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Halyna Kubiv: Weihnachten in der Ukraine...

24.12.2011 | 00:01 Uhr | Halyna Kubiv, Peter Müller

Halyna Kubiv: Weihnachten in der Ukraine...

... findet nach julianischem Kalender am 7. Januar statt. Folglich feiern wir den Heiligen Abend am 6. Januar. Weihnachten ist auch bei uns eine der größten kirchlichen Feiern, deswegen fällt auf die vierzig Tage davor eine der längsten und strengsten Fastenzeiten im Jahr. Am Heiligen Abend selber isst man erst, wenn am Himmel der erste Stern erscheint. Obwohl vor Weihnachten noch gefastet wird, müssen auf dem Tisch zwölf ohne tierische Fette, Fleisch und Eier zubereitete Gerichte stehen, die Zahl steht für die Monate des Jahres. Es gibt nur ein Gericht, das auf den Weihnachtstisch unbedingt kommen muss. Es heißt Kutja und wird aus gekochtem Weizen, mit Zucker kleingeriebenem Mohn, Nüssen, Rosinen, Honig zubereitet. Was die anderen elf Gerichte angeht, da ist der Fantasie der Hausfrau freier Lauf gelassen.

Die Tradition des Weihnachtsbaums ist in der Ukraine relativ spät angekommen, deswegen kann man noch in den ländlichen Gebieten, bei Oma und Opa, eine mit Lametta geschmückte Weizengarbe sehen, die die Funktion des Christbaums übernimmt. Dadurch, dass Weihnachten am Anfang des Monats stattfindet, gibt es auch bei uns keinen Advent. Die Kinder bekommen ihre Geschenke auch nicht an Weihnachten, sondern zum eigenen Geburtstag oder zum Nikolaustag (19. Dezember). Es kann durchaus vorkommen, dass die unartigen Kinder vom heiligen Nikolaus neben dem Geschenk noch eine Rute als Warnung bekommen.

Die Sitten und Bräuche zu Weihnachten sind zahlreich und bunt gemischt, sie kommen teilweise aus der kirchlichen Tradition und teilweise von den heidnischen Vorfahren. Einen eigenen Mythos hat der unsterbliche Nikolai Gogol mit seiner Erzählungen-Sammlung " Abende auf dem Weiler neben Dikanka " geschaffen.

Die eigentliche Feier beginnt nach Einbruch der Dunkelheit mit dem schon erwähnten üppigen Abendessen, davor spricht der Familienvater noch ein Gebet. Am Heiligen Abend müssen alle Familienmitglieder anwesend sein. Wer verreist, ist im nächsten Jahr die ganze Zeit unterwegs, so glaubt man zumindest. Dazu wird noch geglaubt, dass die verstorbenen Familienmitglieder auch zum Essen am Heiligen Abend kommen. So räumt die Hausfrau nicht den kompletten Tisch auf, sondern lässt "Kutja" und entsprechende Zahl an Löffeln über die Nacht stehen. Um Mitternacht wird die Weihnachtsmesse gefeiert.

Die Zeit zwischen dem Abendmahl und Messe ist bei uns fest für die Gesangs- und Schauspielkunst reserviert. In der Ukraine muss man eigentlich nirgendwo hingehen, um sich ein Krippenspiel anzuschauen, sondern das Krippenspiel kommt zu einem nach Hause. Meistens sind es die jungen Leute im Ort, die sich ab November sammeln und das Spiel einüben. Es gibt kein vorgeschriebenes Szenario dafür, sondern nur ein Grundgerüst. Darin sollte Herodes, Teufel, Engel vorkommen, andere handelnde Personen sind frei austauschbar und stellen genau so wie in "Commedia dell’arte" Typisierungen aus dem Alltagsleben dar.

Eine der ältesten Traditionen zu Weihnachten, die eigentlich noch aus heidnischen Zeiten stammt, sind Weihnachtslieder, in der Ukraine "Koljadky" genannt. Es gibt eine unzählige Menge davon, einige sind in der ganzen Ukraine bekannt, andere wiederum werden nur in bestimmten Regionen gesungen. Genauso breit ist die Spanne bei der Darbietungsqualität: Ein geschultes Gehör und geübte Stimme sind dabei keine zwingende Voraussetzung. So kann man an einem Abend jede Art von Gesangkunst präsentiert bekommen: Von zwei Schulkindern, die sich am Abend davor zwei ersten Strophen von dem bekanntesten Weihnachtslied eingeprägt hatten, bis zu den (semi-)professionellen Kirchenchören, für die meistens das Weihnachtsprogramm ein Höhepunkt des Jahres und ein gutes Zusatzverdienst darstellt. Das wohl bekannteste ukrainische Weihnachtslied ist "Schchedryk" von Mykola Leontovych, in der englischen Variante heißt es "Carol of the Bells"; viele erkennen darin einen Soundtrack aus dem ersten Teil der Weihnachtskomödie "Kevin allein zuhaus".

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