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Hi, Speed: So läuft die iPhone-Keynote heute

13.10.2020 | 11:21 Uhr | Peter Müller

Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen: Die Keynote heute Abend können Sie sich sparen. Oder auch nicht. Unsere nicht immer ernst gemeinte Prognose.

Nun stehen also Termin und Motto für Apples zweite Herbst-Keynote fest: Am 13. Oktober ab 10 Uhr PST (19 Uhr MESZ) läuft Apples virtuelle Präsentation , die wie schon die WWDC-Eröffnung und die iPad-Apple-Watch-Show "Time Flies." vier Wochen zuvor ohne Publikum. Apple hat das Ganze also vorproduziert, dieser Tage stehen Tim Cook und Kollegen vor der Kamera und sagen ihre Sätze auf.

Unseren Live-Ticker zur Keynote finden Sie hier :

Eigentlich kann Apple sich den Zinnober sparen, wir wissen doch schon alles über die Neuheiten. Mal wieder wird Apple enttäuschen, da nur Erwartetes kommt und nichts Überraschendes. Wir haben in die Glaskugel geschaut, den Kaffeesatz gelesen, den Vogelzug beobachtet, nur Eingeweideschau haben wir uns untersagt, die ist recht unzuverlässig (" Es stand im Gek'öse, hat e' gesagt! ").

So läuft also mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit "Hi, Speed" ab:

Gegen 18.45 Uhr unserer Zeit ändert sich auf der Apple-Website zur Show das Logo mit den orangenen und blauen Kreise um den angebissenen Apfel in eine Animation, voller psychedelischer Farben und Formen, die Musik setzt ein. Enttäuschenderweise handelt es sich im Gegensatz zum Motto nicht um Speed-Metal oder Beethoven im presto prestissimo, sondern um elektronische Longue-Musik. Erste Zuseher wünschen sich laut ihrer Twitter- und Facebook-Kommentare U2 oder wenigstens Coldplay zurück, da Shazam bei der Frage nach dem aktuellen Titel und Interpreten nur Namen ausspuckt, die man noch nie gehört hat.

Punkt 19.00 Uhr aber zoomt eine virtuelle Kamera in die einschläfernde Animation ein oder aus und unternimmt einen Flug nach Cupertino, Kalifornien in den Apple Park. Tim Cook tritt ins Rampenlicht eines runden Bürogebäudes oder Steve-Jobs-Theaters oder auf die Freilichtbühne im Inneren des Apple Park, wo er unter dem Regenbogendach noch einmal die unglaubliche Innovationskraft seines Unternehmens lobt, wie sehr seine Produkte und Services den Menschen durch die Krise hilft und großartig doch die in diesem Jahr schon gezeigten Produkte seien. iOS 14 und iPadOS 14 würden angenommen wie kaum ein Update zuvor und da man die Leute an ihren Macs nicht mehr länger auf die Folter spannen will, werde man daher macOS 11 Big Sur schon morgen in der finalen Version veröffentlichen. Entwickler an den Geräten draußen fallen reihenweise von ihren Stühlen und wir trinken beim Keynote-Bingo jedes Mal einen Schluck Feierabendbier, wenn Worte wie "Worldclass" oder "Exciting" fallen. Keine Sorge, wir vertragen was.

Es ist nun aber Zeit für Tim Cook, über ein neues Produkt sprechen zu lassen, hierbei handelt es sich natürlich nicht um ein neues iPhone, sondern um ein Nebenprodukt: Apple TV.

Schon lange nichts mehr von dem einstigen Hobby Apples gehört, vor drei Jahren bekam die Settopbox Unterstützung für 4K HDR, jetzt geht es aber an den Chip. Bisher war ein A10X Fusion am Start, der für Apple TV+ und andere Bewegtbilder zwar mehr als ausreichend ist, über den Gamer aber nur müde lächeln. Hat Apple aber nicht seit letztem Jahr diesen Spiele-Service von Weltklasse (Prost!) namens Apple Arcade am Start? Dieser verdiene nun auch wirklich den größten Bildschirm im Haushalt, das neue Apple TV kommt daher mit dem A12Z, der schon seit dem Frühjahr das iPad Pro antreibt . Dazu endlich zwei neue Bedienelemente: Einen aufregenden (Prost!) Gamecontroller, der Apple-Arcade-Spiele auf ein Niveau hebt, von dem Xbox- und Playstation-Titel nur träumen könnten. Gamer lächeln müde weiter. Und für andere gibt es eine Fernbedienung, die nun wirklich auch für TV taugt, da sie im Dunkeln leuchtet, wenn man die Hand annähert. Statt des seltsamen Trackpads bekommt sie wieder Knöpfe, ein Mikrofon braucht sie nicht, da das neue Apple TV jetzt auch ein durch den Raum geplärrtes "Hey Siri!" erkennt. Darauf eine weitere Flasche Bier geöffnet.

