2564615

Film-Tipps für das Wochenende: Grande Finale

23.04.2021 | 17:30 Uhr | Peter Müller

Schon wieder eine Woche rum: Licht im Home-Office ausschalten und TV im Fernsehzimmer an. Auch wenn das der gleiche Raum ist.

In diesen Zeiten mag helfen, die täglichen Herausforderungen ähnlich strukturiert anzugehen, wie man es sonst auch täte. Es soll ja Leute geben, die deshalb im Home-Office Business-Wear tragen und erst am Wochenende Zeit haben, mal wieder in die Glotze zu schauen, was denn die Serien so an neuen Wendungen bieten und welche Filme sich in Mediatheken oder anderweitig lohnen.

35 Jahre - und immer noch strahlend

Wenn das mit der Pandemie schon so zäh läuft und Wissenschaftler, deren Botschaft dem gemeinen Volk nicht gefällt, von diesem geschmäht bis bedroht werden, wie soll das dann mit den Folgen des Klimawandels funktionieren? Es gibt ja einige Gemeinsamkeiten: Wissenschaftler weltweit haben dessen Existenz bewiesen. In Griff bekommen kann man das Problem nur durch nachhaltige Verhaltensänderungen, einige neue oder weiter entwickelte Technologien könnten dazu helfen. Das individuelle Risiko, daran einen schweren Schaden zu erleiden, ist relativ gering, es betrifft vor allem andere Leute. Und vor allem wird es unbezahlbar teuer, wenn man zu lange mit Maßnahmen zögert, auch wenn akute Maßnahmen unangenehm und nicht billig zu haben sind. Aber so ist es bequem, den Kopf in den Sand zu stecken, oder gleich Sand in den Kopf und die Mahner maßlos beschimpfen. Sicher, da gibt es in Sachen Klimawandel manch übertriebene Warnung, manche Temperatur und mancher Sturm sind einfach nur Wetter. Aber das Volk von Troja musste letztlich doch feststellen, dass Kassandra recht hatte.

Gerade dieser Tage erlebt die Kernenergie vielerorts ein Revival, mit dem nicht völlig verkehrten Argument, der Strom aus dem Atom helfe gegen den Klimawandel. Nun ja, CO 2 wird in Betrieb nicht frei, das ist korrekt. Und das Klimagas Wasserdampf, das global einen weit höheren Anteil daran trägt, dass wir auf keinem Eisplaneten leben, ist im Umkreis von Kernkraftwerken nur ein lokales Phänomen.

Leider ist die Vernunft, die es braucht, um trotz Klimawandel von der Kernkraft zu lassen und stattdessen die Gratisenergie aus dem All zu nutzen, nicht überall hinreichend weit gediehen. Und so wird sich den finsteren GAU-Daten 28. März 1979, 26. April 1986 und 11. März 2011 noch das ein oder andere hinzugesellen.

Unser Tipp anlässlich des Jahrestages der Katastrophe von Tschernobyl am kommenden Montag:

Chernobyl - Fünfteilige Drama-Serie der BBC, die es bei Amazon für 13,49 Euro zu kaufen gibt. Fiktional ist hier wenig, die Geschichte bleibt sehr nahe an den tatsächlichen Ereignissen. Sehr gut skizziert der Versuchsaufbau, das überstürzte Experiment, das Nicht-Glauben-Wollen des Geschehens, weil ja nicht sein kann, was nicht sein darf, die Vertuschungen bis in höchste Hierarchieebenen, die verzweifelten und so oft tödlichen Anstrengungen im Schlimmen das Allerschlimmste verhindern zu wollen - von der ersten bis zur letzten Minute sehenswert. Vielleicht ja in der Nacht zum Montag?

