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Deutsche IT-Presse hat ein Frauen-Problem

08.03.2019 | 08:39 Uhr | Halyna Kubiv

Nicht durch eigene Errungenschaften, sondern stets über ihre Beziehung zu Steve Jobs wurde Laurene Powell Jobs stets definiert.

Als sich vorgestern Abend Donald Trump bei einer Beratersitzung im Weißen Haus versprochen hat, und Tim Cook "Tim Apple" nannte, entbrannte in den sozialen Medien ein Shitstorm: Unerhört, wenn der US-Präsident den Namen des Apple-CEO nicht kennt! Dabei war der Versprecher durchaus logisch – nicht die Person war Trump wichtig, sondern ihr Bezug zur Firma, eben deswegen war ja Tim Cook zu dieser Sitzung eingeladen. Unhöflich, ja gar grob, ist eine solche Bezeichnung aber allemal.

Kein Shitstorm brach aus, als Anfang der Woche viele Medien über Laurene Powell Jobs geschrieben hatten: Sie investiert derzeit über ihre Stiftungs-ähnliche Firma Emerson Collective in mehrere renommierte US-Zeitungen und -Zeitschriften, darunter "The Atlantic" und "Axios". Das Problem dabei: Viele deutschsprachigen Webseiten bezeichnen die Frau in ihren Überschriften stur nur als Steve-Jobs-Witwe, manchmal ohne den vollen Namen. Klar ist die Umschreibung ein gewünschtes Stilmittel, soll sich doch der Text flüßig lesen, aber eben im Vorspann und im Fließtext und nicht gleich im Titel.

Der Fall Laurene Jobs ist ein ähnlicher wie bei Donald Trump und Tim Cook – durch die Bezeichnung der Person in Bezug auf eine Firma oder auf eine andere Person werden die Eigenschaften und Errungenschaften dieser Person entwertet. Nicht weil in den Zeiten von "Fake-News"-Aufrufen und Journalisten-Morden Frau Jobs in den seriösen Journalismus investiert und so versucht, zumindest ansatzweise dessen Reputation und Einfluss zu erhalten, wird sie erwähnt, sondern weil sie eine Weile mit Steve Jobs verheiratet war. Klar, Laurene Powell Jobs hat Steve Jobs beerbt und kann wohl sehr viele Tätigkeiten des Emerson Collective alleine durch Apples Dividenden finanzieren. Sie ist in diesem Bereich aber schon seit den Neunzigern aktiv.

Dass das Problem ein allgemeines ist und sich nicht nur auf die jüngste Berichterstattung beschränkt, verrät übrigens Google. Sucht man nach " Jobs+Witwe ", erkennt die Suchmaschine momentan knapp 1.130.000 Treffer, bei " Laurene+Powell+Jobs " sind das aber nur knapp 411.000 Treffer auf den deutschsprachigen Seiten. 

Wir würden uns wünschen, zumindest an dem einem Tag pro Jahr, wenn man schon eh den Gleichberechtigungstag begeht, würden die Redakteure und Journalisten in sich gehen und fragen, ob man vielleicht den eigenen Lesern schon eine gewisse Lernfähigkeit und Intelligenz zutraut und darauf hofft, dass sie in der Überschrift den Namen "Jobs" erkennen, selbst wenn davor kein "Steve" steht, und auf den Link klicken. Schließlich wurde aus dem Apple-CEO und Steve-Jobs-Nachfolger schon längst Tim Cook. Aber er ist ja ein Mann …

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