen Krebsleiden .

Die letzten beiden öffentlichen Auftritte waren von kurzer Natur, im Juni gab Jobs zur Eröffnung der WWDC den Rahmen vor, auf die Details gingen die Fachkräfte ein. Nur einen Tag später erschien er nochmals vor dem Stadtrat von Cupertino, um dort die Pläne für den neuen Apple Campus vorzustellen, den Apple Ende der Zehner schließlich beziehen sollte. Am 24. August erreichte uns dann die Nachricht, er könne seine Aufgaben als CEO im Krankenstand, der in alle wichtigen Entscheidungen eingebunden blieb, nicht mehr erfüllen und bitte den Aufsichtsrat daher um die Ernennung eines Nachfolgers: Tim Cook, bisher als Chief Operating Officer (COO) die Nummer zwei und zuletzt dauerhaft Vertreter Jobs' an der Unternehmensspitze.

Was 2011 rund um Cupertino sonst noch geschah:

  • iCloud löst Mobile Me ab: Was Steve Jobs noch selbst auf der WWDC vorgeführt hatte, geht im Herbst an den Start. Apples Synchronisationsservice funktioniert nun auch und bildet die Basis für viele weitere Dienstleistungen

  • iPhone und iPad werden selbständiger:  Mit iOS 5 kappen die Mobilgeräte die Verbindung zum Zentralrechner. Bisher benötigte man einen Mac oder einen PC mit iTunes, um iPhone oder iPad in Betrieb zu nehmen, dort konnte man auch Backups erstellen, Systemsoftware laden und Apps verwalten.

  • Der Gerichtsstreit zwischen Apple und Samsung nimmt seinen Anfang. Cupertino beschuldigt den Konkurrenten, das Konzept des iPhone "sklavisch" kopiert zu haben. Der Streit zieht sich über mehrere Jahre hin, zwischendrin sprechen Gerichte Apple einen hohen Schadensersatz zu – rechtskräftig wird das nie.

  • Im August wird Apple erstmals das an der Börse wertvollste Unternehmen der Welt mit einer Marktkapitalisierung von 337 Milliarden US-Dollar. Ende 2019 ist Apple fast viermal so viel wert, hat den Rang als Nummer eins nach dem Börsengang von Aramco die Stellung an der Spitze aber verloren. Der saudi-arabische Ölkonzern bringt noch einmal 50 Prozent mehr virtuelle Dollar auf die Waage.

2012: Das Jahr eins nach Jobs – Superdrive verabschiedet sich

Wie soll es nach dem Tod des charismatischen Gründers denn weiter gehen? Zumal Apple in den Jahren von 1985 bis 1996 eher schlechte Erfahrungen ohne Steve Jobs gemacht hatte. Spoiler: Acht Jahre nach Jobs' Tod ist Apple immer noch da, obwohl  im Jahr 2012 viele Auguren daran zweifelten. Tim Cook wurde als blass und farblos bezeichnet, er sei ein Mann der Organisation aber keiner für Produkte. Man kann von Tim Cook halten, was man will, aber der Erfolg gibt ihm Recht. Apple hat auch sehr gut ohne Steve Jobs funktioniert. Das hat zwei Gründe: Viele der neuen Produkte seit dem Ableben des Visionärs hat er zumindest noch abgenickt, und vor allem hatte er selbst Apple als sein größtes und wichtigstes Produkt angesehen. Quasi auf dem Totenbett erklärte er seinem Biographen Walter Isaacson, dass er stolz sei, ein Unternehmen geschaffen zu haben, dass einen derartigen Innovationsgeist pflege.

iPad Mini
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© Apple

Apple agiert heute sicherlich in der Tradition von Steve Jobs, fragt sich aber nicht bei jedem Schritt "Was würde Steve tun?". Das war allenfalls noch in den ersten Jahren so, doch längst hat sich Apple emanzipiert. Man kann auch nicht mit Sicherheit davon ausgehen, dass Steve Jobs eines der im Herbst 2012 vorgestellten Produkte, mit Bausch und Bogen abgelehnt hätte, denn auch ein Jobs konnte seine Meinung ändern. So wird man nie wissen, ob er im iPad Mini ein Gerät gesehen hätte, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt war – "Dead on arrival" seien solche 7-Zoll-Tablets, mit denen die Konkurrenz Apple herauszufordern versuchte. Aber das iPad Mini hat ja auch eine Bildschirmdiagonale von 7,9 Zoll, vielleicht wäre der Chef ja gnädig gewesen.

