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Kommentar: Die Apple Keynote war noch nicht komplett

16.09.2020 | 12:42 Uhr | Peter Müller

In nur einer Stunde hat Apple gestern neue Produkte und Services vorgestellt. Das kann noch nicht alles gewesen sein.

Kaum, dass Tim Cook nach gute einer Stunde das Publikum von Apples zweiter komplett virtuellen Keynote in einen schönen Tag respektive den verdienten Feierabend entlassen hatte, kursierten die ersten verzweifelten Ausrufe, wie enttäuschend das Ganze doch gewesen sei.

Natürlich war die Show ungewöhnlich kurz, doch in dem Format, das Apple dafür entwickeln musste, fehlt es eben an Umbaupausen, Eigenlob zu neuen Stores, retardierenden Momenten, Design-Chefs vor weißem Hintergrund und singenden Iren. Sieht man sich Keynotes früherer Jahre an, wäre in diesen genügend Schnittmaterial gewesen, um die brutto 90 Minuten auf netto 60 Minuten zu kontrahieren. Recht viel mehr als drei Hauptthemen hat es außerhalb der WWDC selten gegeben.

Dass diese drei im September Apple Watch, iPad und Services waren, das konnte man vorher wissen, nicht nur wir haben lang und breit darüber berichtet. Die iPhones kommen heuer aus Gründen der Pandemie ein paar Wochen später, nur wer völlig vagen und unzuverlässigen Quellen Glauben schenkte, rechnete mit iPhone 12 und iPhone 12 Pro am gestrigen Termin – und ist nun enttäuscht.

Was Apple zudem auch nicht zeigte, ist Material genug, um im Oktober oder Anfang November eine weitere Keynote von 60 oder gar 90 Minuten zu füllen. Das sind neben den iPhones natürlich der erste Mac mit Apple Silicon, der noch für dieses Jahr versprochen ist. Die Airtags, die nun nicht nur das iPhone 11 (und 12) als Gegenüber haben, um mit dem Ultrawideband-Chip zu kommunizieren, sondern auch die Apple Watch Series 6. Zu denen würde auch prima eine Ladematte à la Airpower (zweiter Versuch) passen, denn am besten wirken die Anhänger, wenn man sie "nie aufladen" muss, sondern nur ab und an auf eine Induktionsmatte legt. Wer dann aber dazu noch auf  ein spektakuläres "one more thing" wie eine Apple-AR-Brille hofft, wird im Oktober/November wieder enttäuscht sein und davon jammern, dass Apple nicht mehr innovativ sei. Wir erinnern uns aber auch an so manche Keynote mit Steve Jobs, die Apple besser auf eine Stunde eingedampft hätte.

Aber sprechen wir nicht davon, was es alles nicht gegeben hat, sondern lieber über das, was wirklich zu sehen war. Die Apple Watch ist längst erwachsen, wird nun aber zu einer mächtigen Plattform und richtet sich an jeden denkbaren Nutzer. Wer schon immer wissen wollte, was seine Kinder so treiben und wo, der nimmt zu seinem eigenen iPhone und Apple Watch noch eine Series 3 für den Nachwuchs. Die Eltern, bei denen man nie weiß, was man ihnen schenken soll, bekommen zu Weihnachten die SE mit der praktischen Sturzerkennung und Notruffunktion. Bei letzterer ist eher das Problem, dass die Beschenkten womöglich zu oft damit herumspielen. Für die Generation dazwischen bietet sich die Apple Watch Series 6 an, die nun auch noch die Sauerstoffsättigung des Blutes misst und damit noch einen Schritt weiter in Richtung allumfassendes Gesundheitsgerät nimmt. Nicht mehr lange, dann misst sie auch noch den Blutdruck und vielleicht irgendwann auch den Blutzucker. Die Geschichten mit dem Betreff "Liebes Apple, du hast mir das Leben gerettet und das meiner Lieben bereichert" werden von Jahr zu Jahr mehr werden. Irgendwann wird Apple eine komplette Keynote damit füllen können.

Ein wenig ratlos lässt einen aber das iPad Air zurück. Wozu braucht man denn noch ein iPad Pro, außer, wenn man einen größeren Bildschirm benötigt und mit dem Lidar-Sensor für AR-Anwendungen den Raum vor der Rückkamera vermisst? Die Face-ID kann es nicht wirklich sein, die Lösung mit der Touch-ID im Ein/Ausschalter ist beinahe eleganter. Das iPad 8 wiederum ist ein solides Angebot für alle, die ein iPad 6 oder älter haben, gegenüber dem unmittelbaren Vorgänger bringt es kaum Fortschritte. Aber das ist ja öfter der Fall.

Ein wenig enttäuscht sind wir hier natürlich bezüglich der Services-Pakete. Wer schon heute Apple Arcade, Apple TV+, Apple Music im Familienabo und etwas mehr iCloud-Speicher gebucht hat, bekommt hierzulande nichts von Wert. Denn mit "etwas mehr" iCloud-Speicher meinen Familien eher 2 TB als die angebotenen 200 GB. Das große Paket wäre zwar für 30 Euro im Monat dann ein akzeptables Angebot, mangels Apple News+ und Fitness+ müssen wir hier aber darauf verzichten. Man wünscht sich nicht einmal unbedingt, dass Apple dieses Manko behebt, Apple News+ scheint weder für Leser noch für Verleger wirklich attraktiv zu sein und Fitnesskurse bekämen wir anderweitig auch. Zumindest hat der erste Blick nicht sonderlich überzeugt. Apple-Watch-Daten auf dem großen Schirm als Alleinstellungsmerkmal? Das kann nicht alles gewesen sein.

Ende Oktober oder Anfang November geht es dann weiter.

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