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Film-Tipps für das Wochenende: "The World's A Little Blurry"

26.02.2021 | 17:00 Uhr | Peter Müller

Schon wieder eine Woche rum: Licht im Home-Office ausschalten und TV im Fernsehzimmer an. Auch wenn das der gleiche Raum ist.

In diesen Zeiten mag helfen, die täglichen Herausforderungen ähnlich strukturiert anzugehen, wie man es sonst auch täte. Es soll ja Leute geben, die deshalb im Home-Office Business-Wear tragen und erst am Wochenende Zeit haben, mal wieder in die Glotze zu schauen, was denn die Serien so an neuen Wendungen bieten und welche Filme sich in Mediatheken oder anderweitig lohnen.

Ein bisschen fahl

Mit Filmpremieren ist es dieser Tage schwierig, mit Festivals noch mehr. Die Berlinale hat immerhin ein Konzept entwickelt: Eine Woche im März virtuelle Premieren, im Juni dann wieder mit Publikum, rotem Teppich, goldenen und silbernen Bären. Hoffentlich klappt das auch. Die Welt ist ein wenig fahl dieser Zeit, Kunst und Kultur müssen hinten anstehen, aber sind die nicht auch systemrelevant? Nehmen wir mit, was geht, und sehen uns die Dokumentation über die junge Künstlerin Billie Eilish auf Apple TV+ an: "The World's A Litte Blurry . Eilish und Apple, das passt gut zusammen, seit man weiß, dass die Sängerin und ihr Bruder ihre Tracks auf einem Mac mit Logic Pro produzieren. Der Film hatte in der Nacht auf Freitag eine virtuelle Premierenfeier erlebt, die gegen 3 Uhr hiesiger Zeit mit einem Live-Stream auf Youtube begann. War dann doch zu früh für uns, müssen ja für das Binge-Watchen am Wochenende gerüstet sein.

Ein bisschen bunt

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick. Im Tale grünet Hoffnungsglück. Na gut, bis Ostern ist noch eine Weile hin und ob sich der Winter für diese Saison wirklich schon in raue Berge zurückgezogen hat, kann man heute noch nicht zuverlässig vorhersagen. Die Sache mit dem Spaziergang vor dem Tore sollte man sich auch noch ein bisschen überlegen, denn Mensch so zu sein, wie man möchte, lässt die Pandemie noch nicht zu. Da kommt Ostern 21 viel zu früh. Man hat die Zahlen durchaus studiert, mit heißem Bemühen, ist aber klug als wie zuvor. Des Pudels Kern: Ein Virus, das zwischenmenschlichen Kontakt zur Verbreitung nutzt. Also besser noch eine Weile im Studierzimmer bleiben, sich mit Juristerei, Medizin, Philosophie und – leider auch – Theologie beschäftigen, bis Mephisto kommt. Denn es irrt der Mensch, solange er strebt. 

Bildungsfernsehen über Apple TV
Vergrößern Bildungsfernsehen über Apple TV

Etwas über zwei Stunden lang ist die Verfilmung von Goethes Drama, erster Teil, welche das Schauspielhaus Hamburg im Jahr 1960 auf Basis seiner Inszenierung produzierte . In seiner Paraderolle als Mephisto glänzt der umstrittene Gustaf Gründgens, als verführter und verführender Faust Will Quadflieg unter der Regie von Peter Gorski. Leider nicht im Stream von Apple TV+ erhältlich, dafür aber über die TV-App für 9,99 Euro zu kaufen. Solange die Theater noch zu haben, eine Empfehlung wert.

