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Homekit: Wie Apple (bisher) seine Chance verpasst

23.02.2021 | 16:25 Uhr | Peter Müller

Apple müsste mit Homekit an sich die führende Plattform für das smarte Heim haben, aber zuletzt hat sich Cupertino selbst immer wieder mal ins Knie geschossen und hohe Erwartungen nicht erfüllt.

Das zentrale Versprechen Apples sollte jedem Haushalt, der sich mit smarten Geräten eindecken will, an sich die Kaufentscheidung nicht nur erleichtern, sondern gar abnehmen: Datenschutz . Auf vier Säulen ruht Apples Konzept: Datensparsamkeit, Transparenz und Kontrolle über die Datenverarbeitung, Sicherheit und Verschlüsselung (in der Regel Ende-zu-Ende) sowie vor allem "On Device Processing", was bedeutet, dass die Endgeräte bereits so viele Daten verarbeiten können, um sich die Berechnungen auf entfernten Servern zu sparen.

Das smarte Home hat ja seine Tücken: So bequem es ist, wenn sich die Haustür automatisch öffnet, wenn man nur noch wenige Schritte entfernt ist, oder das Starten des Autos in der Tiefgarage des Büros eine Kaskade von Aktionen auslöst, wie Erhöhen der Raumtemperatur, Zubereiten des Abendessens in einem schlauen Topf und Einschalten des Lichts, sobald das heimische Garagentor betätigt wird, so wenig will man, dass Dritte interferieren – und sich so physischen Zugang zum Privatbereich schaffen.

Aber auch virtuell will man keine Unbekannten in die eigenen vier Wände einlassen. Bevor Dritte plötzlich den schlauen Strom steuern oder sich durch die IP-Kamera einen Einblick in Wohn- oder gar Schlafzimmer verschaffen, lässt man das mit der neuen Technik lieber ganz bleiben. Von der neugierigen Alexa, die uns nicht nur auf Befehl unsere Lieblingsmusik spielt, sondern auch gerne mal lauscht, was wir so allgemein bereden und welche Anschaffungen wir demnächst planen, ganz zu schweigen. Den Unterschied, den Amazon macht: Die Einstellungen zur Privatsphäre muss man meist erst suchen – denn Daten sind für den Großhändler natürlich wichtiger Treibstoff.

Das große Datenschutzversprechen

Apples Homekit könnte also einen Kontrapunkt schaffen. Zwar hatte man auch den Mac-Hersteller dabei erwischt, wie er Drittfirmen beauftragte, mit menschlicher Intelligenz nachzuholen, ob Siri denn wirklich auch gemeint war oder auf welche Sprachfetzen der digitale Assistent aus Cupertino reagierte ( „Grading“ nannte Apple diesen Vorgang , für den es nun der Zustimmung der Kunden bedarf) – doch wähnt man seine Daten und seine Privatsphäre aufgrund des stets erneuerten Versprechens Apple gut geschützt.

Dritte können nicht in die Automationen eindringen und sie selbst für ihre Zwecke nutzen, vernetzte Geräte sind stets auf den aktuellen Softwarestand gehalten  – die eigenen, die als Steuerzentrale dienen, versorgt Apple automatisch mit Updates, die vor allem dem Erhalt der Sicherheit dienen. Mit Homekit Secure Video hat Apple auch eine Option geschaffen , die Bilder der Überwachungskamera nicht lokal auf Speichermedium aufzuzeichnen oder auf den Servern der Anbieter, denen man mehr oder eher weniger vertraut, sondern auf Apples Servern. Dort arbeiten auch Ende-zu-Ende-verschlüsselt Algorithmen etwa zur Gesichtserkennung, wenn sie nicht die Gerätschaften vor Ort selbst erledigen können – oder die Ergebnisse bestehender Auswertungen auf iPhone, Mac und iPad nutzen. Ehrlich gesagt, der Alphabet-Tochter und Google-Schwester Nest will man vielleicht nicht so gerne die Aufnahmen aus dem eigenen Heim anvertrauen, auch wenn das Unternehmen ebenso ein Datenschutzversprechen abgibt. Anderen Anbietern vertraut man unter Umständen noch weniger.

