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Katastrophenwarnungen via SMS ab Sommer 2022 - Cell Broadcast

23.07.2021 | 10:20 Uhr | Hans-Christian Dirscherl

Ab Sommer 2022 sollen Warn-SMS/Cell Broadcast Menschen in Deutschland vor Katastrophen warnen. Das meldet das Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Das ging ja flott. Erst gestern berichteten wir (siehe unten), dass die Deutsche Telekom bereit sei fĂŒr den Aufbau eines Cell-Broadcast-Warnsystems fĂŒr KatastrophenfĂ€lle. Wir vermuteten, dass es bis 2022 dauern werde, bis tatsĂ€chlich Warn-SMS an Nutzer in Deutschland verschickt werden könnten. Nun meldet das Redaktionsnetzwerk Deutschland, dass Cell Broadcast tatsĂ€chlich im Sommer 2022 in Deutschland kommen soll.

Das Bundesamt fĂŒr Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) soll demnach „voraussichtlich im Sommer 2022 mit dem vielfach geforderten Warnsystem Cell Broadcast arbeiten können“. Das Redaktions Netzwerk Deutschland (RND) will das aus Regierungskreisen erfahren haben. Offiziell laufe die PrĂŒdung der Anschaffung eines Cell-Broadcast-Warnsystems durch das BBK aber noch. Diese PrĂŒfung soll laut Bundesinnenminister Horst Seehofer noch vor der Bundestagswahl am 26. September 2021 abgeschlossen sein. Nach Stand der Dinge falle die PrĂŒfung positiv aus.

Vom Aufbau des Cell-Broadcast-Warnsystems unabhĂ€ngig soll auch die Alarmierung via Sirenen bundesweit wieder deutlich ertĂŒchtigt werden. Sirenen waren in der Bundesrepublik ĂŒber Jahrzehnte das wichtigste Alarmierungssystem. Doch seit den 1990er Jahren wurden viele Sirenen abgebaut, weil man sie angeblich nicht mehr brauchen wĂŒrde oder ihr Unterhalt zu teuer sei. Bis aber die nun vorhandenen erheblichen LĂŒcken bei den Sirenen wieder geschlossen sind, dĂŒrfte es einige Zeit dauern. Da geht der Aufbau eines Cell-Broadcast-Warnsystems schneller.

Hochwasser-Katastrophe gab den Anstoß

Die Behörden und vor allem das Bundesamt fĂŒr Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe stehen nach der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen massiv in der Kritik. Die Behörden hĂ€tten die Menschen zu spĂ€t und nicht deutlich genug gewarnt, so der Vorwurf. In diesem Zusammenhang wird immer wieder die Frage gestellt, weshalb die Menschen nicht durch eine einfache SMS auf das Handy gewarnt wurden. Nun hat sich die Deutsche Telekom fĂŒr derartige Warn-SMS, auch als Cell Broadcast bezeichnet, ausgesprochen.

Die Telekom befĂŒrwortet demnach die EinfĂŒhrung eines SMS-Warnsystems in Deutschland. „Cell Broadcast, also die Warnung per SMS, muss ein Teil des Warnsystems sein. Wir können das System aufbauen“, sagt Tim Höttges, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom. An einer möglichen Ausschreibung des Bundes wĂŒrde sich die Telekom selbstverstĂ€ndlich beteiligen.

Cell Broadcast: So funktionieren die Warn-SMS

Cell Broadcast ist ein Mobilfunkdienst zum Versenden von SMS-Ă€hnlichen Nachrichten an alle Mobiltelefone innerhalb einer Funkzelle oder einer Gruppe von Funkzellen im jeweiligen Mobilfunknetz, wie die Telekom erklĂ€rt. Die EinfĂŒhrung erfordert allerdings Vorsysteme, wie die Telekom betont. Es mĂŒsse ein „Cell Broadcast Center“ implementiert werden, ĂŒber das dann zielgerichtet der Versand von Warnmeldungen angestoßen werden könne. Zudem mĂŒsse das System gegen Angriffe Dritter geschĂŒtzt werden, um den Versand falscher Meldungen zu verhindern. Denn Hacker könnte durch falsche Katastrophenwarnungen an Millionen von Handys Panik und riesige SchĂ€den verursachen und dieses Warnsystem in Misskredit bringen.

Warn-SMS via Cell Broadcast existieren in etlichen Staaten bereits, beispielsweise in Russland, den USA und in den Niederlanden - hier gibt es eine Übersichtskarte. Diese Warn-SMS gehen an alle erreichbaren Smartphones und Handys (also auch an 20-Euro-„Knochen“ alias Feature Phones ohne iOS oder Android) im Empfangsbereich und können mehr Text als konventionelle SMS und auch Links enthalten. Die durch Cell Broadcast verursachte Datenlast ist minimal, sodass selbst „angeschlagene“ Netze diese noch versenden können sollten.

Die Lage in Deutschland

In Deutschland wurde ein derartiges System aber noch nicht aufgebaut. Hierzulande sollen stattdessen Warnapps die Alarmierung auf Mobiltelefonen ĂŒbernehmen - im Zusammenspiel mit Radiodurchsagen und Warnsirenen etc. Doch gerade die Sirenen sind vielerorts nicht mehr verfĂŒgbar, wie die Blamage am Katastrophenwarntag 2020 zeigte. Apps wiederum muss man erst einmal installieren und einrichten - auf den meisten Smartphones in Deutschland sind Warnapps wie zum Beispiel Katwarn oder Nina ĂŒberhaupt nicht installiert; zumal es unterschiedliche solcher Warnapps von unterschiedlichen Einrichtungen gibt. Das macht die Sache nicht gerade leichter. Eine SMS dagegen kommt immer ohne Zutun des Nutzers auf dessen Handy.

Datenschutzbedenken sollen ĂŒbrigens laut einem Bericht von Spiegel Online nicht gegen die EinfĂŒhrung von Cell Broadcast sprechen. Sollten sich die politischen und behördlichen EntscheidungstrĂ€ger in Deutschland nun aber doch dazu aufraffen und ein Warn-SMS-System aufbauen lassen, so wird dieses vermutlich erst 2022 tatsĂ€chlich einsatzbereit sein.

Bundesamt fĂŒr Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe: Garant fĂŒr Negativschlagzeilen

Das Bundesamt fĂŒr Katastrophenschutz steht bereits seit einiger Zeit massiv in der Kritik. Das Desaster beim ersten bundesweiten Katastrophenwarntag am 10. September 2020 fĂŒhrte zwar dazu, dass diese Behörde einen neuen Chef bekam. Doch als nun mit der Hochwasserkatastrophe die nĂ€chste große Herausforderung anstand, versagten offensichtlich sĂ€mtliche Warnsysteme, was vielfach dem Bundesamt fĂŒr Katastrophenschutz angelastet wird. Ob zu Recht oder zu Unrecht sei einmal dahingestellt; laut Medienberichten wurden die durchaus vorhandenen Warnungen von den Behörden vor Ort nicht weitergegeben beziehungsweise nicht fĂŒr einen Sirenenalarm genutzt.

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