Aber was ist mit dem Sound? Will man sich am Freitag der darauffolgenden Woche die Doku über Springsteens neues Album "Letter To You" wirklich über quäkende TV-Lautsprecher anhören? Nein, Apple hat auch hier die Lösung parat, und die besteht nicht darin, das kleine Apple TV mit einem Speaker auszurüsten. Stattdessen bringt Apple den Homepod Stereo, der auf einer der gezeigten Keynote-Folien noch als Homepod Mini bezeichnet ist. Deutlich kleiner als der bisherige Homepod, aber der Klang genauso gut, dafür nur im Doppelpack zu bekommen: Eben als Stereolautsprecher, der nicht nur Apple Music wirklich räumlich abspielt, sondern auch die Soundausgabe vom Apple TV übernimmt. Einfach nur das Paar nahe der Settopbox bringen, sobald die eingeschaltet ist, koppeln die Systeme und ein Weltklasse-Stereo-Sound erklingt. Wo steht das Bier? Ach, hier.

Bevor es kurz zurück zu Tim Cook geht, ist noch ein Werbevideo zu sehen, mit Apple TV und Homepod Stereo, das nutzen wir, um das erste Bier weg zu bringen. Wir müssen uns beeilen, denn die virtuellen Keynotes sind deutlich straffer organisiert als die echten in früheren Zeiten. So versäumen wir beinahe um 19.15 Uhr die nächste Produktankündigung, die sich ebenso um Audio dreht. Die Airpods Studio reichen aus dem Wohnzimmer heraus und ein Stück weit auf die Straße, doch unterwegs bleiben die Airpods Pro noch die bessere Wahl. Für das Tonstudio sind die Kopfhörer natürlich nicht geeignet, mit proprietärer Technik wie dem H1-Chip werden die Latenzen zwar geringer als via Bluetooth, für Musiker dienen die eleganten Overears aber allenfalls als Abhöre für den fertigen Mix, aber nicht für die Produktion. Wir waren ja beim Thema Speed: Wenn wir einen presto-prestissimo-Lauf aus Beethovens Sonaten auf dem an den Mac angeschlossenen Keyboard spielen, wollen wir den nicht einmal um ein Sechzehntel versetzt erst hören. Aber durchaus aufregend (endlich wieder ein Schluck!) das Feature, das vermeidet, dass man den Kopfhörer falsch herum aufsetzt. Die Beschleunigungssensoren wissen, welche denn gerade die rechte Muschel ist und welche die linke, deshalb fehlt es auch an entsprechender Beschriftung. Aber jetzt nimmt die Veranstaltung endlich Fahrt auf.

Denn natürlich geht es ab 19.30 Uhr um den eigentlichen Star der Show, das iPhone. Es heißt – völlig überraschend – iPhone 12 und ist um so vieles besser und schneller als das iPhone 11 aus dem Vorjahr. Vor allem aber bekommt es nun auch endlich einen OLED-Bildschirm, die Farben werden also heller und die Kontraste stärker, der Akku hält länger. Möglich macht das auch der neue Prozessor A14 Bionic, den Apple ja auch schon in das iPad Air eingebaut hat, das ja nun endlich mal in den Handel kommen könnte. Sechs CPU-Kerne, vier GPU-Kerne, zwölf neuronale Kerne, 5-Nanometer-Verfahren, ein Speed-Monster. Noch mehr Tempo für das Internet bekommt das iPhone 12 jetzt mit 5G-Technologie, diese wahnsinnig hohen Upload- und Downloadgeschwindigkeiten bekommt man jetzt fast überall im Land – sofern das USA heißt. Natürlich teilen Tim Cook und Kollegen keine Seitenhiebe gegen Schwurbler aus, die einen Bezug von 5G mit der Pandemie herstellen oder glauben, dass Echsenmenschen sie alle mit Millimeterwelle verstrahlen würden. Das würde der Idiotie einen unverdienten Raum auf der Bühne geben, Apple bleibt bei den Vorteilen der Technologie, anstatt sich über vermeintliche Nachteile und die daran glaubenden Irren lustig zu machen. Wir denken uns unseren Teil und nehmen einen kräftigen Schluck Bier.