Homekit im Hintertreffen – mögliche Gründe

Was ist aber nun das Problem Apples, das Homekit offenbar so ins Hintertreffen geraten lässt? Laut einer Studie von Insider Intelligence lag Amazon im Jahr 2020 bei smarten Lautsprechern, die als Steuerzentrale der meisten smarten Heime dienen, mit einem Marktanteil von rund 70 Prozent an der Spitze. Google folgte mit etwa 30 Prozent, Apple liegt mit den anderen bei 18 Prozent (in Smart Homes können mehrere Speaker zum Einsatz kommen). Daraus folgen zwar nicht direkt die Marktanteile für allerlei smarte Geräte, geben aber einen ersten Richtwert: Dass nur etwa jedes sechste Smart-Home-Gerät mit Apples Homekit spricht, ist keine unrealistische Annahme. Das Bundeswirtschaftsministerium bezeichnet den Smart-Home-Markt in Deutschland als den drittgrößten der Welt, mit einem Volumen von 4,3 Milliarden Euro im Jahr 2020 und Wachstumsraten von 20 Prozent per annum.

Man muss ja schon recht genau suchen, ob Smart-Home-Geräte auch für das Homekit geeignet sind, während man für Google Home oder Amazon Alexa jede Menge Kaufempfehlungen findet. Unsere Kollegen der Macworld US haben sich etwa das Vergnügen gegeben, eine umfangreiche Empfehlung unserer Schwester Techhive zu smarten Leuchtmitteln auf die Geräte einzudampfen, die mit Homekit kompatibel sind. Viel bleibt da nicht übrig .

Die Marktdaten stammen von Ende 2020, als Apple gerade erst seinen Homepod Mini herausgebracht hat. Zwar lassen sich auch Apple TV oder iPad als Steuerzentrale für das Homekit einsetzen, intuitiver ist das aber mit einem Lautsprecher – der bei Apple bisher das dreifache kostete. Sicher kein unwesentlicher Grund für Apples Hintertreffen. Und wenn man sich das Prinzip des Echo Show von Amazon ansieht, während man auf dem iPhone auf die Bilder seiner Überwachungskameras starrt, fragt man sich, wo denn der Homepod mit kompaktem Display bleibt …

Ein weiterer Grund ist recht banal und hängt mit der Sicherheit à la Apple zusammen:  Geräte müssen hohe Anforderungen erfüllen, um auch wirklich als „Made for Homekit“ gelten zu dürfen. Apple verdient dabei auch immer über Lizenzgebühren mit, aber für die Sicherheit und Privatsphäre des Heims gibt man gerne ein paar Euro extra aus.

Fehler aller Orten

Und doch stecken die Fehler selbst zertifizierter Geräte im Detail: Da bricht plötzlich die Verbindung aus unerfindlichen Gründen ab – und die Lösung wäre, das Gerät für eine kurze Weile vom Strom zu nehmen, um es wieder mit dem Home kommunizieren zu lassen. Ist eben nur blöd, wenn es sich dabei um eine Steckdosenleiste handelt, die an schwer zugänglicher Stelle in die Wand gestöpselt ist – um sich eben den Elektriker zu sparen.

Den hatte man bei einem anderen angeblichen Homekit-Gerät schon im Haus : Ein Lichtschalter, der LEDs dimmen soll. Laut Hersteller einfach gegen den herkömmlichen Schalter auszutauschen. Ist halt in Deutschland nicht wirklich erlaubt, als Amateur an der Elektrik zu schrauben, wenn dann auch noch die Stromversorgung zweiädrig ist und nicht dreiädrig, wie sich das der Hersteller so vorgestellt hat, wird es kompliziert. Noch mehr aber, wenn die von dem Schalter gesteuerte Lampe halt nicht die Bohne kompatibel ist mit dem Schalter. Den „dimmbar“ muss nicht „dimmbar“ im Sinne eines allgemeinen Standards bedeuten.