Das iPad hatte im Jahr 2012 gleich zwei Häutungen durchgemacht: Im März kam zunächst eine dritte Version, die nicht iPad 3 hieß, sondern einfach nur "das neue iPad". Das Display löste nun Retina auf, ansonsten änderte sich wenig. So kam im Herbst schon die nächste Version nicht sonderlich überraschend: Das iPad 4 führte Lightning auf dem Tablet ein, das iPad Mini kam auch gleich mit der neuen Schnittstelle. Schon kurz zuvor hatte die neue Schnittstelle, die Apple anstatt USB-C vorangetrieben hatte, auf dem iPhone 5 Premiere . Dieses brachte auch eine erste Änderung des Formfaktors, vier Zoll nun auf einem etwas länglicheren Display als die bisher üblichen 3,5 Zoll – aus heutiger Sicht geradezu winzig.

iMac von 2012: Schlank und rank
Vergrößern iMac von 2012: Schlank und rank
© Apple

Auch beim Mac gab es einen wesentlichen Paradigmenwechsel im Herbst: iMac und Macbook Pro kamen in neuen Versionen ohne optisches Laufwerk. Das Macbook Air hatte zuvor schon diesen Weg beschritten. Die Brenner-Ära bei Apple dauerte also nur elf Jahre an, sieht man davon ab, dass es das Macbook Pro 13 Zoll mit Superdrive noch eine ganze Weile länger im Angebot gab, Apple wusste, dass da draußen noch viele auf ein CD/DVD-Laufwerk mit Möglichkeit der Datensicherung setzen wollten. Aber der Weg war beim Macbook Pro klar abgezeichnet: Flacher und leistungsstärker.

Gleiches kann man dem iMac nachsagen, auch dieser kommt seit 2012 ohne Laufwerk. Zu Beginn der Zwanziger sieht der iMac an sich immer noch aus wie das Modell von 2012, ein zeitloses Design.

Was 2012 rund um Cupertino sonst noch geschah:

  • Der lange erwartete Lion war nicht einmal ein halbes Jahr auf den Markt, da kündigte Apple bereits den Nachfolger Mountain Lion an und mit ihm den Plan, auch OS X jedes Jahr zu erneuern, wie es bei iOS schon der Fall war.

  • Apple bricht mit Google: Dessen CEO Eric Schmidt verlässt den Aufsichtsrat in Cupertino und Apps wie Google Maps und Youtube fliegen aus dem Lieferumfang von iOS heraus. Der Grund ist natürlich Android, aber in Sachen Karten hat Apple seither ein Problem. Dass er die Fehler der Anwendung nicht öffentlich eingestehen wollte, kostete dem Jobs-Zögling Scott Forstall den Job.

  • Unter Steve Jobs undenkbar: Apple zahlt seinen Aktionären wieder Dividenden.

  • Apple einigt sich mit HTC auf einen Vergleich, Cupertino hatte das Unternehmen wegen Plagiat des iPhones verklagt. In einem ersten Urteil spricht ein Gericht Apple im Prozess gegen Samsung einen Schadensersatz von 1,02 Milliarden US-Dollar zu.

2013: "Can't innovate anymore, my ass"

Eine Krise hat Apple aber dann doch eingeholt, es gibt aber eine rasche Lösung: Die Namenskrise für das Mac-Betriebssystem. Von den in der X-Ära verwendeten Großkatzen blieb nur noch der Nebelparder übrig (Clouded Leopard). Für die Versionen OS X 10.9ff entscheidet sich Cupertino daher, sie nach Sehenswürdigkeiten in Kalifornien zu benennen. Der Surfstrsand Mavericks macht den Anfang, mit der neuen Nomenklatur gilt auch ein neuer Preis, wie Apple aber erst einige Wochen nach der WWDC bekannt gibt. Aber seither sind die jährlichen Updates des Mac-Betriebssystems ebenso kostenlos wie es zuvor auch schon iOS geworden ist.