Zurück auf den Mond

Die Figur des Faust hat ein historisches Vorbild, Johann Georg Faust soll um 1480 im Kraichgau geboren worden sein. Mit dem Teufel war er nicht im Bund, das hat ihm der Volksmund nur angedichtet. Doch war er wie der Studierte im Drama offenbar in Sachen Wissen seinen Zeitgenossen weit voraus, was man später Renaissance nannte, hat zu Faust's Lebzeiten südlich der Alpen erst allmählich begonnen. Und wenn da einer mit moderner Technik umgehen kann, von der die Zeitgenossen keine Ahnung haben, ist deren Anwendung von Magie kaum zu unterscheiden. Gilt ja heute noch. Zumal Faust offenbar sich mit Schwarzpulver auskannte, vielleicht daher der konstruierte Höllenbezug, entstanden in Krach und Gestank. Etwas näher als Goethe am realen Faust ist das zweibändige Werk des Münchener Schriftstellers Oliver Pötzsch, Der Spielmann und Der Lehrmeister . Auch hier ist viel Fantasie und Übernatürlichkeit im Spiel, es geht um einen Pakt, eine junge Frau, einen naseweisen Assistenten und ein rastloses Leben. Dabei stolpert man über das ein oder andere Zitat, das man aus anderen Werken bereits kennt.

Alternative Realitäten wie die um Faust findet man in Büchern und auf Bühnen gerne, besonders wenn es um ferne Vergangenheit geht. Apple TV+ erzählt indes  in "For All Mankind" nun schon in der zweiten Staffel eine Geschichte aus einer alternativen Realität, die vor kaum mehr als 50 Jahren zu spielen begonnen hat und Staffel für Staffel in Richtung Jetztzeit gleitet.

Das Setting:  Die Sowjets haben 1969 den Mond als erste betreten, das Rennen um den Weltraum endete daher nie und das Weiße Haus hat der NASA die Mittel nie gekürzt. In der zweiten Staffel treffen wir etliche alte Bekannte wieder, teils in neuer Funktion, teils weiterhin im Raumanzug tätig. In der fiktiven Realität ist anfangs der Achtziger wie im echten Leben Ronald Reagan Präsident, an anderen Stellen lassen die Autoren die alternative Geschichte gnädiger verlaufen. So überlebt John Lennon die Schüsse vom 8. Dezember 1980, statt seiner stirbt ein paar Monate später jemand bei einem Attentat, der das in der Realität überlebte. Aber wir wollen nicht zu viel verraten, sind aber gespannt, welche Konsequenzen der Sonnensturm aus der ersten Folge der zweiten Staffel denn genau haben wird. Ab heute läuft die zweite Folge, jeden Freitag gibt es neue – bis kurz nach Ostern also.

Zurück in die UdSSR

Ach ja, da gab es ja noch so einen schönen Film in alternativer Realität, in der John Lennon noch lebt. In der Welt von " Yesterday " nach dem seltsamen globalen Stromausfall vom Anfang (Sonnensturm?) erwacht der gescheiterte Musiker Jack Malick (Himesh Patel) in einer Welt, in der es die Beatles nie gab. Nur er erinnert sich an die meisten ihrer Songs, kann dazu auch noch Gitarre spielen und singen. Also …

Hinreißend in einem Cameo-Auftritt etwa Ed Sheeran, der eingesteht, gegenüber Lennon/McCartney einfach nur ein dürftiger Songschreiber zu sein – die Film-Figur Sheeran hält ja Jack für den Urheber von "The Long And Winding Road" und ist bass erstaunt, dass der junge Kerl bei einem Auftritt in Moskau etwas von einer Rückkehr in die UdSSR singt, die er ja gar nicht kennen konnte. Ab dem 8. April kann man sich den Überraschungserfolg aus dem Jahr 2019 bei Apple leihen, derzeit kostet er im Kauf 11,99 Euro. Das ist nur so viel wie ein Kinoticket ohne Popcorn, geht also immer.

Leanders letzte Reise

Arte bis 13. März

Reisen bildet, vor allem wenn man in unbekannte Länder reist. So hat es sich bei einer Ukraine-Reise für Adele ergeben: Sie steckt plötzlich im Zug nach Kyiv, obwohl sie eigentlich nur wollte, ihrem Opa von einer Reise abraten. Und so begeben sich Leander und seine Enkelin auf den Weg zu zwei Kriegen – einem aktuellen, der seit 2014 in der Ukraine schwelt und einem vergangenen, als Leander als Wehrmachtsoldat unterwegs im Land war. Beide kämpfen gegen eigene Dämonen, die im fremden Land auf die Oberfläche kommen; Leander ist zudem auf der Suche nach einer Frau, in die er sich vor knapp siebzig Jahren verliebt hat und die er bis heute nicht vergessen hat, obwohl er in Deutschland eine andere geheiratet hat.

