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Die Keynote zum iPhone 11: Was gut war, was nicht

11.09.2019 | 13:00 Uhr | Peter Müller, Halyna Kubiv

Die Meinungen gehen auseinander: Konnte Apple gestern mal wieder beeindrucken oder war die Veranstaltung eher mau? Ein Pro und Contra.

Die gestrige Keynote unter dem Motto "By innovation only" war gewiss kein Jahrhundertereignis. Ebenso wenig taugte sie aber als Beleg für die krude These, dass Apple dem Untergang geweiht sei. Es hat uns aber einiges gut gefallen – und anderes nicht so sehr. Ein Pro und Contra der Macwelt-Redaktion.

Pro: Spirale aufwärts – nur nicht bei den Preisen

Was hatten Analysten und auch wir Presseleute nicht in den letzten Wochen und Monaten spekuliert, wie Apple die neuen Preispunkte setzen wird, angesichts drohender Strafzölle auf Waren aus China einerseits und einer gut eingespielten Lieferkette andererseits. Würde Apple zugunsten der Marge schon mal prophylaktisch raufgehen mit den Preisen oder eine Reduzierung der Gewinnspanne in Kauf nehmen? Würden die im Gegensatz die kaum veränderten iPhones nicht in der Produktion günstiger werden und könnte das Apple an die Kunden weiter reichen? Letzteres ist tatsächlich der Fall, wenn auch nur beim iPhone 11, das im Vergleich zum Originalpreis des iPhone XR deutlich günstiger geworden ist – bei einer deutlichen Verbesserung des Kamerasystems. Das besteht ja nicht nur aus den Objektiven, zu denen jetzt ein zweites hinzugekommen ist, sondern auch aus CPU, GPU, Software und deren Zusammenspiel. Noch mehr verbessert hat Apple die OLED-iPhones, die durchaus zu Recht jetzt den Namenszusatz "Pro" tragen. Und siehe da – die Preise sind gegenüber denen des iPhone XS und XS Max vom Vorjahr gleich geblieben. Man hatte ja schon das Schlimmste befürchtet und Horrorvorstellungen von Preisen jenseits der 2000 US-Dollar gepflegt.

Über Vorzüge und Nachteile der neuen iPhones und was daraus folgt, werden wir in einem separaten Artikel noch näher eingehen, aber bleiben wir mal bei den Preisen, die uns Apple gestern zeigte: Fünf Euro im Monat für ein Spieleabo, von dem die gesamte Familie profitiert und ebensolche fünf Euro für interessante Serien und Filme, da muss man nicht zweimal nachdenken – und darf sogar sein Netflix- und/oder Amazon-Prime-Abo behalten, ohne dass der Medienetat übermäßig stiege. Aber schon klar: Apple will vor allem seine Geräte verkaufen, deshalb ja auch das Angebot, auf einem neuen Mac und iPad ein Jahr lang gratis Jason Momoa, Reese Witherspoon und andere glotzen zu können. Angesichts der riesigen installieren Basis und der Öffnung hin zu Smart TVs könnte die Rechnung aber selbst ohne nennenswertes Wachstum bei der Hardware aufgehen.

Geringfügig teurer geworden ist die Apple Watch, aber das macht nichts: Erneut hat Apple gezeigt, dass der Computer am Handgelenk noch lange nicht ausgereizt ist und die Entwicklung stets weiter geht. In evolutionären Schritten und nicht per Revolution. Auf den Schlaftracker verzichten wird halt noch eine Iteration und auf die Blutdruckmessung bis zur nächsten deutlichen Überarbeitung in zwei oder drei Jahren.

Natürlich kassierte Apple auch Spott, wir waren etwa erstaunt, dass eine Apple-Keynote mit ein paar netten, aber nur halb relevanten Neuigkeiten zum Apple Store endete – one more thing war das nicht. Andere witzelten über den neuen Farbton "Midnight Green" des iPhone 11 Pro – wo bitte, sei die Mitternacht grün? Nun ja, wenn man nichts anderes zu bekritteln kann. Wobei: Wirkte der Himmel über Kreta rund um den Vollmond nach Pfingsten gegen Mitternacht nicht doch recht grünlich? Alles in allem war die Keynote gestern eine der besseren, trotz aller Leaks zuvor sogar mit der ein oder anderen Überraschung gespickt: Wer rechnete schon mit einem iPad 7 oder einer Ultraweitwinkelkamera an den 11ern? pm

Contra: Viel gesagt und nichts erzählt

Wir haben gerade nachgesehen: Die Apple Keynote rund um das iPhone 11 hat eine Stunde vierzig Minuten gedauert, nicht zu kurz und nicht zu lang. Doch im Nachhinein erscheint es uns, als ob die Marketing-Dramaturgen rund um Tim Cook und Phil Schiller von vornherein etwas die Struktur der Keynote verändern wollten, in der letzten Minute aber noch so viele Änderungen notwendig waren, dass die Keynote trotz vieler bunter Folien mehrere Fragen offengelassen hat. Zum einen hat Tim Cook nochmals die Inhalte von Apple TV+ vorgestellt und so wertvolle Zeit beansprucht, diesen Part könnte man getrost auf einen Trailer und auf die wesentlichen Infos zum Start und Kosten reduzieren. Was Apple stattdessen vernachlässigt hat, war seine Software-Abteilung. Wir haben gerade eben mehrere Stunden damit verbracht, die Infos zusammenzutragen, wann denn nun das iPadOS oder beispielsweise watchOS startet. Spoiler: Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage, in diesem Artikel finden Sie die konkreten Daten .

Haben Sie übrigens bemerkt, dass diesmal Craig Federighi komplett gefehlt hat? An der Stelle muss man nicht gleich anfangen zu spekulieren, wann der Software-Verantwortliche Apple verlässt, das erscheint uns zu weit gegriffen. Seite Auftritte haben sich in den letzten Jahren zum wirklichen Highlight gemausert, keiner ist im Stande so anschaulich und leidenschaftlich selbst die langweiligsten Funktionen im kommenden iOS oder macOS zu erklären und ins richtige Licht zu setzen.

Was uns noch bei der Keynote gefehlt hat, war ein gewisses Extra. Apple ist es in den letzten Jahren immer wieder gelungen, eine kurze künstlerische Sequenz einzubauen, die sich gleichzeitig auf Apple und seine Produkte bezog, aber ein Schmunzeln auf die Gesichtern der Zuschauer zauberte. Wir erinnern uns immer noch gerne, wie James Corden Tim Cook im besten Carpool-Karaoke-Style zur Keynote kutschierte: "Ist das wahr, dass die Sicherheit des kommenden iPhones absolut die beste wird? – Ja. – Weißt du, wo ich das erfahren habe? – Wo? – Durch ein Leak im Internet" – einfach köstlich. Oder diese Rap-Einlage von Bozoma Saint John. Solche Beispiele gab es in den letzten Jahren genug, nur eben nicht gestern. hk

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