Mac Pro
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© Macwelt

Die vermeintlich größte Innovation des Jahres 20123 ist bei der Präsentation auf der WWDC aber nur in Bildern zu sehen: Der neue Mac Pro. Den Vorgänger musste Apple schon Anfang 2013 in der EU aus dem Handel nehmen, einige Lötverbindungen entsprachen nicht mehr den verschärften Umweltstandards.

Imposant war die im Juni gezeigte, in Texas gefertigte und ab Ende Dezember tatsächlich auch verkaufte Maschine aber alle Mal: Ein schwarzer Zylinder, der fast ohne Lüfter auskommt, weil er bei der Wärmeabfuhr auf den Kamineffekt setzte. So leise wie nie zuvor sollte der Mac Pro sein und das bei enormer Rechenleistung – kein Vergleich zu den Power Macs MDD aus den Nullerjahren, die beinahe wie startende Flugzeuge lärmten.

Apple hat aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn vor allem die Entwicklung von GPUs sollte so ganz anders vonstatten gehen, als sich das Apple zu Beginn der Zehnerjahre vorgestellt hatte. Die Karten wurden immer leistungsfähiger und entwickelten dabei aber auch immer mehr Wärme, die der Mac Pro nicht mehr abführen konnte, so wie er gestaltet war. Vier Jahre lang sollte es noch dauern, bis Apple das einsah, im April 2017 kündigte das Unternehmen schließlich das gerät an, dass den Mac in die Zwanziger führen sollte: Den neuen modularen Mac Pro, der so gar nicht wie sein Vorgänger aussieht – sondern eben eher so, als hätte Apple schon 2013 einen vernünftigen Nachfolger für den Power Mac respektive Mac Pro am Start gehabt.

Was 2013 rund um Cupertino sonst noch geschah:

  • Der Nachfolger des iPad 4 heißt nicht iPad 5, sondern iPad Air. Dazu gibt es noch ein zweites iPad Mini

  • Das iPhone 5S bekommt die Fingerabdruckerkennung Touch ID, mit der der Bezahldienst Apple Pay erst möglich wird, den Apple im Jahr darauf in den USA startet. Deutschland muss dann noch vier Jahre lang warten.

  • Das iPhone 5s gibt es auch in Gold, interessanter ist aber die Farbgestaltung des iPhone 5, Apples Versuch, mit günstigeren Materialien und der Technik von gestern ein Einsteiger-iPhone zu schaffen. Der Versuch misslingt weitgehend.

  • iOS 7 wird anders, ganz anders. Chefdesigner Jony Ive bricht mit dem Skeuomorphimus, der in der Jobs-Ära der Leitgedanke bei der Gestaltung war. Auch OS X wird "flacher", das dauert aber einige Versionen.

2014: Groß und größer – das iPhone 6 (Plus)

In den Tiefen des Webs kursiert seit ein paar Jahren ein Witz, der für einen Sachverhalt eine interessante Erklärung bietet. Denn es ist in der Tat so, dass Handys von den Neunzigern bis zum Ende der Nullerjahre an sich immer kleiner geworden sind, so klein, dass man sich mit dicken Fingern schon schwer tun konnte. Doch auf einmal wurden sie wieder größer und größer. Klar: Die Leute haben entdeckt, dass sie auf den Smartphones nun auch, nun ja, Erwachsenenunterhaltung konsumieren konnten. Da zählt Größe bekanntlich.

Ganz falsch ist die Idee nicht, aber auf den Bildschirmen unserer Computer, die wir in der Hosen- oder Jackentasche tragen, kann man auch andere (bewegte) Bilder betrachten als solche, die nicht jugendfrei sind. Im Prinzip eben ein jedes Video, in immer höheren Auflösungen. Die Smartphones wurde aber in den Zehnern vor allem immer größer, weil es erstens die Hersteller konnten – also größere und mehr Bildschirme in Massen und zu bezahlbaren Preisen zu produzieren und weil es die Kunden so wollten.

Vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern. Diese überspringen gerne etablierte Technologien und setzen dafür auf die allerneuesten. So kommt es, das beispielsweise in einigen afrikanischen Ländern das Festnetz nach wie vor mit "lückenhaft" nur unzureichend beschrieben ist, das Mobilfunknetz aber auf einem Stand, der hierzulande viele Leute neidisch machen würde. Und in Asien ist in vielen Haushalten der einzige Computer ein Smartphone.

iPhone 6 und iPhone 6 Plus
Vergrößern iPhone 6 und iPhone 6 Plus
© Apple

Während wir also Serien auf dem großen Bildschirm des Fernsehapparates oder des iMac ansehen, die Zeitung auf dem iPad lesen und das iPhone zum telefonieren, kurzen Check der Nachrichtensites und zum Chatten verwenden, erfüllt in China für viele Personen alle diese Funktionen und noch viel mehr lediglich das iPhone. Kein Wunder, dass vor allem das iPhone 6 und sein großer Bruder iPhone 6 Plus in der Volksrepublik reißenden Absatz fand, zusammen mit dem Nachfolger der S-Reihe waren das auch global die erfolgreichsten Modelle der Apple-Historie bisher. Wer sich weiter mit einem Vierzoll-Smartphone zufrieden gab, der konnte nach der Markteinführung des 6 und 6 Plus weiter noch ein 5S erwerben, das nicht wesentlich schwächer war, in Sachen Prozessorleistung.

Apple setzte mit den neuen Modellen in 4,7 Zoll und 5,5 Zoll  jedoch keinen neuen Trend, sondern reagierte auf diesen – gerade noch rechtzeitig. Konkurrenten wie der größte Frenemy der Zehner – Samsung – und neu aufstrebende chinesische Marken wie Huawei, Oppo oder OnePlus zeigten Apple, was die Kunden in Fernost wünschten: Leistungsstarke Smartphones mit großem Bildschirm.

Gerade hinsichtlich Bildschirm hatten zum Start des iPhone Experten Apple einen Vorsprung von fünf Jahren eingeräumt, im Jahre 7 des iPhone war der aufgebraucht und Cupertino hatte aufzuholen. In Sachen Leistung macht Apple aber keiner etwas vor, die selbst entwickelten A-Chips auf ARM-Basis, die Samsung und TSMC bauen, stehen beinahe konkurrenzlos da.

Ein Smartphone besteht aber aus weit mehr als aus einem System-on-a-Chip. Nicht nur bei der Bildschirmgröße begann die Konkurrenz an Apple vorbei zu ziehen, sondern auch hinsichtlich der Kamera. Die verbesserte Apple zwar auch nach und nach, in den ersten Jahren des iPhone aber eher nur alle zwei Jahre in wesentlicher Manier, seit Mitte der Zehner sieht sich Apple gezwungen, jedes Jahr eines draufzulegen. Am Ende der Dekade lässt sich freilich sagen: Mission accomplished.

Die neue Größe brachte aber auch neue Probleme: Einige iPhone-Nutzer beschwerten sich in den Wochen nach dem Kauf, ihr 6er – vor allem in der Plus-Variante, würde sich im Einsatz verbiegen. Vor allem, wenn man es in der Hosentasche trägt und sich drauf setzt. Ach! Doch zeigten auch einige Technikjournalisten und solche, die es gerne wären, vor der Kamera auch, wie man das iPhone mit brachialer Gewalt verbiegen kann. Wäre beinahe etwas für "Wetten, dass … ?" gewesen, Kategorie Telefonbuch-Zerreiß-Wette, aber die Sendung war da schon in ihrem Niedergang begriffen.

Anders als Steve Jobs Jahre zuvor beim "Antannegate" spannte Tim Cook kein Reality-Distortion-Field auf, sondern ließ nüchtern Fakten sprechen. Apple zeigte, mit welchen Belastungen die Gehäuse auf Verwindfestigkeit getestet werden, "Bentgate" versandete daher auch recht bald in den Gestaden der Zeit. Ein Jahr später erklärte Apple aber stolz, das Gehäuse des iPhone 6S (Plus) sein nun aus 7000er-Aluminium gefertigt und somit viel stabiler. Aber beim iPhone 4S hatte Apple ja auch schon das Antennendesign geändert – beides stilles Eingeständnis eines Mankos der Konstruktion.

