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Kommentar: Apple TV Plus und Channels: Vielleicht zu viel des Guten?

26.03.2019 | 11:48 Uhr | Peter Müller

Noch mehr TV, hohe Qualität versprochen: Aber wer soll das alles ansehen und wann? Unser Kommentator schon mal nicht.

Franz Beckenbauer hatte einst – noch zu Zeiten als DFB-Teamchef – auf die Frage nach dem TV-Programm gesagt: "Ich bin kein großer Fernseher". Damals wie heute kann man den Satz großartig missverstehen. Wenn er kein großer Fernseher sei, dann halt ein kleiner? Oder doch eher ein großer Kühlschrank? Aber wir wissen, was der "Kaiser" damals meinte: So oft schaue er doch gar nicht in die Glotze und könne sich daher nur schwer ein Urteil erlauben. Und jetzt wird es kompliziert: Ich bin auch kein großer Fernseher. Muss jetzt aber über Apple TV Channels und Apple TV Plus urteilen. Das eine kommt erst im Mai, das andere im Herbst. Na, dann.

Erst mal zur Einordnung: Ich sehe in der Tat wenig fern, Amazon, Netflix und Co. Meist reicht mir sogar das lineare TV, hier die Sportschau, da eine Dokumentation, mal ein Tatort und wenn es geht, die Nachrichten und vielleicht zu späterer Stunde noch eine Kabaretsendung. Wenn die Glotze zur festgelegten Zeit aus bleibt oder ich schon die Augenlider von innen sehe, dann helfen die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen weiter, oder die Aufzeichnung der Sportsendung von letzter Nacht auf dem Entertain-Receiver. Sofern Zeit ist. Amazon Prime Video? Gerne – Prime hat man ja eh und wenn in den Fällen, in denen Zeit zum Glotzen wäre, das TV-Programm aber nicht passt, dann eben einen Film oder eine halbe Staffel einer Serie geschaut. Binge Watching? Selten bis nie. Und was ist mit den tollen Serien auf Netflix, von denen alle reden? Lass' sie reden – aber immerhin haben wir auf Wunsch der Kinder nun auch ein Netflix-Abo und ich habe sogar darüber schon den ein oder anderen Film oder eine Folge einer Serie gesehen. Ich bin kein großer Fernseher. Bücher, Zeitungen, Zeitschriften sind mir wichtiger – oder selbst kreativ zu sein. Aber meine Musikproduktionen behalte ich dann doch lieber für mich.

Die Creme de lá Kreativität

Auch wenn ich Apples Credo beipflichte (mit dem sie mehr iPads verkaufen wollen) "Jeder kann kreativ sein", bin ich natürlich nur ein kleines Licht gegenüber den Größen, die da gestern auf der Bühne des Steve Jobs Theaters standen. Ich leuchte wie eine Osterkerze im Vergleich zur Sonne, wenn überhaupt. Verlockend ist das gewiss, was Apple da auffuhr. Jennifer Anniston, Reese Witherspoon und Steve Carrell in einer Sitcom, die in der Medienbranche spielt? Würde ich gerne sehen. Neue Amazing Stories von Steven Spielberg? Würde ich gerne sehen! Postapokalyptische Abenteuer und Geschichten aus dem wahren Leben von Immigranten? Würde ich so gerne sehen! Und eine Musikerin begleiten, wie sie ihre eigene Stimme findet, würde ich schon allein aus dem Grund sehen, da ich mit dieser Art von Kreativität mit am meisten anfangen kann. Alles würde ich gerne sehen und die Kosten dafür sind bestimmt überschaubar, aber wann soll ich das alles sehen? Aus mir wird kein großer Fernseher mehr.

Aber sehen wir es mal abstrakter, man soll sich laut Kant zwar so verhalten, dass man sich wünschen würde, die Maximen des eigenen Handelns könnten zur allgemeiner Gesetzgebung werden – davon, von sich auf alle anderen zu schließen, hat Kant nichts gesagt.

Zweifelsohne gibt es einen Markt für einen weiteren Anbieter von Original-Serien, nach Amazon Prime, Netflix, Telekom, Sky, HBO und wie sie alle heißen. So eine Serie ist ja auch mal schnell an einem Wochenende weggeschaut, sofern man ein großer Fernseher ist und auch einen großen Fernseher hat (dazu auch noch einen gut gefüllten, großen Kühlschrank). Bedarf nach noch mehr Geschichten, das ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen, die unstillbare Neugier, nicht nur nach neuem Wissen, sondern auch nach neuen Geschichten, nach großer Unterhaltung. Auch wenn der Markt schon gesättigt scheint, Apple kann ihm einen neuen Aspekt hinzufügen, der Kuchen wird größer, trotz oder sogar wegen des neuen Players. Cupertino konnte auch die allererste Riege aufbieten, an der Qualität herrscht kein Zweifel. An der Quantität vermutlich schon, auch wenn alle vorgestellten und angekündigten Projekte bis Herbst fertig sind, zumindest Pilotfolge und erste Staffel, könnte das Angebot im Vergleich zu Amazon Prime und noch mehr zu Netflix noch ein wenig dünn sein.

Quantität und Qualität

Und hier kommen die Apple TV Channels ins Spiel, die man bereits ab Mai buchen kann. Das ist womöglich der Gewinner: Apples Fähigkeit, Kompliziertes einfach bedienbar zu machen. Live-TV von landesweiten Sendern (hier die öffentlich-rechtlichen samt ihrer Mediatheken), Leih- und Kauffilme aus iTunes, der ein oder andere Stremingdienst – Amazon Prime Video wird dabei sein – alles bequem aus einer einzigen Oberfläche heraus bedienbar, das klingt nach einem guten Angebot. So gut, dass der Entertainment-Receiver, der gerne mal rumzickt und wegen einer angeblich schlechten Verbindung komplett aussteigt, wenn das Apple TV nicht mal stottert, wieder rausfliegen kann. Verloren gingen mir nach dem heutigen Stand die ersten beiden Staffeln der ausgezeichneten Serie "The Handmaid's Tale". Aber, wissen Sie was? Ich habe noch nicht mal die erste Folge gesehen, sondern damals nur den Film von Volker Schlöndorf mit Robert Duvall und Natasha Richardson. Ich bin ein gelegentlicher Kinogänger, aber halt kein großer Fernseher.

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