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Fünf Jahre Apple Watch: Der Supercomputer am Handgelenk

24.04.2020 | 08:18 Uhr | Peter Müller

Das iPhone schrumpfte vor fünf Jahren auf Uhrengröße! Nein, nicht wirklich, die Apple Watch hat aber ihre ganz eigenen Qualitäten.

Aus der Ferne betrachtet, war es ja so: Anfangs waren Computer groß wie Häuser, vor allem die Superrechner unter ihnen. Wenn das Deutsche Museum in München wieder öffnet, kann man sich ja mal die Cray ansehen, die zu ihrer Zeit unübertroffen war. Irgendwann konnte man Computer auf den Schreibtisch stellen und nicht nur Terminals, die an das Monster im Serverraum angeschlossen waren. Die Technik machte immer mehr Fortschritte, und aus dem Computer, den man immerhin schon mal von Schreibtisch zu Schreibtisch tragen konnte, wurde einer, den man in eine Aktentasche steckte und auf dem Schoß zum Arbeiten öffnete. Kaum vergingen ein paar Jahre, brauchte man keine Aktentasche mehr, sondern eine im Sakko oder eine Handtasche, um darin einen Supercomputer verschwinden zu lassen. Und vor fünf Jahren schließlich legten wir uns den Computer ans Handgelenk. Wer weiß, gegen Ende der Zwanziger können vielleicht Kontaktlinsen das, was heute die Apple Watch leistet?

Aus der Nähe betrachtet ist es natürlich nicht so einfach. Die Supercomputer von heute füllen immer noch Maschinenhallen und Serverräume und es besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen Mac Pro und Apple Watch, auch wenn das gleiche Logo darauf prangt. Aber natürlich stimmt es, dass Computer mit der Zeit immer persönlicher geworden sind, Apple war einer der wesentlichen Wegbereiter dieser Revolution. Wo andere noch den Bedarf für Heimcomputer auf fünf Stück weltweit einschätzten, hatte Apple schon längst weiter gedacht und spätestens mit dem Mac die Computerei demokratisiert. Es war nicht mehr nötig, sich ewig lang in ein unverständliches Handbuch einzulesen, einfach vor den Bildschirm gesetzt und mithilfe der Maus die Symbole darauf bewegt, die eine vertraute Arbeitsumgebung ins Digitale transportierten.

Auch der erste taugliche Laptop hatte ein Apfel-Logo auf dem Deckel und was Apple seit 2007 mit der Neuerfindung des Computers in Telefonform angestoßen hat, das füllt Bände. Dabei wurden auf dem Weg hin zum immer noch persönlicheren Computer aber nicht plötzlich die bewährten Lösungen obsolet, Apple könnte seine Services nicht ohne tausende von Schränken voller Server betreiben und ein iPhone verwendet man in den seltensten Fällen auch nicht als Ersatz für den Desktop – selbst wenn die Prozessoren der neuesten Modelle es mit so mancher Büromaschine aufnehmen können .

So hatten vor fünf Jahren auch einige Kommentatoren das Wesen der Apple Watch missverstanden, die am 24. April 2015 in den Handel kam – zwei Wochen zuvor konnte man sie erstmals bestellen, etwas mehr als ein halbes Jahr nach der Vorstellung als erstes Produkt einer neuen Kategorie, in die Apple sich wagte. Nein, ein iPhone für das Handgelenk ist die Apple Watch trotz aller Fortschritte in den letzten fünf Jahren immer noch nicht – und wird es auch nie werden. Sie ist aber das "persönlichste Gerät, das wir je gebaut haben", wie Apple es seit 2014/15 betont – nur die Airpods rücken ihren Nutzern noch enger auf die Pelle. Aber Apple sprach eben auch nie vom "persönlichsten Computer" – dabei hatte schon die erste Apple Watch einen Chip mit derartiger Leistung, dass sämtliche Apollo-Crews sich danach die Finger bis zu den Ellenbogen abgeschleckt hätten.

Aber die Apple Watch dient nunmal anderen Zwecken, selbst Apple brauchte eine Weile, um genau zu erkennen, welche das seien . Das erste Line-Up ließ ja gewisse Ratlosigkeit erkennen: Die Sports-Watch, die Fitnesstrackern keine Konkurrenz macht, sondern sie ungespitzt in den Boden rammt. Die Apple Watch mit Edelstahlgehäuse, ein Schmuckstück, das mit den günstigeren der mechanischen Uhren um den Platz am Handgelenk konkurriert. Und schließlich das goldene Modell, das einerseits protzt, aber auch nur zeigt, wo die Grenzen sind. Denn wer würde sich eine Uhr samt Armband für 18.000 Euro als Anlageobjekt kaufen, wenn ein Jahr später die Technik innerhalb des goldenen Gehäuses schon wieder veraltet ist? Apple hat die Apple Watch Edition in Gold auch nur an wenigen Stellen an ausgewählte Kunden verkauft und mit der Series 2 bei der "Edition" auf weit günstigere und vor allem sinnvollere Keramik gesetzt.

Dass die Apple Watch aber nicht nur ein vielseitig und sinnvolles Kommunikationsinstrument ist – eingehende Nachrichten mit einem Blick auf Wichtigkeit checken, Anrufe annehmen oder abweisen – sondern auch ein Gesundheitsgerät mit hohem Potential, hat Apple erst mit der Zeit a us dem Feedback der Kunden erfahren . Und wenn Apple früher auch dafür gerühmt war, Wünsche von Kunden zu erfüllen, von denen sie zuvor gar nicht wussten, dass sie diese hegten, hörte Apple nun auf die Nutzer und baute die Gesundheitsfunktionen massiv aus. EKG, Sturzerkennung, Identifizierung von Unregelmäßigkeiten des Pulses, Motivation zu mehr Bewegung – die Apple Watch ist sicher schon mal das gesündeste Gerät, das Apple je gebaut hat.

Da geht aber noch mehr: Blutzucker, Blutdruck, Körpertemperatur – und in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren immer wichtiger – anonymisiertes Tracking von Kontakten – irgendwann sollte es die Apple Watch auf Krankenschein geben.

Nebenbei kann man mit ihr auch noch prima kontaktlos zahlen , auch nicht unwichtig in Zeiten der Pandemie. Auch wenn sie jetzt einen eigenen App Store hat, mit eSIM auch ganz gut zeitweise ohne iPhone zurechtkommt und irgendwann völlig unabhängig wird, wie das iPhone ab iOS 5 von PC und Mac – überflüssig werden lässt sie das Smartphone nicht. Und nicht den Laptop. Nicht den Desktop. Nicht den Supercomputer.

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