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Drohnenkrieg in der Ukraine: „Wenn ein Starker gegen einen Schlauen kämpft“

24.06.2022 | 15:30 Uhr | Halyna Kubiv

Russlands Angriffskrieg in der Ukraine hat einer ganzen Produktkategorie zu mehr Aufmerksamkeit verholfen – den Drohnen.

Noch vor wenigen Jahren wurden Drohnen aus der Kategorie Multi-Copter eher als Spielzeug für gut betuchte Kunden betrachtet, mittlerweile sind sie im Foto- und Video-Bereich fast alltäglich im Einsatz. Seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine war für fliegende Roboter ein weiterer Einsatzbereich gefunden – Aufklärungsflüge und gar Angriffe aus der Luft. Seit ein russischer Konvoi auf mehreren Kilometern über mehrere Tage im Norden der Ukraine stecken geblieben ist, haben Journalisten zu Hintergründen recherchiert. Ein Guardian-Bericht fand gar einen Hauptverantwortlichen für den Erfolg der Ukrainer gefunden – Aerorozvidka , zu Deutsch Luft-Aufklärungsdienst. Demnach haben sich die Freiwilligen auf einige Kilometer den russischen Panzern genähert, von dieser kurzen Entfernung Drohnen gestartet und daraus Munition abgeworfen. Zwei oder drei explodierte Panzer an der Spitze der Kolonne haben alle anderen Fahrzeuge blockiert und so standen sie über mehrere Tage in Kyiver Wäldern.

Was tatsächlich mit dem russischen Konvoi geschah

Wir haben mit dem Pressesprecher von Aerorozvidka zu dem Vorfall im März und zu anderen Entwicklungen im Bereich Drohnen gesprochen. Zunächst ist die Wirklichkeit weit prosaischer: Zwar waren die ukrainischen Soldaten mit Drohnen von Aerorozvidka unterwegs und haben die Gegend und die Lage ausgekundschaftet, aber nur die ersten russischen Panzer zu stoppen, hat sich nicht als ausreichend erwiesen. Die russischen Panzerfahrer haben sich in kleinere Gruppen aufgeteilt und wollten auf den Umwegen im Wald die Staustelle verlassen. Die Kombination von genauen Artilleriebeschüssen, einer ausführlichen Übersicht der Lage und ein etwas strategisches Denken haben jedoch diesen Ausweg der russischen Kolonne verhindert.  

Durch die Aufklärung der Aerorozvidka-Drohnen und genauen Kartendaten hatte die ukrainische Artillerie zu jedem Zeitpunkt gewusst, wo sich welche Fahrzeuge der russischen Armee bewegen. Sobald sich eine größere Gruppe in der Mitte der Kolonne gebildet hat, hat man diese mit genauen Anschlägen zerstört. Demnach erreichten diese Anschläge durch schnelle Reaktion und genaue Daten die Trefferquote von 90 Prozent. Auch wurde schnell bekannt, wo sich die Versorgung für die erste Kolonne befand. Die Versorgungsfahrzeuge hat man in einem der nächsten Schritte zerstört. Irgendwann mal ging den russischen Panzern der Sprint und den Soldaten das Essen aus. Anfang April hat sich die russische Armee komplett aus dem Norden der Ukraine zurückgezogen.  

Was macht Aerorozvidka

In Bezug auf diese Operation wurde Aerorozvidka im englischsprachigen Raum bekannt, doch die Organisation gibt es seit mindestens 2014, als Russland den Krieg in Donbass begonnen hatte. Laut dem Pressesprecher ist die Organisation komplett zivil, obwohl deren Freiwillige eng mit der ukrainischen Armee zusammen arbeiten. Aerorozvidka beteiligt sich nicht direkt an militärischen Aktionen, sondern versorgt unterschiedliche Einheiten mit Drohnen, Support und Schulungen. Sicherlich haben sich seit Anfang des Krieges mehrere Beteiligte aus der Organisation für die ukrainische Armee gemeldet, Aerorozvidka wird jedoch ausschließlich  aus Spenden finanziert , und ist keiner ukrainischen Truppeneinheit unterstellt. Die Organisation sieht sich eher als Dienstleister, der seine Dienste direkt vor Ort zur Verfügung stellt.

Octocopter R18 und was es kann

Im Zentrum dieser Dienste steht der eigens entwickelte Octocopter R18. Die Drohne mit acht Rotoren wurde schon im Jahr 2016 geschaffen und erprobt, 2019 ging das Gerät in Kleinserien-Produktion. Die Organisation stellt die Drohnen selbst her. R18 hat eine Reichweite von vier Kilometern und kann knapp 40 Minuten in der Luft bleiben . Gleichzeitig dazu kann so ein Gerät bis zu fünf Kilogramm an Sprengstoff tragen und entfernt gesteuert diesen abwerfen. Eine optimale Höhe für den R18-Flug sind 100 bis 200 Meter, die meisten R18-Drohnen sind auch mit Wärmebildkameras ausgestattet, die Daten aus den Aufklärungsflügen fließen in die anderen Datensysteme der ukrainischen Armee ein. Die Drohnen helfen so beispielsweise Artillerieangriffe zu korrigieren.

