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Gott weiß alles, Jobs weiß mehr

06.10.2011 | 07:04 Uhr | Peter Müller

Gott weiß alles, Jobs weiß mehr

Es war wohl aber um 2005, als Apples Ingenieure eine Lösung für den Tablet-Computer präsentierten. Ein Prototyp, der auf ein modifiziertes OS X setzte, das man mit einem oder mehreren Fingern bedienen konnte, habe bei ihm um diese Zeit auf dem Schreibtisch gelegen, verriet Steve Jobs Anfang 2010. Was dann folgte, klingt glaubhaft, aber zumindest gut erfunden und in das Bild passend, das Apple gerne von sich gemalt sieht. Anstatt den Entwicklern den Auftrag zu geben, den Prototypen zur Serienreife zu entwickeln, soll Steve Jobs angeordnet haben, aus dem Konzept ein Telefon zu entwickeln.

Die Lehre für Apple und seine DNA: Wie kein anderer vermochte der Apple-CEO zu erkennen, wie sich Märkte entwickeln und den Kunden das zu geben, was sie wirklich wollen. Das ist der wesentliche Grund, warum alle Welt Jobs als Visionär bezeichnete und dessen Verlust betrauert. In der Computerindustrie genoss Jobs einen mit dem vom Henry Ford als Autobauer vergleichbaren Ruf. Diesem wird bekanntlich das Zitat zugeschrieben "Wenn ich die Leute gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt ‚schnellere Pferde’". Jobs verließ sich nicht auf das, was die Leute sagen oder Berater einflüstern - er kannte die Bedürfnisse der Kunden längst vor diesen. "Wir engagieren keine Berater - wir wollen einfach nur gute Produkte machen", erklärte Steve Jobs dem Magazin Fortune im Jahr 2008. Nur ein einziges Mal habe Apple unter seiner Führung auf Marktforschung gesetzt, verriet er im gleichen Interview. Analysten hätten für Apple die Retail-Strategie des Konkurrenten Gateway untersucht, um darin Fehler zu erkennen, die Apple mit seinen Stores nicht machen wollte. Zehn Jahre später betreibt Apple in elf Ländern weltweit über 350 Stores. Allwissend und allmächtig erschien Steve Jobs so Anfang 2010 der IT-Szene, als nach wochenlangen Spekulationen um einen Tablet-Computer das iPad auf den Markt kam. "Das letzte Mal, als es so ein großes Geschrei um eine Tafel gab, standen zehn Gebote darauf," kommentierte die New York Times. Ob Jobs sich davon geschmeichelt fühlte, ob er zur Selbstironie neigte oder ob er darin nur eine Betätigung seiner Unfehlbarkeit sah, kann man ihn nun leider nicht mehr fragen, jedenfalls ließ er es sich nicht nehmen, die Schlagzeile in seiner iPad-Präsentation zu zitieren. iGod. Überlebensgroß. Unfehlbar. Und dennoch sterblich. Götterdämmerung in Cupertino?

Der Weg zum iGod

Eine frühe Entscheidung Jobs’ nach seiner Rückkehr war es, im Februar 1998 den Taschencomputer Newton einzustellen. Der Apple für die Tasche hatte zwar eine kleine Gemeinde fest eingeschworener Fans, welche die Macken des Newton stillschweigend akzeptierten und den mangelnden kommerziellen Erfolg des Gerätes damit erklärten, der Newton wäre "einfach nur seiner Zeit voraus". Der Newton war im Gegenteil vollkommen aus seiner Zeit heraus gefallen, muss man rückblickend urteilen. Die Handschriftenerkennung führte zu abenteuerlichen Ergebnissen, die Verbindung zum Rest des Apple-Universums war umständlich bis mangelhaft, Software hat es kaum gegeben und die Installation der wenigen verfügbaren Programme eigentlich nur Fortgeschrittenen möglich. Apple sah sich dennoch als PDA-Pionier und schaute neidisch auf die Erfolge von Palm, Ende der Neunziger eine der heißesten Technologiefirmen. Nur einer nicht: Der Interims-CEO Steve Jobs. Apple hatte mit dem Newton Geld ohne Ende verschwendet, dass der Handheld das erklärte Lieblingsprojekt seines Lieblingsfeindes John Sculley war - der eben wegen des fehlenden Markterfolges de Newton einen Hut nehmen musste - war bei Jobs’ Entscheidung allenfalls ein angenehmer Nebeneffekt. Apple plante ein anderes elektronisches Gerät jenseits des Mac, das so ganz anders werden sollte als die Freunde eines Apple-PDA erwarteten: Den iPod. Und dieses Mal sollte Apple alles richtig machen, weil Jobs und Apple das große Ganze im Blick hatten.

Erneut zeigte sich mit dem Musikabspielgerät die Vision des Apple-Gründers von der Einfachheit der Benutzung. Ein Scrollrad, vier Tasten, mehr brauchte es nicht. Musik würde immer gehen, davon war Jobs überzeugt, zeitgleich sah er immer mehr Manager in Meetings wieder zum guten alten Notizblock zurückkehren - denn das Geschmiere auf dem PDA konnte man nachher beim besten Willen nicht mehr erkennen, selbst wenn die Übertragung der Notizen auf den Desktop-Rechner gelungen war. Die Erfolgsgeschichte des PDA war bereits im Oktober 2001 zu Ende erzählt, wusste Steve Jobs lange vor dem damals prosperienden Unternehmen Palm - das 2010 sich an Hewlett Packard verkaufen musste und in den Wirren um die Ablösung Leo Apotherks als HP-CEO wohl gänzlich in der Versenkung verschwindet.

Der iPod war keineswegs der erste MP3-Player, Apple hatte jedoch bestehende Technologieperfekt kombiniert. Auf die 5GB-Festplatte passte die gesamte Musikbibliothek eines durchschnittlichen Haushalts, über die schnelle Firewire-Schnittstelle war das Gerät flott gefüllt. Die Verwaltung von Musik über das im Januar 2001 von Apple präsentierte iTunes war ebenso übersichtlich wie die hierarchische Ordnung auf dem iPod mit seinen wenigen Bedienelementen. Die Software hatte Apple gekauft respektive lizenziert, für erste ikonische Design des neuen Jahrtausends zeichnete der britische Gestalter Jonathan Ive verantwortlich.

Mehr noch als Design, Hardwareleistung und Software half aber die Infrastruktur dem iPod auf die Sprünge. Wer einen iPod nutzen will, muss iTunes installieren - Apple hatte zum Glück bald eingesehen, dass der Kauf eines Mac dafür zwar sinnvoll sei aber keine zwingende Voraussetzung sein sollte. iTunes war zunächst als Einbahnstraße angelegt: Musik vom iPod spielte die Software nicht zurück auf den Rechner. Dass einige Tools dazu sehr wohl in der Lage sind, wollen wir an dieser Stelle nicht verschweigen, aber Apple fördert den Rückweg nicht und gab iPod-Nutzern den Slogan "Don’t steal Music!" mit auf den Weg.

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