Aber so ein iPhone kommt selten allein, denn Apple stellt ihm ein iPhone 12 Mini zur Seite. Nein, kein iPhone 12 Stereo, obwohl der Trend ja seit einigen Jahren zum Zweitgerät geht, sondern ein iPhone 12 Mini. Das kann genau so viel wie das iPhone 12, ist aber etwas handlicher. Ein Gerät für Damen oder Heranwachsende? Oder doch eher – wegen des Preises von 699 US-Dollar – als Zweitgerät für die Anzugtasche gedacht? Apple lässt das offen. Aber spricht nicht die neue Farbauswahl, mit aufregenden Weltklassetönen (Prost! Prost!) nicht dafür, sich mehr als ein iPhone anzuschaffen? Apple lebt ja nicht von den Services alleine.

So kommt nun noch das Erstgerät auf die virtuelle Bühne, das iPhone 12 Pro. Das kann das gleiche wie das iPhone 12 und 12 Mini, aber noch ein klein wenig mehr. Da wäre mal die dritte Kamera, deren optischer Zoom nun sogar dreifach ist. Und eine vierte Optik auf der Rückseite, das Lidar, das den Raum vor sich vermisst, wie es noch nie eine iPhone-Kamera konnte – man kennt die Technologie schon vom iPad Pro. 5G funkt hier noch schneller und weit verbreiteter, denn nicht nur ein Frequenzband kommt zum Einsatz, sondern Millimeterwelle und Sub-6GHz. Farbe und Form so schön bunt und eckig wie noch nie zuvor, allein die quietschbunten Farbtöne Froschgrün und Product Red sind den "normalen" 12er-Modellen vorbehalten. Wer es ganz groß mag, greift natürlich zum iPhone 12 Pro Max, das schon in keine Anzugtasche mehr passt – außer man kauft Klamotten bei den großen Größen ein.

Bevor wir aber die Kreditkarte entsichern und  in den nächsten Apple Store stürmen, hat Tim Cook noch eine schlechte Nachricht zu verkünden. iPhone 12 kann man ab Freitag zwar vorbestellen, am 30. Oktober aber erst in Empfang nehmen. Dann beginnt auch die Vorbestellung für das iPhone 12 Pro, Auslieferung dann "im nächsten Monat". Na, wenigstens hat er nicht "bis Ende des Jahres" gesagt.

Das nun folgende Werbevideo nutzen wir zum Bier wegbringen und Bier einschenken, das Keynote-Bingo hat sicher noch ein paar Begriffe parat.

Die Rede ist nun vom U1-Chip, den Apple ja schon seit den iPhones von 2019 verwendet, um Datenübertragungen schneller zu machen, weil die Geräte ihre gegenseitige Ausrichtung im Raum besser einschätzen können. Nein, der U1 dient auch dazu, Alltagsgegenstände wie Schlüssel per "Wo ist?" wieder auffinden zu können, sofern sie – Trommelwirbel – mit den neuen Airtags ausgestattet sind. Das sind Funkanhänger von Weltklasse (Hicks!), die dank fortschrittlicher Technologien kaum Energie benötigen und nur einmal im Jahr für ein paar Stunden auf eine Ladematte müssten, wie sie Apple von Dritten in den eigenen Stores verkauft. In einem Jahr ist vielleicht dann doch einmal eine eigene Qi-Lösung Apples fertig, auf der man iPhone, Apple Watch, Airtags und mehr wieder aufladen kann.

Aber das war's noch nicht! Denn nun um 20.10 Uhr löst Apple sein Versprechen ein, noch in diesem Jahr einen ersten Mac mit Apple Silicon auf den Markt zu bringen. Streng genommen sind das sogar zwei, denn neben einem neuen iMac 24 Zoll, der in seinen Außenmaßen nicht größer ist als der bisher verkaufte 21,5-Zöller, aber dank kaum noch vorhandener Rahmen mehr Platz auf dem Screen bietet, kommt auch noch ein Macbook mit Apple-eigenem SoC. Flach wie ein Flunder, auch fast rahmenlos, 12,9-Zoll-Monitor der ein wenig an das große iPad Pro erinnert und mit gleich zwei USB-C-Buchsen ausgestattet und von einem A13X getrieben, kommt das neue Macbook noch "im nächsten Monat" in den Handel. Der iMac 24'' mit A14X noch "in diesem Jahr", was dann vermutlich wieder der 30. Dezember sein wird.

Noch ein Werbevideo, noch ein Bier, ein sichtlich zufriedener Tim Cook beendet das Keynotevideo mit einer kurzen Zusammenfassung und dem dezenten Hinweis, dass Apple noch ein paar Knaller mehr für die nächste Zeit in der Pipeline hat. Stand das auch auf dem Keynote-Bingo-Zettel? Egal: Prost!

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