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Früher, da war alles besser. Oder?

11.09.2004 | 10:02 Uhr | Peter Müller, Thomas Hartmann,

Früher, da war alles besser. Oder?

Müller: Steiger, mich wundert ja fast, dass Sie als Antwortmöglichkeit nicht auch "Weil für so etwas die Macs zu schwach auf der Brust sind" gegeben haben. Ihnen geht es heute wirklich nicht gut. Ich würde einmal sagen, die Jungs, die diese tolle Demo programmiert haben, haben einfach zu viel Zeit. Zu viel Zeit, um im Code rumzufrickeln, zu viel Zeit für Texturendesign, zu viel Zeit, um mathematische Modelle für die virtuellen Kamerafahrten zu entwickeln. Der Mac-Anwender als solcher hat ja meistens einen Job im kreativen Gewerbe, da gibt es dann keine Demos mehr, sondern in Projektplänen festgelegte Meilensteine beim Videoschnitt oder DVD-Authoring oder in der Musikproduktion. "Ist ja ganz nett", denkt sich da der Macianer als solcher, "mit ein paar Kumpels zusammen könnte ich das auch auf die Beine stellen." Aber Alfred macht gerade die digitalen Effekte für Star Wars: Epoisode 3, Bernhard arbeitet am Authoring der DVD zum neuen Shyamalan-Film, Chris kümmert sich gerade um die Endabmischung des neuen U2-Albums, und selbst hat man ja auch nie Zeit, will sich nach dem Job in der Agentur abends wenigstens noch ein bisschen um die Familie kümmern. Steiger, vielleicht liefert hier wieder die übliche Theorie die Antwort: Macianer sind Profis, PC-Anwender sind Bastler.

Steiger: Also, vorhin hatte ich nur leichte Kopfschmerzen, aber gleich platzt mir die Birne. Sagen Sie mal, Müller, wer hat Ihnen eigentlich dieses ganze Apple-Fanboy-Gequatsche ins Hirn gejagt? Mit welcher Berechigung sprechen Sie den Programmierern und Designern von PC-Demos die mehr als offensichtlich vorhandenen Kreativität ab? Nur weil die Jungs nicht an einer überteuerten Kiste mit geschwungenen Linien sitzen? Haben Sie sich schon mal vorgestellt, das diese Jungs deswegen auf PCs zurückgreifen, weil sie mit entsprechenden Techniken die Hardware so gebrauchen können, wie sie sich das vorstellen? Und das es auf dem Mac deswegen keine solche Szene gibt, weil die Hardware und das Betriebssystem solch eine kreative Umgangsweise mit der Technik überhaupt nicht zulassen? Aber ich vergaß, Macs sind für sowas ordinäres nicht gebaut. Aber Hauptsache, man kann eine Fototapete damit bestellen...

Müller: Steiger, also ob die Fototapetenleute tatsächlich Macs einsetzt, sei einmal dahin gestellt. Und habe ich die Kreativität Ihrer Demo-Frickler in Zweifel gezogen? Sicher nicht, aber Sie wollten ja wissen, warum es solch eine Szene nicht für Macs gibt. Unsere Maschinen sind sehr wohl konfigurier- und erweiterbar, natürlich nicht die Consumerteile. Aber wer den ganzen Tag in der Finanzverwaltung Fürstenfeldbruck arbeitet, hat abends Spaß an seinem iMac mit den iLife-Programmen und anderen Annehmlichkeiten. Nur Profis brauchen beliebige Erweiterbarkeit, und selbst Macianer können sich alle halbe Jahre die neueste Grafikkarte leisten und einbauen. Wie bereits erwähnt, die Mac-Frickler quälen uns lieber mit ihren Garageband-Werken, literarischen Ergüssen und schlechten Bildern, auch bewegten. Wer in der Mac-Szene so gut coded wie das Ihre Demo-Jungs tun, der hat schon längst einen Spitzenjob, zum Beispiel im Industriedesign. Ich hab’ da kürzlich jemanden getroffen, der für einen Großproduzenten von Badezimmerfließen arbeitet. Der hat mir die jüngste Kollektion gezeigt. Grausam: Die Siebziger kommen wieder, mit Farbkombinationen wie gelb-orange, grün-lila oder helltürkis-dunkeltürkis. Aber solche Farbtrends zeigt ja auch Ihr Demofilm.

Steiger: Müller, von mir aus können die Siebziger wiederkommen. Gute Musik, fette Frisuren und übertriebene Bärte - so wie Ihr natürlicher Gesichtsschmuck. Allerdings kommen dann auch wieder 64-KB-Computer und Klötzchengrafik...

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