Was 2014 rund um Cupertino sonst noch geschah:

  • Nicht nur das iPhone bekommt einen größeren Bildschirm mit einer "Retina"-Auflösung, also einer solchen, bei der man mit bloßem Auge die einzelnen Pixel nicht mehr unterscheiden kann. Schon 2012 hatten iPad und Macbook Pro Retina spendiert bekommen, im Oktober 2014 ist auch der iMac dran. Zunächst wird das größere Modell mit 27-Zoll-Monitor mit einem Display ausgestattet, das eine 5K-Auflösung bietet. Das Betrachten von Unterhaltung auf dem iMac oder dem Fernseher soll sich ja noch wesentlich vom Genuss auf dem Mobilgerät unterscheiden, auch Monitor- und TV-Hersteller setzen auf immer höhere Auflösungen. Das geht vor allem zu Lasten der Marge, der 27-Zoll-iMac kostet etwa genau so viel wie ein LG-Display (ohne Computer...) in der gleichen Größe und Auflösung. Zu dem Preis wird das der Hersteller dann nicht mehr los. Die extrem niedrigen Margen im Geschäft mit TV-Geräten lässt allmählich auch den Analysten Gene Munster bezüglich seines Lieblingsthemas verstummen. Seit Ende 2011 hatte er immer wieder prognostiziert, Apple würde im "nächsten Jahr" einen Fernsehapparat vorstellen. Sollte Apple je an einem solchen Gerät gearbeitet haben, ist das Projekt wegen wirtschaftlicher Aussichtslosigkeit aber längst eingestellt.

  • Einer geht noch: Das iPad Air wird in seiner zweiten Generation noch ein Stück dünner – und wird für lange Jahre im Angebot bleiben, zunächst als Spitzenmodell und später als Brot-und-Butter-Gerät. Das iPad Mini bekommt in seiner dritten Generation wie das größere Gerät nun auch einen Fingerabdrucksensor.

  • Service: Apple beantragt zwar keine Banklizenz, hat aber bereits hunderte Millionen von Kreditkartendaten seiner Kunden gesichert – bis dato ist auch kein Breach bekannt, Apple legt höchsten Wert auf Sicherheit. Und geht in Sachen Finanzen im Jahr 2014 einen Schritt weiter: Der Bezahlservice Apple Pay startet zunächst in den USA, Zahlen kann man mit seinem iPhone ab Modell 5s an allen Terminals, die NFC akzeptieren. Der in den Geräten verbaute NFC-Chip steht nur für Apple Pay zur Verfügung, erst langsam öffnet ihn Apple auch für andere Dienste, aber keine konkurrierenden Finanzservices.

  • Hätte es früher nicht gegeben: Das neue Mac-Betriebssystem OS X 10.10 Yosemite stellt Apple etwa einen Monat nach der WWDC erstmals in den öffentlichen Beta-Test – und seither alle Vorabversionen. Ein Jahr später weitet Apple das Beta-Programm auch auf iOS aus.

  • Geschenkt ist noch zu teuer: Apple wollte seinen Kunden eine Freude machen und kündigte am Ende der iPhone-6-Keynote an, das neue U2-Album "Songs of Innocence" in die iTunes-Mediathek zu legen. Apple hat das Millionen gekostet und einen veritablen Shitstorm (Top-Kandidat für das Unwort der Zehner!) eingebracht. U2 mag zwar weltweit viele Fans haben, aber offensichtlich auch ähnliche viele Feinde – geht den vier Iren da so ähnlich wie dem FC Bayern. Viele fanden das Geschenk überhaupt nicht witzig – löschen konnte man es zunächst nicht aus seiner Mediathek, allenfalls ausblenden. Erst seit dem "Bono-Gate" hat Apple überhaupt die Option eingeräumt, einmal erworbene (oder hier geschenkte) Inhalte auch tatsächlich zu entfernen.

  • Kurz vor der Eröffnung des U2-Geschenks hatte Tim Cook mit "one more thing" die Vorstellung des ersten wirklich neuen Produkts unter seiner Ägide eingeleitet: Die Apple Watch eröffnete Apple neue Kategorien. Was man aber damit genau anfangen kann, das sollte Cupertino dank seiner Kunden erst in den Jahren 2015ff herausbekommen. Aber das erzählen wir im neuen Jahr. Also morgen.

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