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Gefangen im Apple-Kosmos: Warum ich Apple verfluche

28.08.2021 | 10:30 Uhr |

Ich bin im Apple-Kosmos gefangen. Besonders ein Beispiel hat mir gezeigt, dass ein Ausbrechen aus Apples Ökosystem nicht - oder wenn nur sehr schwer - möglich ist. Apples Taktik ist leider genial, trotzdem verfluche ich sie. Ein Kommentar.

Mein Eintritt in die Apple-Welt erfolgte 2007 mit einem iPod Classic. Schulreferate erstellte ich damals auf meinem ersten Desktop-Computer, einem iMac. Kurze Zeit später hielt ich mit dem iPhone 4 mein erstes Apple-Smartphone in den Händen. Irgendwann folgte das erste iPad, ein paar Jahre später im Studium dann aus praktischen Gründen das erste Macbook. Doch es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass Apple es ausgerechnet mit der Apple Watch (abgesehen von den Airtags und dem iPod Shuffle eines der kleinsten Apple-Produkte) geschafft hat, mich an das Unternehmen zu binden. Wenngleich ich die Genialität hinter dieser Marketingstrategie erkenne, verfluche ich Apple dafür.

Ich war eigentlich schon immer ein iPhone-Nutzer. Mein erstes Smartphone war jedoch ein Samsung i8910 HD, das gerade in Sachen Kamera den ersten iPhone-Generationen um einiges voraus war. Tatsächlich war es damals das erste Smartphone, das Videos mit einer Auflösung von 1280 x 720 Pixeln aufnehmen konnte - daher auch das „HD“ im Namen.

Samsung i8910HD
Vergrößern Samsung i8910HD
© Samsung

Allerdings konnte ich mich nicht wirklich mit dem Betriebssystem Symbian anfreunden, weshalb ich recht schnell auf das iPhone 4 umstieg. iOS war so einfach und intuitiv und die ersten Spaß-Apps waren einfach nur großartig. Kaum zu glauben, aber damals gab man gerne Geld für eine App aus, die ein Bierglas auf dem iPhone-Bildschirm simulierte, sodass es beim Kippen des Smartphones so aussah, als würde man Bier aus einem iPhone trinken. Wahnsinn! Was die Technik so möglich macht.

iBeer: Apps, die niemand braucht, aber trotzdem Spaß bereiten
Vergrößern iBeer: Apps, die niemand braucht, aber trotzdem Spaß bereiten
© App Store/Hottrix

Seit dem iPhone 4 bin ich Apple treu geblieben, habe in den vergangenen elf Jahren viele verschiedene iPhone-Modelle ausprobieren und alle Änderungen seit iOS 4 miterleben können. Nach elf Jahren iPhone und iOS wollte ich aber einfach Mal einen Tapetenwechsel. In unserer Redaktion liegen auch so manche Android-Geräte, über die Kollegen von PC-Welt kommt man zwangsläufig mit der Apfel-Konkurrenz in Kontakt. Daher wagte ich das Selbstexperiment. Das iPhone 12 Pro wanderte in die Schublade und für drei Wochen war das OnePlus 9 Pro mein Daily-Driver. Und obwohl ich sehr zufrieden war, schaffte es Apple am Ende trotzdem, den "bösen Android“ in die Schranken zu weisen und mich wieder zu Apple zu bekennen. 

Apples Ökosystem: Gut und schlecht zugleich

Das OnePlus 9 Pro hat einige Features, die, glaubt man den Gerüchten, selbst auf das in wenigen Wochen erwartete iPhone 13 (Alle Infos & Gerüchte) nicht alle kommen werden. Fingerabdrucksensor unter dem Bildschirm, 120-Hz-Display, eine gute Telekamera… Natürlich war im ersten Moment auch das neue Betriebssystem eine tolle Abwechslung zum iPhone. Aber man merkt dann doch recht schnell, dass das iPhone einfach bestimmte Vorteile hat, die ein Android-Gerät nicht bietet.

Apples Ökosystem ist perfekt aufeinander abgestimmt: Befindet man sich erstmal in dem System rund um iOS, Mac und iPad, App Store, Apple Music und iCloud, dann gibt es kaum noch ein Entkommen. Wahrscheinlich ist es noch am einfachsten, ein iPad oder einen Mac durch ein Tablet oder einen Computer eines anderen Herstellers zu ersetzen, komplizierter wird es dann schon beim iPhone. Vor allem mit der Familienfreigabe ist Apple ein Geniestreich gelungen:

„Mit der Familienfreigabe kannst du dir mit bis zu fünf Familien­mitgliedern den Zugriff auf Apple Services wie Apple Music, Apple TV+ und Apple Arcade teilen “, erklärt Apple. „Und deine Gruppe kann noch mehr gemeinsam nutzen – iTunes, Apple Books und App Store Käufe, einen iCloud Speicherplan und ein Familien-Fotoalbum. Ihr könnt euch sogar gegenseitig helfen, verlorene Geräte zu finden.“