Noch verzwickter wird es dann aber, wenn Homekit-Geräte über Jahre hinweg funktionieren – von gelegentlichen behebbaren Aussetzern abgesehen – und dann von heute auf morgen den Dienst versagen. Weil Apple mit einem Update für den Homepod die Verbindung gekappt hat. So kürzlich geschehen mit Leuchtmitteln von Ledvance : Die folgten zunächst nicht mehr ihrer Automation oder irgendwelchen Steuerbefehlen, ließen sich nach dem Zurücksetzen zwar wieder von der Home-App anhand des aufgedruckten Codes identifizieren, aber nicht mehr in das Home einbinden und steuern. Der Hersteller selbst blieb ein wenig ratlos zurück, ob Apple die gekappten Bande wieder knüpft oder ob die LED-Leiste ein Fall für den Sondermüll wird, ist noch offen.

Überhaupt, die Home-App. Nicht alles, was Apple an Software entwickelt, erfüllt den „Ease of Use“, auf den Cupertino zu Recht so stolz ist. Die Home-App gehört definitiv nicht zu den Sternstunden. Kommt vor, Apple korrigiert derartige Unzulänglichkeiten immer wieder oder versucht einen neuen Ansatz, die Home-App bleibt aber nach wie vor unübersichtlich und rätselhaft . Dabei hat Apple in den letzten Jahren wenig getan, um die Nützlichkeit der App zu erhöhen. Je mehr Geräte man damit verwaltet, umso unübersichtlich wird es, da hilft es auch nicht, dass sich Automationen recht gut erstellen lassen.

Das komplette System krankt aber an mangelnder Kompatibilität und Interoperabilität. Warum nicht die Home-Automationen mit IFTTT koppeln? Bisher bleibt nur der Umweg über das Projekt Homebridge . Das ist dann eher etwas für Bastler.

Immerhin, in Sachen Interoperabilität hat sich zuletzt etwas getan, zumindest in Form einer Ankündigung. Connected Home over IP (CHIP) nennen Apple, Amazon und Google ihre plattformübergreifenden Bemühungen zur Standardisierung. Falls die Kooperation nicht Datensicherheit und Privatsphäre aufweicht, könnte das Smart Home à la Apple endlich Fahrt aufnehmen, wenn da noch ein paar Nebenbedingungen Berücksichtigung finden.

So wäre auch endlich eine größere Auswahl von Homekit-Routern wünschenswert, Sicherheitseinstellungen lassen sich dann einfach über die Home-App regeln. Aber bisher haben nur Linksys und die Amazon-Tochter Eero Geräte im Angebot, AVM, der Anbieter der hierzulande recht populären Fritzbox hat offensichtlich wenig Lust, Lizenzgebühren an Apple zu zahlen und verzichtet auf das Label. Über die von den Providern ins Haus gestellten Boxen sprechen wir erst gar nicht.

Finale dahoam

Und dann wären da noch ein paar Umstände, die uns am Durchbruch des Homekit zweifeln lassen. So wie die Familien in den Apple-Werbungen leben die wenigsten hierzulande. Die smarte Türklingel mit Überwachungskamera scheitert hier etwa meist an der Gesetzeslage: In den öffentlichen Raum darf man nicht filmen – das gilt auch für Flure in Mehrparteienhäusern. Und wer schon mal versucht hat, eine smarte Gegensprechanlage mit der Haustechnik zu verbinden, verzichtet fortan nicht nur auf Homekit, sondern auch auf andere Plattformen. Manchmal ist es besser, das Heim dämlich sein zu lassen und selbst schlau zu sein.

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