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Die Touchbar: Ist das Kunst oder kann sie weg?

19.10.2021 | 15:45 Uhr | Halyna Kubiv

Das neue Macbook Pro wird nur gelobt, und das zurecht: schnell, leistungsfähig, leise und mit geilem Display. Doch eine Funktion fehlt.

Es hat sich schon lange angedeutet, doch gestern hat Apple Ernst gemacht: Bei den neuen Macbooks Pro fehlt der interaktive OLED-Streifen namens Touchbar, die Touch ID ist in einem Knopf untergebracht, stattdessen sind wieder die Funktionstasten zurückgekehrt. Der Schluss trügt aber, dass die Touchbar die Transition zu Apple Silicon nicht geschafft hat, denn das Einstiegs-Macbook Pro mit 13 Zoll Bildschirmdiagonale aus dem letzten Jahr bleibt noch bei den spärlichen Anschlüssen und bei der Touchbar. Zudem hat seit jeher ein Apple eigener Chip namens T2 die Touchbar gesteuert. Warum fehlt nun die Erfindung Apples auf den neueren Macbooks und gibt es noch eine Chance, dass sie zumindest bei den Einstiegs-Macbooks bleibt?

Woran hakt es bei der Touchbar?

Eigentlich war die Prämisse Apples 2016 richtig, die Funktionstasten sind aus Not entstanden, als die Tastaturen noch mechanisch waren und man darauf nichts anderes konnte als tippen. Statt starren und kryptischen Benennungen auf den Tasten warum also nicht die Fläche nutzen und kontextsensitiv die Befehle einblenden, von denen Apple oder die App-Entwickler meinen, sie wären in der gegebenen Situation für den Nutzer oder die Nutzerin hilfreich? In nativen Apple-Programmen funktioniert das etwas besser, hat der Hersteller recht früh die Standard-Apps auch an die Touchbar angepasst, in diversen Dritt-Programmen – mal gut, mal weniger gut. Doch für diejenigen, die blind tippen können, liefert die Touchbar ein gewichtiges Gegenargument: Man muss den Blick vom Bildschirm auf die Tastatur werfen, um die passende Option anzufassen, irgendwelchen haptischen Feedback, wo man grade ist, gibt es nicht. Die Touchbar ist ein durchgehender Screen und darunter gibt es keine Simulation wie bei den iPhone-Knöpfen oder bei dem Touchpad, die den physischen Druck auf diese Oberfläche nachahmen können.

Touchbar: Erst missverstanden, dann geliebt

Da war da noch eine schleppende Unterstützung von den Dritt-Entwicklern, bei Mozilla dauerte es mehrere Jahre, bis Firefox endlich mal ein paar Schaltflächen auf der Touchbar darstellte. Die größten Programme-Anbieter wie Adobe oder Microsoft unterstützen nun die Touchbar recht passabel. Doch anscheinend ist der interaktive Streifen auf den Macbooks Pro seit 2016 so gar nicht beliebt.

Nutzt denn die Touchbar niemand?

Nun, das stimmt nicht so wirklich, aber sieht man sich auf Social Media und dedizierten Plattformen um, entsteht schnell der Eindruck, dass die Touchbar regelrecht gehasst wird. Die stärksten Gegner sind wohl die Programmierer, die auch die Zielgruppe für die Macbooks Pro sind. Funktionstasten helfen sehr beim Schreiben von Code, so war die Entrüstung verständlich, als die Coder statt gewohnten und in das Bewegungsgedächtnis eingeprägten F1, F2 und so weiter ein komisches Gebilde mit Emojis und gar bunten Animationen vorfanden. Zufälligerweise ist diese Zielgruppe recht gut auf Twitter vertreten und so konnte der Eindruck entstehen, dass die Touchbar nur Nachteile mit sich gebracht hat.

Doch tatsächlich ist das Interesse an dem interaktiven Streifen des Macbooks seit Jahren ungebrochen: Die Nutzer suchen danach auf Google, auf Github gibt es mehrere Hundert Projekte mit dem Code für die Touchbar. Laut Google Trends ist das Interesse an die Touchbar in China am größten. Auch auf Apple Communities gibt es nach wie vor rege Diskussionen zu der Touchbar, meist, wenn Apple mit einem Update die Funktionalität beeinträchtigt.

Auch unsere Leser lassen die Touchbar nicht links liegen, die Anwendungsbereiche reichen von Standard-Programmen wie Mail, Fotos, Safari bis Profi-Anwendungen wie Photoshop, Ableton etc.

Wird Apple die Touchbar behalten oder komplett streichen?

Beim aktuellen Stand der Dinge sieht es für die Touchbar recht schwarz aus. Bei der Profi-Zielgruppe ist die Anwendung nicht beliebt, vielleicht deswegen ist sie von den Macbooks Pro M1 Pro und Max verschwunden. Die normalen Anwender, die jetzt nicht unbedingt fünfzig Tastenkürzel auswendig können, scheinen jedoch von der Idee angetan zu sein, statt langwierig in den Programmeinstellungen zu wühlen und sich durch die Untermenüs durchzuklicken, schnell auf die entsprechende Oberfläche zu tippen.

Die Idee hinder der Touchbar ist genial, sie darf nicht einfach so verschwinden, weil jemand sie nicht mag. Bei einer so heterogenen Kundschaft wie bei Apple ist es eh kein Wunder. Nur muss Apple seine Idee weiterdenken, damit sie sich weiter durchsetzt. Vielleicht statt eines durchgehenden Streifens die Hälfte der Fläche mit den kontextsensitiven Tasten beleben, die ihre Beschriftung je nach Programm und Situation ändern und dazu haptisches Feedback liefern und auf der anderen Seite die interaktive Oberfläche für die Lautstärke-, Helligkeit- und andere Regler, wie sie Photoshop implementiert hat. Apple darf nicht aufhören zu experimentieren, selbst wenn einige der Experimente in die Hose gehen. Denn dieser Mut zum Anderssein hat das Unternehmen einst groß gemacht.

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