Im Vergleich zu anderen militärischen Drohnen ist R18 effektiv und geradezu billig. Die Grundbestandteile und der Aufwand, daraus eine fliegende Maschine zu bauen, belaufen sich auf rund 20.000 US-Dollar, die Anschaffungskosten hängen sehr stark von den Preisen für die elektronische Ausstattung wie zum Beispiel eine Wärmebildkamera, Fernsteuerungselemente und dergleichen ab. Aerorozvidka versorgt noch die entsprechenden Einheiten, die R18 einsetzen, mit der Schulung von Piloten, Pionieren, die die Drohne und die explosive Ladung bedienen, sowie mit lebenslangem Software-Support. Die Hersteller beliefern die ukrainischen Truppen mit einem Komplex aus zwei Drohnen, einer Steuerungsstation, davor folgt die Schulung für die entsprechenden Fachleute bei der Armee. Die Kosten für das gesamte System können sich auf 45.000 US-Dollar und mehr belaufen. Trotz ihres fünfstelligen Preises ist die Drohne R18 unglaublich effektiv: Laut dem Pressesprecher der Organisation kommen auf einen in R18 investierten US-Dollar knapp 1000 US-Dollar an zerstörten russischen Panzern und weiteren Fahrzeugen.  

R18 im Aufbau
Vergrößern R18 im Aufbau
© Aerorozvidka

Die Kosteneffektivität liegt nicht nur an dem vergleichsweise niedrigen Preis der Drohen, sondern auch an der Munition, die unentgeltlich zur Verfügung steht – und das aus einem einfachen Grund: Sie ist so alt, dass die ukrainische Armee für sie keine Anwendung findet. Der Aerorozvidka-Pressesprecher meint: „Wir nutzen, was da ist.“ Gemeint sind RKG-3 Anti-Panzer-Handgranaten, die in der Sowjetunion seit den 1950ern produziert wurden .   Das ukrainische Werk Kyiv Arsenal hat sie mit den Plastikflossen aus dem 3D-Drucker modifiziert und RKG-1600 genannt. Durch die Plastikflossen hat die Handgranate deutlich bessere aerodynamische Charakteristika und kann mit der Genauigkeit von einem Meter aus der Höhe von 300 Metern das Ziel treffen . Obwohl die Anti-Panzer-Handgranate recht leicht ist (knapp ein Kilogramm), kann sie Panzerungen bis zu 150 mm Dicke durchschlagen. Der Sprengstoff im Inneren von RKG-3 bzw. RKG-1600 ist kegelartig angeordnet und verhilft so dem Kupferkegel im Kopf zu einer Durchschlagskraft, die auch Panzerungen zerstören kann. Da die Handgranate so leicht ist, kann R18 gleich zwei davon gleichzeitig tragen. Auf der Seite des Herstellers gibt es genügend Videos, die erfolgreiche Anschläge mit R18 und RGK-1600 zeigen.

Wir sprechen auch über technische Probleme, denn bereits im Frühjahr wurde bekannt, dass sich die Drohnen von beiden Seiten durch eine App wie DJI Aeroscope nachverfolgen lassen. Besonders gefährlich isst dabei die Preisgabe des Orts, an dem die Drohne startete. Denn dadurch konnte man deren Piloten ausfindig machen und im schlimmsten Fall angreifen. „Unser Volk ist im Herausfinden und Tüfteln unschlagbar. Gegen solche Verfolgungssysteme wurde recht früh ein Zusatz-Gadget entwickelt, das unserer Drohne als Anonymisator diente. Dieses wurde Olga-3 getauft. Mit der Zeit hat DJI das System aktualisiert, sodass Olga-3 nicht mehr wirkte. Aber nach der Aktualisierung reicht auch eine zusätzliche Software, um gegenüber den russischen Truppen unsere Drohnen zu anonymisierten. Denn in diesem Krieg kämpft ein Starker gegen einen Schlauen. Die Russen haben mehr Truppen und mehr Waffen, wir setzen unsere Munition einfach effektiver ein“, so Aerorozvidka. Gegen die russischen Störgeneratoren wie Krasucha-4 gibt es nicht immer Gegenmittel. Erfahrene Piloten können sich manchmal auch ohne GPS-Navi und Videoübertragung orientieren, doch das ist eher Glückssache.  

R18
Vergrößern R18
© Aerorozvidka

Aerorozvidka hat fest vor auch nach dem Krieg eigene Drohnen zu entwickeln, denn ein Gerät wie R18 lässt ich bei Waldbrandbekämpfung, im Allgemeinen beim Naturschutz sehr gut einsetzen. Immer mehr Branchen setzen fliegende Roboter ein, sie müssen nicht immer Bomben tragen.

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