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Internet-Surfen soll gleiche CO2-Belastung erzeugen wie gesamter Flugverkehr

16.12.2019 | 14:36 Uhr | Thomas Hartmann

Selbst einfache Google-Anfragen oder gar das Streamen von Videoinhalten wie bei Netflix sorgen für einen erheblichen Stromverbrauch – als stromsparend gilt etwa das Löschen von E-Mails.

Ein ausführlicher Artikel beim Energiekonzern Eon zeigt Faktoren auf, die das Internet zum Stromfresser und damit zur CO2-Belastung machen.

Eine Google-Suchanfrage löst nach Unternehmensangaben einen Strombedarf von 0,3 Wattstunden aus, heißt es dort. Bei 40.000 Suchanfragen weltweit pro Sekunde ”läppert sich” das, denn mittlerweile ist mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung online: rund vier Milliarden Menschen.

Allein in Deutschland benötigten Server und Rechenzentren im Jahr 2017 insgesamt 13,2 Mrd. kWh Strom, wie das Borderstep Institut errechnet habe – ungefähr so viel, wie die Stadt Berlin insgesamt an Strom verbraucht.

Das Problem sind dabei die Rechenzentren, die für solche Anfragen und das Surfen allgemein rund um die Uhr im Einsatz sind. Dabei verbrauchen sie nicht nur viel Strom für die eigentliche Rechenleistung, sondern sie benötigen auch viel Energie für komplexe Kühlsysteme, darunter Klimaanlagen, Rückkühlung und Ventilatoren.

Der Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieur Ralph Hintermann vom Borderstep Institut schätzt, dass Internet-Surfen längst eine ebenso hohe CO2-Belastung erzeuge, wie der gesamte, weltweite Flugverkehr. ”Die Prognosen sagen, dass wir in fünf oder sechs Jahren nochmals 25 Prozent mehr im Internet brauchen“, so der Experte. Ein anderer Think Tank geht davon aus, dass digitale Technologien mittlerweile für vier Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich sind und ihr Energieverbrauch pro Jahr um 9 Prozent wächst.

Auch Apple TV+ kostet Strom

Das gilt erst recht für die Datenmengen, die beim Video-Streaming über Plattformen wie Netflix, Amazon Prime, Youtube & Co. anfallen. Diese machen demnach bereits 58 Prozent und damit mehr als die Hälfte des Datenvolumens im Internet aus, wie aus einer Analyse des kanadischen Netzwerkausrüsters Sandvine hervorgeht. In Relation mit der Einschätzung des amerikanischen IT-Unternehmens Cisco, die für das Jahr 2017 einen weltweiten Traffic von insgesamt 1,5 Zettabyte (oder umgerechnet 1,5 Milliarden Terabytes bzw. 1.500.000.000.000.000.000.000 Bytes) berechnet haben, wird klar, wie viele Daten nur durch Bewegtbilder durch das Netz gejagt werden. Um diese Mengen über die Rechenzentren bereitstellen zu können, dürften global fürs Streamen schätzungsweise bereits bis zu 200 Milliarden kWh Strom pro Jahr anfallen, Tendenz steigend, zudem neue Anbieter wie Apple TV+ oder demnächst Disney dazu kommen.

Nachhaltige Server

Der hohe Energieverbrauch und die immensen Kosten von großen Rechenzentren stehen daher aktuell im Fokus von Klimaexperten und IT-Unternehmen gleichermaßen. Modernere Technik mit geringerem Kühlbedarf, eine effizientere Auslastung der Server sowie die Zusammenlegung kleinerer Rechenzentren sollen Verbrauch und Ausstoß zunehmend reduzieren helfen, dürften das stetig wachsende Datenaufkommen langfristig aber nicht annähernd auffangen können.

So geht der Blick beispielsweise nach Norwegen, wo in einem ehemaligen Bergwerk in Nordfjord derzeit das potentiell effizienteste und modernste Rechenzentrum der Welt entsteht. Die Kühlung des transportfreundlich modular angelegten, unterirdischen Großprojektes soll mit Wasser aus einem nahen Fjord erfolgen, die Energie liefern Wasserkraftwerke aus der Umgebung. Die erneuerbaren Energieträger sollen den CO2-Ausstoß der Server-Farm erheblich senken.

Eigener Beitrag als User

Interessanterweise könne schon das Löschen von überflüssigen E-Mails im eigenen Programm große Mengen von Strom sparen, weil man dadurch auch die Server der E-Mail-Anbieter von diesem stromverbrauchenden ”Ballast” frei macht. So hätten sich in einem Experiment des TV-Wissen Magazins "Galileo" die über 27.000 Teilnehmer der Aktion von insgesamt mehr als 300.000 Mails getrennt – durchschnittlich elf Stück – indem sie die Papierkörbe leerten und damit 50 Gigabyte Festplattenkapazität auf den Servern freimachten: Nach Schätzungen des Rechenzentrums eine Ersparnis von 1,7 Kilogramm CO2. Hochgerechnet auf die weltweite Internetgemeinde sei dies ein einfacher und effektiver Beitrag zum Klimaschutz.

Auch andere Tipps findet man in dem Artikel bei Eon. So solle man vielleicht eher mal wieder zur DVD greifen anstatt zu streamen. Das könnte man freilich hinterfragen, denn die Produktion von DVDs und später die Entsorgung ist ebenfalls alles andere als umweltneutral. Dagegen zeigt ein knapper Vergleich der beiden Arten, Filme anzusehen, auf dieser Website eine ganz interessante Forderung: Wer DVDs kauft, auf jeden Fall nicht mit dem Auto besorgen, sondern lieber mit dem Rad fahren. Noch umweltfreundliche geht es, wenn man sich bei der nächsten Stadtbibliothek einschreibt und dort die DVDs aus den gut sortierten Sammlungen ausleiht, ein Jahres-Abo kostet (in München) rund 20 Euro, bei der DVD-Ausleihe entsteht kein Abfall. Und insgesamt ist es wichtig, energiesparende Geräte – ob Fernseher, Display oder Computer – zu kaufen, diese nicht unnötig laufen oder im Standby-Betrieb zu lassen. Dagegen eher auf lokale Backups auf der Festplatte zu setzen, ist sicherlich stromsparender und umweltschonender als alles in die Cloud zu laden, wo wieder energieintensive Server für die Sicherung sorgen. Und ob man wirklich gleich alles googeln oder per E-Mail oder Messenger teilen muss, kann man sich selbstverständlich auch genauer überlegen anstatt wie automatisch zum Smartphone oder Computer zu greifen. Manches fällt einem dann doch wieder ein – oder lässt sich auch beim nächsten persönlichen Treffen von face to face statt via Facebook und Messengern austauschen.

Statt Google, Bing & Co. lässt sich alternativ auch die Suchmaschine von Ecosia.org verwenden. Diese verspricht, dass alle Server zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien betrieben werden und die Bäume, die für Suchanfragen gepflanzt werden, der Atmosphäre mit jeder Ecosia-Sucher 1 Kilogramm CO2 entziehen.

Zustimmen lässt sich dem Resümee des Artikels: ”Digitalhygiene“ ist ein wichtiger, aber bisher zum allergrößten Teil ungenutzter Beitrag zum Klimaschutz, außerdem schnell und vor allen Dingen mühelos umsetzbar.

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