Schieß mich doch zum Mond

Während das Unglück von Tschernobyl in der Realität einen wesentlichen Beitrag zum Ende der Sowjetunion leistete, geht es in der alternativen Realität von "For All Mankind" zum Schluss der zweiten Staffel hoch her. Die feindseligen Handlungen zwischen den Supermächten USA und Sowjetunion sind im Cliffhanger der neunten Folge eskaliert, in Folge zehn kann es eigentlich kaum etwas anderes geben, als ein Schlachtengemälde entsetzt zu bestaunen. Aber Gemach, das wird nicht zum Dritten Weltkrieg auf der Erde führen, der im Jahr 1983 tatsächlich versehentlich ausgelöst worden wäre. Wir haben das Staffelfinale noch nicht gesehen, können und wollen nicht spoilern, aber da eine dritte Staffel bereits in Auftrag gegeben ist, kann das Ende der Staffel zwei nicht das Ende der Geschichte bedeuten. Vermutlich werden die Zivilisten, die Ingenieure und Wissenschaftler, wieder richten müssen, was die Militärs verbockt haben. Nächstes Jahr geht es weiter, vielleicht in einem fiktiven Jahr 1989, das mit dem realen viel gemeinsam hat?

Mysteriös und gewagt: Calls

Immer, wenn eine Serie zu Ende geht, braucht man Ersatz. Bei Apple ist das Angebot noch ein wenig bescheiden, wird aber immer umfangreicher. Wer es noch nicht getan hat, sollte "Calls" mal eine Chance geben, alle neun Folgen hatte Apple gleichzeitig veröffentlicht. Und da die auch kaum mehr als jeweils zwanzig Minuten dauern, kann man sie auch in einem Rutsch sehen. Würde sich empfehlen, denn die einzelnen, Science-Fiction-Horror-Geschichten hängen zusammen, Folge neun erklärt den Zusammenhang. Visuell wagt die Serie eine völlig andere Erzählweise: Zu sehen sind auf dem Bildschirm an sich nur Animationen, zu hören aber in Telefonaten erzählte Geschichten, die allmählich ihren Horror entfalten. Aber seit "Blair Witch Project" weiß man ja, dass man die Ursache der Angst gar nicht zeigen muss, um das Publikum zu gruseln. Es ist beinahe zu bedauern, dass Apple die Serie hat synchronisieren lassen, gerne hätten wir die originalen Stimmen etwa von Lily Collins gehört. Der gesprochene Text wird zum besseren Verständnis als Untertitel eingeblendet, dann hätte man das Original belassen können.

Natur pur

Zum Tag der Erde, der jedes Jahr am 22. April begangen wird, bringt Apple auf  Apple TV+ neue Originale zum Thema Natur, darunter den neuen Dokumentarfilm„ „Das Jahr, in dem sich die Erde veränderte“, erzählt von David Attenborough. Neu verfügbar sind außerdem die zweite Staffel des Apple Originals „Tiny World“ und „Die Welt in den Farben der Nacht“. Nach dem Weltraumabenteuer und dem Mysterium mit dem Raum-Zeit-Kontinuum sollten wir in der Tat besser wieder auf die Erde zurück kommen, wir haben nur diesen einen Planeten, der unser aller Schutz mehr denn je bedarf. Welche Inhalte Apple darüber hinaus zum Earth Day 2021 bietet, lesen Sie hier.

