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Ehrenrettung für Night Shift: Der Lese-Modus ist sinnvoller als mancher meint

15.10.2021 | 16:30 Uhr | Stephan Wiesend

Blaulichtfilter und -Brillen mag man verdammen, Kritik an der Funktionen wie Night Shift ist aber verfehlt.

Der Wert von Bildschirmfunktionen wie Night Shift und Blaulichtfilter ist schon lange umstritten. Harte Worte fand nun der Ophthalmologe Professor Michael Bach von der Uni Freiburg, der vorwiegend die Warnungen vor Augenschäden durch Blaulicht für unnötig hält und die meisten entsprechenden Produkte auf dem Markt für Humbug häl t. Dies ist wohl berechtig: Vor allem Kontaktlinsen mit Blaulichtfilter und Bildschirmbrillen, die vor diesem Lichtanteil schützen sollen, sind wohl überflüssig, wie eine Studie zeigte . Als völlig überflüssig wird von Bach allerdings auch die Funktion Night Shift eingestuft, die in aktuellen Macs und iOS-Geräten einen angenehmeren Anzeigemodus aktiviert. Stattdessen soll man lieber beim abendlichen Lesen die Helligkeit des Bildschirms reduzieren. Übereinstimmung herrscht nämlich dabei, dass helles Licht vor dem Einschlafen den Nachtschlaf stören kann.

Nach unserer Meinung wird die Funktion Night Shift da aber missverstanden. Das erste Missverständnis: Durch das Aktivieren der Funktion Night Shift wird nicht nur eine wärmere Farbdarstellung aktiviert, auch die allgemeine Helligkeit des Bildschirms wird automatisch reduziert. Also genau das, was von Bach vor dem Einschlafen empfohlen wird. Dass der Modus die Bildschirmhelligkeit reduziert, ist wohl schon jedem aufgefallen, der die Funktion bei Tageslicht aktiviert hat. Je nach eingestellter Stärke des Effekts wird nicht nur die Farbdarstellung wärmer (eine Art Gelbstich), auch die Helligkeit reduziert sich deutlich.

Der Unterschied kann recht hoch sein, wie eine Messung mit der App "Light Meter" zeigt: Bei unserem AOC-Monitor sinkt die Helligkeit nach Aktivieren von Night Shift von 216 auf 161 Lux, bei unserem iPad sogar von 263 auf 126. (Die App kann zwar nicht mit echten Monitormessgeräten mithalten, vermittelt aber einen guten Eindruck von den Helligkeitsunterschieden.) Eher in den Bereich Komfort gehören zwei weitere Missverständnisse: Statt Night Shift zu nutzen könne man laut Wissenschaftlern ja einfach die Helligkeit verringern. Das ist nicht falsch, allerdings bleibt dann der Weißpunkt des Bildschirms unverändert bei etwa 6500 Kelvin. Das ist zwar für Arbeitsmonitore der Industrie-Standard, dieser ist aber auf Tageslicht optimiert. Für das abendliche Ebook-Lesen ist er keineswegs ideal. Auch im abendlichen Wohnzimmer finden schließlich viele einen wärmeren Farbton angenehmer, der weniger dem Licht einer Neonröhre gleicht. So gibt es für das Wohnzimmer nicht ohne Grund Lampen mit dem Weißpunkt „warmweiß“ statt „tageslichtweiß“. Der sogenannten „Blaulichtfilter“ ist natürlich kein echter Filter, er funktioniert so: Night Shift senkt den Blau- und Grünanteil, hebt aber etwas den Rot-Anteil an – was zu einer leicht gelblichen Darstellung führt. Die Änderung des Weißpunktes wirkt auf viele sehr angenehm, eine nachprüfbare physiologische Wirkung gibt es aber wohl nicht – wir vermuten allenfalls eine leicht beruhigende Wirkung.

Durch Night Shift kann man schlussendlich noch ein drittes Problem umgehen: Will man die Helligkeit verringern, fangen manche Smartphone- und Desktop-Displays zu flimmern an. Ein verbreitetes technisches Problem, das auch OLEDs betreffen kann und durch die  Abdunkelung per Night Shift umgangen wird.

Fazit

Night Shift wird nach unserer Meinung zu Unrecht geschmäht. Es mag zwar eher eine Komfortfunktion sein, aber eine sehr nützliche. Geschäftemacherei kann man Apple wohl ebenso wenig nicht vorwerfen, kostet die Systemfunktion doch keine Zusatzgebühren und scheint einem echten Bedürfnis zu entstammen. So gab es diese Funktion schon lange vor iOS, etwa dank Tools wie flux .

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