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Kommentar Airpower: Die richtige Entscheidung

01.04.2019 | 15:02 Uhr | Peter Müller

Über 18 Monate auf die Folter gespannt und dann doch das Produkt gestrichen. Die Entscheidung war aber richtig - und die AirPower nicht wirklich wichtig.

Auf jedes Ja kommen 1000 Neins - beschreibt Apple selbst seinen Innovationsprozess. Den Slogan, der an hohe Ansprüche und bestes Qualitätsmanagement gemahnen soll, hatte Apple erst letzten Montag wieder im Vorspann seiner "Showtime"-Keynote wiederholt. Wenn man ihn gewiss auch nicht wörtlich nennen darf: In Apple ist tief verankert, dass man Produkte und Services erst ausliefert, wenn sie ausgereift und ausreichend geprüft sind. Wenn die dahinter steckende Idee wirklich aufgeht. Wenn das Produkt plausibel verspricht, die Leben der Nutzer sinnvoll zu bereichern und Cupertino die Kassen weiter zu füllen. Wenn sich Zweifel daran nicht ausräumen lassen, kommt das Produkt nicht aus dem Labor heraus - oder wird nach einer Probephase wieder schnell eingestellt.

Ausprobieren kann sich Apple jedoch vor allem in Services, was nicht ankommt, wird gestrichen, wie das unselige soziale Musiknetz Ping oder wie dessen nicht weniger erfolgloser Nachfolger Connect. Wenn aber eine Hardware nicht funktioniert, darf man sie gar nicht erst in den Handel bringen. So gesehen war die Entscheidung Apples, die induktive Ladematte Airpower nun doch nicht fertig zu entwickeln, vollkommen richtig.

Technische Probleme nicht lösbar

Das Produkt klang auch zu schön, um wahr werden zu können. Egal, wo man sein iPhone, die Apple Watch oder die Ladeschachtel der Airpods auf der Matte in Größe eines riesigen Mauspads ablegen würde, überall bekämen sie frische Energie und das bei akzeptabler Ladezeit, von wenigen Stunden bis zur ganzen Nacht. Wenn man keine diskreten Flächen bestimmt, hinter denen die Ladespulen stecken und auf die man die Geräte mit ihren Empfängerspulen passgenau auflegt, dann muss es wohl über die Fläche verteilt viele Ladespulen geben. Die nur dann Strom führen, wenn dort ein Gerät aufliegt. Wo genau Apple bei der Entwicklung letztlich unüberwindbare Hürden fand, wird man wohl so schnell nicht erfahren. Angeblich hätte man Überhitzungsprobleme nicht in den Griff bekommen. Denn die von der Software gesteuerte Ladespule induziert Strom ja nicht nur in iPhone, Apple Watch oder Ladeschachtel, sondern auch in den Spulen in der Umgebung.

Besser also, Apple erkennt rechtzeitig die Unmöglichkeit der Aufgabe, ein sicheres, bequemes und vielseitiges Produkt zu entwickeln als einen faulen Kompromiss einzugehen - etwa mit diskreten Ladezonen für die Geräte - oder gar die Sicherheit seiner Kunden zu riskieren.

Sicher werden einige wieder relativieren wollen und auf seltsame Macbook-Pro-Tastaturen, reißende Flachbandkabel oder leicht durchbiegende iPad Pro verweisen. Doch so bedauerlich die Unannehmlichkeiten sein mögen, die derartige Konstruktionsfehler den Kunden bescheren: Es betrifft nicht die Produktsicherheit und immer nur einen (angeblich) kleinen Teil der in Umlauf gebrachten Geräte. Zudem scheint Apple aus Problemen wie diesen zu lernen, die nächsten Macbook Pro bekommen wieder bessere Tastaturen und die nächsten iPads kann nur verbiegen, wer es darauf anlegt.

An der Sache mit dem gescheiterten Airpower-Projekt stört nur, dass Apple falsche Erwartungen schürte. Auch hier werden wir wohl nie erfahren, ob Tim Cook und Konsorten vor gut 18 Monaten einfach nur ein wenig zu optimistisch waren ("Unsere Ingenieure bekommen das hin, die haben schon so viel geschafft") oder ob das Marketing des Unternehmens Warnungen der Entwickler ignorant in den Wind geschlagen hat. Die Wahrheit wird irgendwo dazwischen liegen.

Apple wird auch daraus lernen. So könnte sich die Vorstellung des modularen Mac Pro weiter verzögern und Apple erst die Katze aus dem Sack lassen, wenn das Produkt wirklich kurz vor der Massenproduktion steht und nicht wie seinen Vorgänger im Jahr 2013 ein halbes Jahr vor Verkaufsstart. Wirklich wichtig wäre aber Zurückhaltung bei dem nächsten großen Ding, das wie das iPhone das Potential hat, eine ganze Industrie zu ändern. Darüber wird Apple erst reden, wenn die Restprobleme schon einer Lösung zugeführt sind. Beim iPhone hat das 2007 ganz gut geklappt - und die Airpower war, bei allem Respekt, nur ein Produkt minderer Wichtigkeit.

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