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Gastkommentar: Mit dem iMac hat Apple die Gegenwart verstanden

31.01.2002 | 00:00 Uhr |

Apple setzt konsequent auf den digital hub - und ist damit auf dem richtigen Weg, wie Wolfgang Leierseder von unserem Schwestermagazin Computerpartner meint.

Die Spatzen pfeifen es angeblich vom Dach: Der IT-Hype ist vorbei. Jetzt, so hören wir, ist Marktkonsolidierung angesagt. Diese Interpretation erscheint als naheliegende Konsequenz der Erfahrungen und der ökonomischen Entwicklung der letzten zwei Jahre. Dazu passt, dass IT-Anbieter in dieser Zeit ihre vermeintlich hochfahrenden Pläne einer durchgängigen Vernetzung der Lebenszusammenhänge mitsamt der dazu notwendigen Geräte fast stillschweigend annullierten.

Doch diese Interpretation ist falsch. Denn sie vergisst, dass sich etwas im Leben der arbeitenden Menschen in den Jahren 2000 und 2001 grundlegend geändert hat. Etwas ist nicht rückgängig zu machen; man kann es nur verlangsamen. Die Rede ist von der Durchdringung des Arbeitslebens mit digitalen Daten beliebiger Formate zu jedwedem Zweck. Sie erreichen die Adressaten von überall her; heute werden sie so selbstverständlich verwendet, wie vordem die Briefmarke auf den Brief geklebt wurde. Der digitale Arbeitsalltag ist da; wer ihn nicht haben will, muss sich zum Almbauern umschulen lassen.
Der digitale Alltag aber hat viele - und demnächst die meisten - nach Hause begleitet. Dort gehen sie jetzt daran, auch ihre Freizeit zu digitalisieren. Zum Vergnügen, doch auf derselben Grundlage: Sie verhalten sich gegenüber den Datenströmen so selbstverständlich wie in ihrer Arbeit. So setzen sie ihre Rechner in ihrer Freizeit als zentrale Arbeitsstation für mannigfaltige, medial geprägte Aktivitäten ein: Sie brennen CDs, sie mailen selbstgefertigte Fotos, und wer einen Blick auf die(Flach-)Bildschirme zu Hause wirft, wei?, dass es kein Zurück mehr gibt in die Welt der Schreib- und Tabellen-Rechner.

Diese Entwicklung hat Apple erkannt. Inmitten der Wehklagen der PC-Hersteller, die noch immer glauben, ihre hoffnungslos rückständigen Stand-alone-Rechner dem digitalen Benutzer andienen zu können - auf dass dieser sich durch die Menüs arbeite, wie es zu Beginn der 90er Jahre Standard war in den Büros -, hat das Unternehmen aus Cupertino den einzig richtigen, weil modernen Schluss gezogen: Der PC ist tot - es lebe der digital prozessierende Benutzer. Dieser ?berzeugung folgend, wurde der neue Imac mitsamt seiner Software entworfen.
Weshalb seine wesentlichen Bestandteile nicht, wie in der PC-Welt üblich, Taktzahlen, aufgeblähte Festplatten und Softwarepakte sind, an den Bedürfnissen der Benutzer vorbei produziert, weil sie bei diesen Schnittstellen und Workflows unterstellen, wie sie im vorigen Jahrhundert bei isolierten Arbeitsrechnern üblich waren.

Die wesentlichen Bestandteile des neuen Imac basieren stattdessen auf der ?berzeugung, ein heutiger Rechner habe seine Daseinsberechtigung dann, wenn er seinen Benutzern eine sozusagen permanente Schnittstelle anbiete. Dafür hat Apple kommunizierende Programme geschaffen; die Hardware dient diesen, sie führt kein überflüssiges Eigenleben wie in PCs üblich.
Dieses Konzept und seine Umsetzung ist die eigentliche Botschaft des Apple-Rechners. Sie ist schon dabei, den Blick auf die PCs zu verändern. Weshalb die Hersteller der grauen Kisten sich nun daran machen werden, Apple mit der ihnen üblichen unbeirrt langsamen Geschwindigkeit nachzuahmen.
Wer aber heute schon auf der Höhe der Zeit sein will, wird zum Imac greifen. Denn er ist genau so modern wie die, die ihn benutzen. Diese Situation wird allen PC-Herstellern zu denken geben. Und es ist gut so.
Wolfgang Leierseder, Leitender Redakteur Computerpartner

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