Hintergründige Dokumentation

"Schön und Kaffeebraun sind alle Frau'n in Kingston Town" - ein Schlager der Sechziger, vorgetragen vom Schweizer Sänger Vico Torriani. Rüttelreimkitsch, Leierkastenmelodie, passend zu anderen Texten aus jener Zeit wie der roten Sonne, die da bei Capri im Meer versinkt. Aber noch im Jahr 1975 fiel der Sportschau nichts besseres ein, als die Torschützin des Monats Juni Beverly Ranger (überhaupt erst die zweite Frau, die eine derartige Medaille bekam) auf  ihre Hautfarbe zu reduzieren. Und dass sich bis heute wenig geändert hat, zeigt die auf Amazon Prime laufende Dokumentation "Schwarze Adler" über den Alltagsrassismus, mit dem sich dunkelhäutige Fußballer:innen ausgesetzt sehen. Da ist etwa Jimmy Hartwig, Offenbacher Sohn eines GI, mit dem HSV Meister und Europapokalsieger geworden aber nur dreimal mit dem Adler auf der Brust, also in der Nationalmannschaft, im Einsatz gewesen - vom eigenen Großvater stets als N*** beschimpft. Oder Erwin Kostedde, etwas jünger als Gerd Müller, aber seinerzeit fast genau so gut am Ball und vor dem Tor, der vor lauter Schmähungen von der Tribüne als erster schwarzer Nationalspieler auch keine lange Karriere im DFB-Team hatte. Oder Gerald Asamoah, der erste in Afrika geborene Nationalspieler, Volksheld auf Schalke, aber in Cottbus, Rostock und auch anderswo rassistisch geschmäht. Oder Shary Reeves, die man auch als Moderatorin kennt, vom einstigen Frauennationaltrainer Gero Bisanz trotz größten Talents missachtet. Gerade wer den Fußball liebt, sollte sich diesen erschütternden, fast zweistündigen Film unbedingt ansehen - im Juni kommt er auch im ZDF, vermutlich zu nachtschlafender Zeit. Im Staate Fußballdeutschland ist etwas faul, nicht nur die Geschichte mit den gierigen Investoren und dem überbordenden Kommerz. Sondern leider auch auf den Tribünen.

Schwarze Adler bei Amazon Prime

Strafverfolgung

Hört das denn nie auf? Nein, das darf es auch nicht, das Erinnern und das Gedenken an die Shoa und die Strafverfolgung der Täter. Erst vor zwei Wochen war es 60 Jahre her, dass in Israel der Prozess gegen den Organisator des Holocaust Adolf Eichmann begann. Überhaupt erst ins Rollen gebracht hatte diesen Prozess einige Jahre zuvor der Staatsanwalt Fritz Bauer, dem es letztlich zu verdanken ist, dass Eichmann in seinem Exil in Argentinien aufgespürt wurde. Und endlich, mit gehöriger Verspätung in einem bräsigen Nachkriegsdeutschland die juristische Aufarbeitung des "Dritten Reiches" begann. Das Drama "Der Staat gegen Fritz Bauer" erzählt diese Geschichte - mit Burghart Klaußner in der Titelrolle.

Der Staat gegen Fritz Bauer in der ARD-Mediath ek

Emanzipation

Zu Fatih Akins Film "gegen die Wand" muss man nicht mehr viel sagen, außer dass dieser derzeit in der ARD-Mediathek zu sehen ist. Immer ein Empfehlung wert, auch wenn das Ende traurig macht wie auch die Tatsache, dass Hauptdarsteller Birol Ünel im vergangenen Jahr viel zu früh verstarb.

Gegen die Wand in der ARD-Mediathek

Cambridge-Analytica-Skandal, nur in interessant

Dass eine Tech-Firma zum Politikum werden kann, wissen wir seit spätestens den Anschlägen von San Bernardino. Dass eine Tech-Firma auf Politik wie Wahlen Einfluss nehmen kann, wissen wir seit der Facebook-Affäre mit Cambridge Analytica. Die Firma hat nachweislich die Wahlen in Großbritannien und in den USA 2016 beeinflusst. Wie die Brexit-Kampagne in Großbritannien abgelaufen ist, zeigt nun ein BBC-Film "Brexit". Die Geschichte wird aus der Perspektive von Dominic Cummings erzählt, einem der Köpfe hinter der Brexit-Kampagne. Einige der Kritiker behaupten, man hatte mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle und mit dem Fokus auf die Leave-Kampagne die Mächte dahinter wenn nicht humanisiert, dann wenigstens erklärt. Doch eigentlich kann man ohne eine solche Erklärung das Drama hinter Brexit nicht verstehen und Cumberbatch spielt gewohnt gekonnt einen Strategen, der die niederschwellige Wut und Unzufriedenheit freisetzt und für sich instrumentalisiert.  