There will be Blood

Arte bis 27. Februar

Öl gegen Religion, in Amerika um 1900 war dieser Streit noch lange nicht entschieden. Und so werden diesen Streit zwei unterschiedliche Persönlichkeiten austragen: der Öl-Baron Daniel Plainview, ein typischer Self-Made-Man, der mit harter Arbeit und Innovationsgeist, aber auch Skrupellosigkeit und Härte an sein erstes großes Geld kommt, und der religiöse Fanatiker Eli Sunday, dem alles suspekt und Teufels Werk ist, was neu und ungewöhnlich ist.

Das fliegende Klassenzimmer

Arte bis 05. März 2021

Weihnachten ist längst vorbei, doch die Verfilmung von Kästners Klassikers ist auch im Sommer, bzw. am Wochenende sehenswert, wenn nichts Besseres im Fernsehen läuft. "Ein Coming-Of-Age-Drama" würde der Verleger bzw. der Verfilmer im Klapptext schreiben, doch damals war der Begriff noch nicht bekannt. Es geht um eine Gruppe Internat-Schüler, die sich eine Fehde mit den Realschülern in der gleichen Stadt leistet. Erich Kästner tritt in dem Film als Cameo auf, wir vermuten aber, dass weder er noch die Filmemacher auch dieses Wort nicht gekannt haben.

"House of Cards" (Arte, ab 12.02)

Huch, verschenkt grade Netflix eine seiner Kronjuwelen an Öffentlich-Rechtliche? Der Polit-Thriller war einer der ersten großen Erfolge im Bereich Eigenproduktion des Streaming-Anbieters. Man munkelt, Netflix hat zwar die Serie wegen fallender Quoten abgesetzt, nicht aber wegen der Skandale rund um Hauptdarsteller Kevin Spacey, sondern weil die Protagonisten der Serie im Vergleich zu den im Januar abgetretenen Amtsinhabern zu integer und professionell erschienen und deswegen nach und nach unglaubwürdig wurden. Auf Arte allerdings wird nicht die Netflix-Produktion gezeigt, sondern quasi ein „Original“ aus Großbritannien. Keine Angst, britische Politiker verstehen sich genauso gut auf Sex, Geld, Macht und Intrigen wie die US-amerikanischen.

„Charité“ (ARD)

Mittlerweile gibt es dritte Staffel von „Charité“ , einer Serie rund um das berühmte Berliner Krankenhaus. Diese dritte Staffel spielt  im Jahr 1961, in Berlin wird eine Mauer errichtet – das Krankenhaus steht plötzlich in einem Grenzgebiet.

Letzte Chancen bei Netflix

Netflix wird zu nicht zu Unrecht ob seines riesigen Archivs gelobt, auch die Originale sind nicht ohne. Würde man aber nur die mit denen bei Apple TV+ vergleichen, schnitte der Service aus Cupertino gar nicht so schlecht ab. Und was Netflix noch dazu gekauft hat, bleibt nicht ewig im Rahmen des Abos verfügbar. Von Zeit zu Zeit mistet Netflix aus - manche Filme muss man dann anderweitig kaufen, so es sie noch gibt. Unsere Kollegen der PC-Welt haben eine ausführliche Liste von letzten Chancen zusammengestellt , Filme und Serien, die nur noch kurze Zeit laufen. Wetten, dass Sie die nicht alle rechtzeitig wegschauen können? Wir empfehlen daher den Berlinale-Erfolg von 2019 " Systemsprenger ", den Sie auch via Apple TV oder Amazon nach dem Netflix-Aus noch leihen können. Oder auch den Sönke-Wortmann-Film " Das Wunder von Bern ", das man ja besonders gern bei "Fritz seinem Wetter" ansehen würde. Und " Dante's Peak " erzählt mit Pierce Brosnan und Linda Hamilton von einer nahenden Naturkatastrophe und einem davor warnenden Wissenschaftler, der natürlich in den ersten beiden Akten überhört wir. Kommt einem irgendwie bekannt vor.

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