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Kommentar: Apple und Disney

21.07.1999 | 00:00 Uhr |

Die Strategie ist offensichtlich: Mit Quicktime 4 verknüpfte Apple seine Kernkompetenz im Multimedia-Bereich mit dem Internet. Was Steve Jobs nun unter der Bezeichnung Quicktime TV auf der New Yorker Macworld angekündigt hat, geht jedoch weit über die Internet-Aktivitäten vergleichbarer Hardware-Hersteller hinaus. Es geht um die finanzielle Zukunft von Apple.
Zusammen mit Akamai, die mit 900 Rechnern im Internet für ausreichende Pufferkapazitäten beim Quicktime Streaming sorgen sollen, baut Apple nun eine zusätzliche Einnahmequelle auf, für die der Mac-Hersteller Partner braucht und bereits gefunden hat. Denn viel wichtiger als die Kooperation mit Akamai ist die Verpflichtung von Disney als Content-Lieferant für Quicktime TV.
Warum gerade Disney so wichtig für Apple ist, zeigen die aktuellen Internet-Grenzverläufe im Streaming- und Broadcastgeschäft. Apples Gegner heißen hier Real Networks und Microsoft, die mit ihren Produkten auf den häufig besuchten Internet-Seiten von Broadcast.com zu finden sind. Broadcast.com gehört wiederum dem Internetgiganten Yahoo, dessen Sherlock-II-Plug-in man übrigens derzeit in Mac-OS 9 vergeblich sucht. Die Mac-Company braucht deshalb zur Verbreitung von Quicktime TV einen starken Partner mit großer Internet-Reichweite.
Der Unterhaltungsriese Disney bietet sich nach der Übernahme der Portalseite Infoseek und dem gemeinsamen Produkt Go.com geradezu an. Nur Millionen von Internet-Benutzern, die Disney mit Infoseek und Go.com erreicht, können Apple helfen, Quicktime TV als Standard gegen die Produkte von Real Networks und Microsoft zu etablieren. Vor allem der Erfolg dieser Kooperation entscheidet über Apples langfristige Chancen als selbständiger Computer- und Systemhersteller, denn längst ist das Internet so mächtig, daß bereits die ersten PC-Hersteller gezwungen sind, ihre Geräte für (nahezu) umsonst herzugeben, sofern man beim "Kauf" einen Internet-Vertrag für mehrere Jahre abschließt. Apple könnte von einem Massenprodukt wie Quicktime TV und einer Portal-Kooperation mit Disney deshalb profitieren, da vergleichbare Internet-Sites wie Broadcast.com bereits Millionen von Besuchern anlocken und Werbebanner für bis zu 40000 US-Dollar verkaufen können. Ein profitables Internet-Geschäft steigert wiederum das Kundenvertrauen in Apple und führt dazu, daß die Softwareentwickler der Mac-OS-Plattform treu bleiben.

Martin Stein

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