"Brexit" in der ARD-Mediathek

Moderne Philosophie, nur in spannend

Achtung, am heutigen Freitag letzte Chance: Wer denkt, dass moderne Philosophen nur in einem Elfenbeinturm sitzen und über die Probleme sinnieren, die die meisten Menschen nicht betreffen, hat wohl von Hannah Arendt nichts gehört. In der ARD-Mediathek steht ihre verfilmte Biografie noch bis Sonntag zur Verfügung. Der Film beginnt mit der Eichmann-Entführung, doch das wird es schon mit Aktion in den kommenden 90 Minuten, fortan wird geredet, geschrieben, gestritten und vor allem viel geraucht. Das muss aber nicht bedeuten, dass der Film langweilig ist. Denn wie kann die Biographie einer Frau langweilig werden, die bis heute erstaunlich aktuell geblieben ist. Ihre "Wahrheit und Lüge in der Politik" liest sich so, als ob Arendt Trumps und Putins dieser Welt unter die Lupe genommen hat. Das Zitat " Diese Mischung aus Leichtgläubigkeit und Zynismus entstand dort, wo Menschen in einer ständig wechselnden und immer unverständlicher werdenden Welt sich darauf eingerichtet hatten, jederzeit jegliches und gar nichts zu glauben, dass schlechterdings alles möglich sei und nichts wahr. " könnte von einem Social-Media-Berater stammen, wurde jedoch von Arendt noch 1955 verfasst.

"Hannah Arendt" in der ARD-Mediathek

James Bond, nur in echt

Der fünfundzwanzigste James Bond hat schon jetzt ein Rekord aufgestellt: Wohl der meist verschobene Film der Filmgeschichte. Wer sich bis Herbst nicht gedulden will, kann sich bei Arte die Biographie seines Autors, Ian Fleming, anschauen. Genau wie sein Protagonist bestellt Fleming stilecht Martini, geschüttelt, nicht gerührt. Da er aber anders als Bond nicht in einer Lobby-Bar von "Four Seasons" sitzt, sondern in einem Pub irgendwo in London, bekommt er ein Flaschenbier vor die Nase serviert. Auch in einer Rauferei auf der Straße muss er sich geschlagen geben, und nicht wie Bond alle Gegner mit links besiegen. Doch die Bond-Girls, pardon, zahlreiche Affären von Fleming gibt es zuhauf, auch kann man spektakuläre Schauplätze wie Jamaika oder Kitzbühl bewundern.

"Mein Name ist Fleming, Ian Fleming" auf Arte

Theater in Cupertino

Apple nennt seine Bühne im Apple Park nach seinem Gründer Steve Jobs Theater - und wir können es kaum erwarten von dort wieder Produktvorstellungen vor Publikum zu sehen, wie zuletzt im Herbst 2019. Aber warum ein Theater nur für drei oder vier Produktionen im Jahr nutzen? Was wie ein Scherz klingt (und glauben Sie uns, für den 1. April 2018 hatten wir genau das vorbereitet uns es dann aber anders überlegt), wird nun aber wahr: Apple lässt im Steve Jobs Theater ein Stück inszenieren, das aus Gründen nicht vor Publikum vorgeführt werden kann, ab heute aber im Stream auf Apple TV+ zu sehen sein wird. "12 Angry Men … And Women" lautet der Titel der Produktion des Billie Holiday Theater, für das Apple seine Bühne und TV-Technologie zur Verfügung gestellt hat. Das Stück basiert auf einem 2012 erschienen Buch mit authentischen Berichten Betroffener zu einer leider immer noch aktueller Thematik: Polizeigewalt gegen Schwarze.

Macwelt Marktplatz

2564615