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Kommentar: Apples Verbot von Vaping-Apps ist konsequent - und kontraproduktiv

20.11.2019 | 14:23 Uhr |

Apple hat bekannt gegeben, alle Apps mit Bezug zu elektronischen Zigaretten aus dem App Store entfernen zu wollen. Das ist konsequent, legt das Unternehmen doch zunehmend Wert auf die Verbesserung der Gesundheit seiner Kunden. Gleichzeitig spielt Apple damit der Tabak-Industrie in die HĂ€nde, denn der Wirbel um die Gefahren der E-Zigarrete ist ĂŒbertrieben - und gefĂ€hrlich.

In den USA sind ĂŒber 40 Menschen an den Folgen von Vaping, also dem Benutzen von E-Zigaretten, gestorben. Mehr als 2000 sind an einer Lungenkrankheit erkrankt, ĂŒber deren genaue Ursachen lange gerĂ€tselt wurde. Der Aufschrei ist groß, Organisationen wie die American Heart Association und Behörden wie das CDC (Centers for Disease Control and Prevention) sprechen von einer Gesundheitskrise und Epidemie fĂŒr die Jugend. Als Konsequenz und unter Berufung auf diese Aussagen hat Apple bekanntgegeben , alle Apps mit Bezug zu Vaping aus dem App Store entfernen zu wollen. Dazu gehören Apps zur Steuerung elektronischer Zigaretten, aber auch Verkaufsportale fĂŒr GerĂ€te und Zubehör.

Der Trend zum Anti-Vaper

Seit in den USA die ersten FĂ€lle von mysteriösen Lungenkrankheiten als Folge von Vaping bekannt wurden, hat sich eine regelrechte Panik rund um das Thema entwickelt. US-PrĂ€sident Trump hat sich mehrfach öffentlich gegen Vaping positioniert und sogar ein landesweites Verbot von aromatisierten "Liquids" (die zum Vapen genutzte FlĂŒssigkeit, eine Mischung aus Propylenglycol und Glycerin) in den Raum gestellt. Zumindest bis Trumps Kampagnenmanager ihm aufzeigte, dass diese Botschaft bei seiner Stamm-WĂ€hlerschaft nicht gut ankam.

Blickt man auf die Fakten, scheint die Disskusion in der Öffentlichkeit und der amerikanischen Medienlandschaft weit ĂŒbertrieben. Rund 40 TodesfĂ€lle werden in Zusammenhang mit Vaping gebracht, dazu etwa 2000 Erkrankungen. Ursache fĂŒr die Erkrankungen waren, so haben Forscher inzwischen herausgefunden , nicht Inhaltsstoffe, die in allen E-Zigaretten enthalten sind, sondern kĂŒnstliche Vitamine, die in Cannabisprodukten zu finden sind. Das erklĂ€rt, warum außerhalb der USA keine Ă€hnlichen FĂ€lle bekannt wurden. Die USA haben in mehreren Bundesstaaten den Verkauf von Cannabisproduktion legalisiert.

Apples Schritt ist nachvollziehbar – aber nicht konsequent

Das Apple sich dazu entschieden hat, Vaping Apps aus dem eigenen App Store zu verbannen, ist als Folge der Firmenpolitik der letzten Jahre durchaus nachzuvollziehen. Die Apple Watch entwickelt sich immer mehr zu einem Gesundheitsinstrument, das inzwischen auch von Fachleuten als gutes Tool zur Steigerung und Überwachung der eigenen Gesundheit angesehen wird. Gerade die EKG-Funktion kann nachweislich bei der Entdeckung von Herzstörungen hilfreich sein.

Es ist also nicht verwunderlich, dass Apple den eigenen Kurs nicht konterkarieren möchte. Stattdessen demonstriert der Konzern öffentlichkeitswirksam, dass die eigenen Services dem gesunden Lifestyle dienen sollen. Gleichzeitig lĂ€sst Apple die Konsequenz missen, die aus dieser Entscheidung folgen mĂŒsste. Denn wer Vaping-Apps aus den eigenen Services verbannt, mĂŒsste im nĂ€chsten Schritt auch Apps wie Zigarren-Shops und Ratgeber zum Mixen von Cocktails entfernen. Schließlich sind Tabak und Alkohol ebenso gefĂ€hrliche Drogen, die weitaus mehr Leben kosten als Vaping.

Diese Form von Aktionismus sendet zwar angesichts der erhitzten Diskussion rund ums Vapen die Botschaft, dass Apple sich fĂŒr einen gesunden Lebensstil einsetzt. Gleichzeitig ist es genauso gut möglich, dass die Aktion das Gegenteil bewirkt. Außer Frage steht, dass die Erforschung von möglichen Langzeitfolgen durch Vaping weiter erforscht werden mĂŒssen. Auch stellen aromatisierte E-Zigaretten vor allem fĂŒr Kinder und Jugendliche eine Gefahr dar, ist die Schwelle zum Einstieg doch geringer als bei schlecht riechenden und schmeckenden Zigaretten. Doch: Laut einer Studie im Auftrag des britischen Gesundheitsministeriums ist ein Anstieg von Rauchern/Vapern unter Jugendlichen nicht zu beobachten. Im Gegenteil: Mit dem Anteil an "Vapern" in der Bevölkerung sinkt parallel die Anzahl an Rauchern. Und auch wenn E-Zigaretten nicht als harmlos abzustempeln sind, ist sich die Forschung grĂ¶ĂŸtenteils einig, dass elektronische Zigaretten weniger Schaden anrichten als normale. Es steht also zur Debatte, ob es sinnvoll ist, HĂŒrden fĂŒr Vaper, vor allem fĂŒr Ex-Raucher, zu schaffen und damit den Tabakkonsum wieder attraktiver zu machen.

Das Recht zur falschen Entscheidung

Letztlich stellt sich die Frage: Hat ein Konzern das Recht zu entscheiden, was gut fĂŒr uns ist, und was nicht? NatĂŒrlich ist es am besten, weder Tabak zu rauchen, noch zu vapen. Am besten trinken Sie auch keinen Alkohol und zu viel Zucker ist auch nicht gesund. Gleichzeitig gehört es zu einer freien Gesellschaft, jedem Individuum die Möglichkeit zu geben, eigene Entscheidungen zu treffen, solange sie das Wohl Anderer nicht beeintrĂ€chtigen. Und mögen sie auch noch so schlecht sein. QualitĂ€tskontrolle im App Store genießt der Autor dieses Textes genauso wie die meisten anderen iOS-Nutzer. Das Apps, die gegen keine Gesetze verstoßen, nicht mehr zur VerfĂŒgung stehen, weil Apple der Meinung ist, sie wĂ€ren nicht gut fĂŒr den Nutzer, ist aber bevormundend.

Empfehlen können wir Ihnen zu diesem Thema auch die Glosse unserer Schwesterpublikation Macworld, hier nachzulesen (Englisch) .

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