Das ist doch nett, oder? Immerhin kann man da richtig viel Geld sparen, wenn Familienmitglieder einen Service oder digitale Angebote (Apps, Musik, Bücher, Filme) nur einmal kaufen müssen und anschließend miteinander teilen können. Das stimmt natürlich, doch in Wahrheit bindet Apple über solche Angebote die Nutzer noch stärker an das Unternehmen - ohne, dass man als Nutzer dies wirklich mitbekommt. Zwar kann man Apple Music mittlerweile auch auf Android-Geräten nutzen, allerdings nicht über die Familienfreigabe. Heißt: Möchte man anstatt eines iPhone ein anderes Smartphone nutzen, muss man für diesen Dienst wieder zahlen. Rund zehn Euro im Monat. Das gleiche gilt natürlich auch für kostenpflichtige Apps und Filme, die man zuvor über die Familienfreigabe „kostenlos“ nutzen konnte. 

Apples eigentliche Geheimwaffe ist jedoch die Apple Watch. Sie ist der Grund, warum ich am Ende meines Android-Experiments doch wieder ein iPhone nutze. Es gibt gewisse Kompromisse, die man bei einem Android-Wechsel eingehen muss. Für die meisten iPhone-Features, die man dann nicht mehr nutzen kann, gibt es aber mittlerweile entsprechende Alternativen. So muss man beispielsweise nicht auf Airdrop verzichten, um Dateien vom Mac in Sekundenschnelle aufs Android-Smartphone zu schicken (oder anders herum). Wie genau das geht, erklären wir hier . Bei der Apple Watch konnte ich allerdings nur wenig Kompromissbereitschaft aufbringen.

Geheimwaffe: Apple Watch

Für mich ist die Apple Watch die beste Smartwatch, die man derzeit kaufen kann. Ich habe wirklich viele andere Smartwatches im Laufe der Zeit ausprobiert, doch keine kommt annähernd an die Apple Watch heran. Dafür zahlt mal letzten Endes auch deutlich mehr als bei der Konkurrenz. Ich besitze zwei Apple-Watch-Modelle, die SE (ohne LTE) und die Series 5 als LTE-Variante. Der Wechsel zu einem Android-Smartphone hat zur Folge, dass man die Apple Watch nicht weiter im vollem Funktionsumfang nutzen kann. Es gibt eine Möglichkeit, wie man auch ohne iPhone eine Apple Watch zum Laufen bringt, wie das funktioniert, erkläre ich ausführlich hier . Kurz zusammengefasst: Man benötigt eine Apple Watch mit LTE-Funktion, für die man eine eSIM kaufen muss. Anschließend kann man die Uhr über die Familienkonfiguration (nicht zu verwechseln mit der Familienfreigabe) für jemanden ohne iPhone einrichten. In diesem Fall verliert die Apple Watch viele ihrer eigentlich smarten Funktionen. WhatsApp-Nachrichten werden etwa nicht länger gespiegelt - wie auch? Die Uhr ist ja mit keinem iPhone gekoppelt, auf dem die Nachrichten eingehen könnten. Viele der Health-Funktionen (sofern vorhanden) werden über die Familienkonfiguration deaktiviert.

Damit ich also zumindest eine meiner zwei Apple Watches weiterhin nutzen kann, muss ich also den Kompromiss eingehen, weniger Funktionen nutzen zu können und gleichzeitig noch für eine eSIM monatlich draufzuzahlen. Und das war mir die Android-Erfahrung am Ende doch nicht wert. 

Es gibt eine einfache Lösung

Es wäre alles so einfach, wenn Apple sich etwas öffnen würde und sich die Apple Watch auch mit einem Android-Gerät koppeln ließe. Nicht auszudenken, wie viele Uhren Apple in diesem Fall verkaufen könnte. Nicht jeder Android-Nutzer möchte auf ein iPhone umsteigen, aber es gibt bestimmt den einen oder anderen Androidler, der sich überzeugen ließe, sich eine Apple Watch anzuschaffen. Dass Apple dies nicht erlaubt, hat einen bestimmten Grund - und damit wären wir wieder beim Anfang.

Apples Strategie ist zweifellos clever und schafft zwischen den verschiedenen Produkten Schnittstellen, die ein Entkommen aus Apples Ökosystem erschweren. Wenn man bereit ist, zu verzichten und Kompromisse einzugehen, ist ein Ausbruch aus dem System möglich. Doch Apple schafft es, uns mit Services und Produkten so zu umgarnen, dass die pure Bequemlichkeit am Ende dazu führt, das man Apple - gezwungenermaßen - treu bleibt. Ich will mich nicht umgewöhnen oder auf tolle Erfahrungen verzichten - also lasse ich es so, wie es ist. Wie bereits anfangs erwähnt: Ich erkenne Apples geniale Taktik dahinter. Doch ich verfluche Apple dafür, dass sie es einem so schwer machen, aus dem Apple-Kreis auszubrechen und auch mal neue Erfahrungen mit anderen Herstellern zu machen.

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