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Hase und Igel

10.05.2004 | 16:35 Uhr | Peter Müller

Hase und Igel

Wie im Falle von Spam hilft nur ein ganzheitlicher Ansatz, Raubkopierern das Handwerk zu legen: Mit gesetzlichen Regelungen und entsprechender Strafverfolgung, mit technischen Einschränkungen und vor allem mit legalen Alternativen. Doch europäische Ableger von iTMS und Napster lassen nach wie vor auf sich warten, Gesetze und technische Einschränkungen, sofern sie zu restriktiv gefasst sind, kriminalisieren ehrliche Käufer oder machen es diesen unmöglich, ihre Songs auf beliebigen Medien zu archivieren und dem Player ihrer Wahl abzuspielen.
Einen alternativen Ansatz zur digitalen Sicherung will Microsoft mit seiner neuen WMA-Version verfolgen. Anstatt Audio- oder Videodateien vor unberechtigten Kopien zu schützen, sollen diese in Zukunft ein Verfallsdatum tragen, das sie auch beim Brennen oder Überspielen auf tragbare Player behalten. Die Geschäftsmodelle der Online-Anbieter müssten sich dementsprechend ändern, statt einzelne Tracks zu verkaufen, geben die neuen Download-Center zeitlich begrenzten Zugriff auf ihre Kataloge. Big Player wie AOL oder Amazon haben bereits ihr Interesse bekundet, Analysten sehen im MP3-Verfallsdatum eine Cahnce für Microsoft, den Online-Musik-Markt komplett umzukrempeln. Und für Apple, das anders als Napster für seinen iTMS kein Abo-Modell anbietet, die Gefahr, die Marktführerschaft alsbald wieder zu verlieren.
Die Fraunhofer-Gesellschaft, Erfinder des MP3-Formats, schlägt gar ein "digitales Wasserzeichen" anstatt eines Kopierschutzes vor, Daten ließen sich beliebig weitergeben, ehrliche Verbraucher sähen sich keinerlei Einschränkungen ausgesetzt - und keinem Verfallsdatum. Wer jedoch gegen Nutzungsbedingungen oder Urheberrecht verstößt, lässt sich anhand der Markierungen in der Datei schnell herausfinden, und wenn nicht gerade eine Lücke a la russe aufbricht ist der Musikpirat zivil- und strafrechtlich haftbar zu machen.

Die Diskussion über den besten Kopierschutz, der Verbraucher nicht einschränkt und die Musikindustrie endlich ihre Hemmungen vor dem neuen Vertriebskanal Internet fallen ließe, könnte sich jedoch als müßig erweisen. Denn weder Apples AAC mit Fairplay noch Microsofts WMA mit zeit basiertem DRM sind unknackbar. Das hat erst letzte Woche ein 20jähriger Kunststudent in Australien gezeigt, der Apples Authentifizierungsmethoden im iTunes Music Store derart aushebelte, dass mit seinem Crack sich auch andere Programme außer iTunes 4.x mit dem Download-Service verbinden könnten. Wie David Hammerton der Website "The Register" gegenüber behauptete, würde DRM in keinem Fall funktionieren, jeder Kopierschutz sei zu überlisten. Nach dem Update auf iTunes 4.5 brauchte er nur noch acht Stunden, beim Überwinden der Routinen in iTunes 4.2 hatte er noch eine Woche gebraucht und dabei die nötige Erfahrung gesammelt. Hammerton ist bewusst, dass sein Fünf-Zeilen-Script Leuten dabei hilft, Musik von den Apple-Servern zu stehlen, weswegen er den entsprechenden Code aus dem Player, den er geschrieben hat, wieder entfernte. Er wollte die Anwender seines Programms nicht zum stehlen animieren, sieht jedoch keine Chance für die Anbieter, sich mit DRM gegen "Geeks, die jede Menge Zeit mitbringen", wirkungsvoll zu wehren.

DRM wird ein Potemkinschen Dorf bleiben, dank systemimmanenter Unzulänglichkeiten. Dennoch sollte das Rechte-Management auf Dauer funktionieren. So wie Apple und die Musikindustrie schon stillschweigend Zu-Fuß-Umgehungen tolerieren, werden wohl auch bald Cracker ungestraft Knackprogramme in einschlägigen Foren bereitstellen - David Hammerton hat laut The Register noch keine Post aus Cupertino erhalten. Je größer der Markt wird, umso weniger fallen Verluste dieser Art ins Gewicht. Kopierschutz knacken ist trotz widersprüchlicher und international uneinheitlicher Rechtslage sicher kein Kavaliersdelikt - wegen Ladendiebstahls entgangene Umsätze kalkulieren Kaufleute aber durchaus mit ein.

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