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Hello again: Wie der iMac vor 23 Jahren die Welt veränderte

07.05.2021 | 11:15 Uhr | Peter Müller

Vor 23 Jahren hat Apple etwas radikal Neues vorgestellt: den iMac – einen Computer hinter dem Bildschirm.

Wer erinnert sich noch an den Mai 1998? Helmut Kohl war damals Bundeskanzler und bewarb sich nach 16 Jahren Kanzlerschaft erneut. Der 1. FC Kaiserslautern, gerade wieder aus der zweiten Liga aufgestiegen, wurde zu aller Überraschung und zum Entsetzen der Bayern-Fans Deutscher Fußballmeister. Das Internet war eine Veranstaltung für Experten und Freaks, gewissermaßen der letzte Schrei. CDs mit Zugangssoftware, die man von Telekom, AOL und Compuserve geradezu nachgeworfen bekam, machten das "Netz der Netze" wie es seinerzeit oft genannt wurde, zusehends populärer. Jeder wollte da irgendwie "reingehen" oder wie Boris Becker "drin sein", die Frage war nur: Wie?

Helmut Kohl, 2017 verstorben, wäre vor einem guten Monat 91 Jahre alt geworden, der 1. FC Kaiserslautern steht zum Entsetzen vieler Fußballfans vor dem Abstieg in die vierte Liga – und ins Internet muss keiner mehr gehen. Denn irgendwie sind wir ständig drin.

Nicht überhaupt erst möglich gemacht, aber für viele erleichtert hat das ein Produkt, das heute vor 23 Jahren erstmals in der Öffentlichkeit zu sehen war: der iMac. Wie Steve Jobs bei der Präsentation , an deren Höhepunkt er ein schwarzes Tuch vom längst auf der Bühne stehenden iMac zog, von Anfang an betonte, war der iMac eben vorwiegend dafür gemacht: Ins Internet zu gehen. Zuvor hatte es kaum Rechner für Verbraucher gegeben, die ein Modem integriert hatten, den meisten fehlte sogar ein Netzwerkanschluss dafür. Der iMac brachte das alles mit: Modem, Ethernetport und vor allem den neuen Universal Serial Bus (USB), der so manche vorherige Schnittstelle überflüssig machte. Den proprietären Apple Desktop Bus für Maus und Tastatur etwa. Oder das klobige SCSI für externe Speicher. Brauchte man auch nicht mehr, der iMac hatte eine Festplatte mit 4 GB. Diskettenlaufwerk? Wozu? Programme oder Systemupdates von CD zu installieren, ist doch praktischer, als von einer Menge Disketten. Und wenn man mal Daten an andere geben wollte – die 1,4 MB, die seinerzeit auf eine Floppy passten, kann man auch über das Internet schicken.

Mut zum Weglassen

Der originale iMac aus dem Jahr 1998 war radikal wie kaum ein Computer zuvor, selbst sein später Nachfolger iMac M1 ist nicht so konsequent im Weglassen gewohnter Dinge. Der 15-Zoll-Bildschirm war dazu für jene Zeit ein Riese, professionelle Anwender hatten allenfalls einen 17-Zoll-CRT auf dem Desktop stehen, ganz Verwegene griffen zum 19-Zöller. Und beinahe so wie heute baute Apple auch damals den schnellstmöglichen Prozessor ein: Das war seinerzeit ein G3 mit 233 MHz Taktrate. Nur wenige der im November davor vorgestellten Power Macs G3 hatten schnellere CPUs der PowerPC-Architektur an Bord. Mit einem Wort: Der iMac war eine Offenbarung und brachte selbst für langjährige Mac-Nutzer einen gewaltigen Leistungssprung – und das zu noch vernünftigen Preisen.

Der iMac steht wie kaum ein anderes Produkt für die Rückkehr von Steve Jobs zu Apple nach zwölfjährigem Exil. Und doch hatte noch sein Vorgänger Gil Amelio das Projekt angestoßen, das ein schwer vom Kurs abgekommenes Apple wieder stabilisieren und neue Relevanz geben sollte. Doch mag es gut möglich sein, dass ein Amelio-iMac ein weniger inspirierendes Produkt gewesen wäre als der iMac Bondi Blue, als der er tatsächlich auf der Bildfläche erschien. Für das Design verantwortlich war ein junger Brite, der schon vor Jobs' Rückkehr bei Apple angeheuert hatte: Jonathan Ive.

Wie der originale Mac von 1984 diente der iMac der Demokratisierung und Popularisierung des Computers an sich. Denn vor dem intuitiven Mac waren Computer komplizierte Maschinen, für deren Bedienung man sich dutzende oder gar hunderte Befehle merken musste. Und vor dem transparenten und bunten iMac waren Computer geheimnisvolle Kästen, von denen die meisten gar nicht wussten, woraus die denn bestehen und wie sie funktionieren. Der iMac ließ durch sein "transluzentes" Gehäuse einen Blick auf sein Inneres zu. Wobei man da nicht recht viel mehr als eine Kathodenstrahlröhre sah und darunter eine Platine mit allerlei Zeugs drauf.

Farbenfroh

Vor allem aber die Farbe setzte neue Maßstäbe: Praktisch alle anderen Computer waren im Frühjahr 1998 beige - den Farbton hatte ironischerweise Apple selbst mit dem Apple II als neuen Standard gesetzt. Und nun dieses Blaugrün, das die Farbe des Himmels über dem Bondi Beach in Sidney wiedergeben soll. Nicht mal ein Jahr später, legte Apple bei der Revision C des iMac fünf neue Farben auf: Blueberry, Tangerine, Strawberry, Lime und Grape. Zusammen mit Gelb und einem neutralen Silber sind nun genau diese Töne wieder zurück. Kein Wunder, dass die neuen iMac M1 gerade bei älteren Herrschaften nostalgische Gefühle wecken - und sie sich wie vor über 20 Jahren nicht entscheiden können, welcher es denn sein soll. Denn bei allem Respekt, gerade am iMac-Geburtstag: Sieben auf einen Streich bestellen wir dann doch nicht.

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