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Drahtloser Telefonanschluss: Die letzte Meile fällt

07.12.2000 | 00:00 Uhr |

Düsseldorf (dpa) - Für die Deutsche Telekom brechen bald auch im
Ortsnetz harte Zeiten an. Ein rundes Dutzend neuer Telefonanbieter
schickt sich an, das Quasimonopol des grauen Riesen in diesem Bereich
endgültig zu knacken. Mit dem drahtlosen Teilnehmeranschluss, im
Fachjargon WLL (Wireless Local Loop) genannt, wollen sie im Ortsnetz
auf Kundenfang gehen. Zielgruppe für die breitbandigen Daten- und
Internetdienste ist eine zahlungskräftige Klientel: kleine und
mittelständische Unternehmen. Die zuständigen EU-Minister hatten sich
sich am Dienstag prinzipell auf die Öffnung der so genannten letzten
Meile verständigt.

«Wir haben alle Voraussetzungen erfüllt und können loslegen», sagt
Hans-Peter Kohlhammer von der Frankfurter Broadnet. Das Unternehmen,
das zum US-Kabelbetreiber Comcast International Holding gehört, ist
eines von mehreren Firmen, die von der Regulierungsbehörde für
Telekommunikation und Post im August 1999 Frequenzen für den
Richtfunk zugeteilt bekamen.

Weitere ungenutzte Frequenzen will die Behörde noch in diesem Jahr
zuteilen. Ihr scheidender Präsident Klaus-Dieter Scheurle macht noch
einmal Dampf: Wettbewerb im Ortsnetz muss her. Und dafür haben die
Unternehmen einiges investiert. Mehr als eine Milliarde DM dürfte
ihnen der Aufbau der alternativen Netze kosten.

Dass sich diese Investitionen lohnen werden, davon sind die
Betreiber überzeugt. Branchenexperten erwarten für die breitbandige
Anschlüsse im Mittelstand jährliche Umsatzzuwächse von 30 Prozent. In
den kommenden fünf Jahren könnten sie auf rund 20 Milliarden DM
steigen.

Neben Broadnet stehen unter anderem auch Viag Interkom, Star 21
Networks, Firstmark, Callino, Deutsche LandTel und Arctel in den
Startlöchern. «Wir sind voll im Plan», sagt Andrea Fischedick von der
Star 21. Viag Interkom ist in seinen Lizenzgebieten nach eigenen
Angaben mit dem Netz-Aufbau «weitgehend durch. Und Mannesmann Arcor,
die mehrheitlich das Joint Venture ArcTel führt, kündigte die
Vermarktung ihrer Dienste für das kommende Jahr an.

Der drahtlose Anschluss ist eine von mehreren Möglichkeiten,
Endkunden direkt ins Netz zu nehmen. Andere Zugangstechniken sind das
TV-Kabel, der entbündelte Teilnehmeranschluss sowie das Stromkabel
(Powerline). Doch während hier entweder die Telekom mitmischt oder
die Technik als nicht ausgereift (Powerline) gilt, garantiert der
Richtfunk seinen Betreibern Unabhängigkeit und Gestaltungsfreiraum.

Ohne Straßen aufzureißen zu müssen, stellt eine Sende- und
Empfangsanlage an einer Basisstation über eine Hausantenne den
direkten Anschluss zu den Endkunden per Funk her. Experten sprechen
vom Richtfunk über Punkt-zu-Multi-Punkt (PMP). So wird die drahtlose
«letzte Meile» eine echte Alternative zum drahtgebundenen
Teilnehmeranschluss der Telekom.

Und dann schalten die Richtfunker den Turbo ein: Mit einem Tempo
von bis zu 155 Megabit pro Sekunde können Daten auf den Netzen hin-
und hergeschickt werden. Solche Geschwindigkeiten werden sonst nur
mit Standleitungen bei einem Glasfaserkabel erreicht. Selbst die
künftige Mobilfunktechnik UMTS (zwei Megabit pro Sekunde) verblasst
angesichts dieser Möglichkeiten. Hinzu kommt eine hohe Flexibilität.
Kohlhammer: «Wir können innerhalb von wenigen Tagen den Kunden
anschließen».

Für den privaten Massenmarkt lohnt die WLL-Technik derzeit nicht:
Je nach Anwendung kann ein Pauschaltarif zwischen 400 und mehreren
1000 DM pro Monat liegen. Hinzu kommen Gebühren für Sprachdienste und
je nach Vertrag einmalige Anschlusskosten. Aber wenn der Markt die
neue Technik annimmt, orakelt Fischedick, könnte der Richtfunk auch
für Privatkunden interessant werden. Schließlich hat der Fernbereich
gezeigt, wozu Wettbewerb in der Lage ist: Die Telefonpreise in
Deutschland purzelten in den Keller.
dpa

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