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Kommentar Epic vs. Apple: Ist Epic Opfer oder gar Täter?

30.08.2020 | 06:37 Uhr | Stephan Wiesend

Immer mehr Hintergründe zur Auseinandersetzung zwischen Epic und Apple werden bekannt. Dabei macht auch Epic nicht den besten Eindruck.

Hat eine Firma gerade einen Börsenwert von über 2000 Milliarden erreicht, macht man einen schlechten Eindruck, wenn man zu hohen App Store-Gebühren verlangt. Auf den ersten Blick hatte Epic deshalb mit seiner Anklage wohl alle Sympathien auf seiner Seite und scheint im Recht zu sein: Nur für das Bereitstellen von „Fortnite“ eine 30 Prozent-Gebühr zu verlangen, klingt schließlich äußerst happig. Was tut Apple für diese hohen Gebühren überhaupt?

Epic ist allerdings kein kleiner Indie-Entwickler, sondern selbst ein Software-Konzern mit über tausend Mitarbeitern – um dessen Profitabilität man sich ebenfalls keine Sorgen machen muss. Der ganze Konflikt zwischen den beiden Konzernen hat außerdem eine längere und komplexere Vorgeschichte, die im Rahmen der Gerichtsverhandlungen zwischen den beiden Opponenten jetzt offengelegt wurde. Apple hat hier einige interne E-Mails zwischen Epic und Apple veröffentlicht, in denen Epic nicht gerade wie ein "Opfer" wirkt. Schon am 30. Juni hatte nämlich der Epic CEO Tim Sweeney dem Apple-Vorstand eine E-Mail geschrieben und eine Sonderregelung für sich verlangt: Eine Erlaubnis, den eigenen Shop Epic Store im iOS App Store anzubieten und ein eigenständiges Bezahlsystem zu nutzen – von den später bemängelten hohen Gebühren war dagegen keine Rede. Beide Forderungen, eine Alternative zum App Store und ein alternatives Bezahlsystem sind für Apple aber ein Tabu, an dem gerade erst Microsoft mit seinem Spiele-Angebot xCloud gescheitert ist. In einem Antwortschreiben betonte Apple außerdem, dass die Gebühren des App Store ja schließlich nicht ohne Gegenleistung bleiben würden. So erhalte Epic neben der Infrastruktur des App Store kostenlos Entwicklungswerkzeuge wie Xcode oder die Grafikschnittstelle Metal zur Verfügung gestellt. Von den Nutzern der eigenen Engine Unreal verlangt Epic schließlich fünf Prozent Gewinnabgabe.

Die Reaktion von Epic – ein von Apple untersagtes Bezahlsystem in seine App zu integrieren und einen Hinauswurf zu provozieren wirkt da kühl kalkuliert.

Ist der Streit um Gebühren ein Vorwand?

Die E-Mail legen nahe, dass es Epic wohl weniger um Gebühren, als um die Durchsetzung der eigenen Interessen geht. Aus der Sicht eines Software-Entwicklers sind die 30 Prozent zwar ein Ärgernis, aber durchaus branchenüblich. Auch beim Verkauf über den Playstore und über den Store Steam werden 30 Prozent fällig, es gab sogar schon Vertriebswege mit höheren Gebühren, so verlangten Mobilfunkanbieter über ihre Plattformen bis zu 70 Prozent an Abgaben. Auch wenn ein Entwickler sein Spiel über einen Publisher veröffentlicht, nimmt sich dieser einen Anteil von oft 50 Prozent der Einnahmen. Eine Gebühr ist ebenso bei Spielekonsolen üblich, Sony und Microsoft verlangen ebenfalls einen Obolus von 30 Prozent. Selbst Epic beanspruchte von Anbietern seine Unreal Engine Marketplace bis vor Kurzem 30 Prozent als Gebühr. Erst nach dem Riesenerfolg Fortnite senkte Epic die Gebühr auf 12 Prozent und nimmt in seinem neuen Epic Store nur niedrige 15 Prozent. Auch unter Spiele-Entwicklern und Spiele-Fans ist Epic als Store-Betreiber schließlich nicht unumstritten, etwa durch seine Exklusiv-Verträge.

Die Vermutung liegt nahe, dass es sich hier weniger um einen Streit um Gebühren als einen Zwist zwischen zwei konkurrierenden Konzernen handelt. Epic will sich vielleicht nicht nur gegen Apple, sondern auch Konkurrenten wie Steam behaupten und setzt bei seinem Store deshalb auf exklusive Angebote und niedrige Gebühren. Diese wären unter iOS aber ohne eine Sondervereinbarung mit Apple und eigenes Shop-System nicht möglich.

Apples Motivation ist wohl noch einfacher: Man will seine hohen Einnahmen durch den App Store nicht gefährden und Ausnahmen erlauben. Dabei ist Apple allerdings ebenfalls nicht in der Rolle des "Opfers". So ging Apple jetzt sogar so weit, die Entwickler-Mitgliedschaft von Epic zu sperren. Eine recht weitgehende Aktion, auf die Epic damit reagierte, nicht mehr die Unreal Engine für den App Store weiter entwickeln zu wollen. Immerhin brachte diese Eskalation Epic die Unterstützung von Microsoft ein , wäre das Ende von Unreal unter iOS doch für viele Spiele-Entwickler und auch einige Projekte von Microsoft eine Katastrophe.

Exkurs: Gab es Sonderregeln für Amazon?

Ein oft genannter Vorwurf: Manchmal mache Apple eben doch Ausnahmen. Das ist wohl richtig : Während der kleine App-Entwickler keinen Verhandlungsspielraum besitzt, gab es für Amazon Prime wohl einen zwischen Eddy Cue und Jeff Bezos verhandelten Sonder-Deal. Normalerweise erhält Apple bei einem ersten Abo-Abschluss 30 Prozent als Gebühr, erst bei späteren Abo-Zahlungen sinkt dieser Betrag auf 15 Prozent. Für Amazon Prime gelten dagegen von Anfang an 15 Prozent Gebühr. Und es folgte eventuell sogar noch eine zweite Aufweichung der Regeln: Seit Anfang 2020 gibt es nämlich ein „Programm für Premium-Video-Entertainment-Apps“. Seitdem dürfen Kunden aus der Amazon-App (und anderen) Filme und Serien kaufen – vorher wäre dies eine Umgehung von Apples Bezahlsystem und ein Verstoß gegen die App Store-Richtlinien. Sonderregeln für Microsofts xCloud gab es dagegen ebenso wenig wie zuletzt für Facebook .

Starker Konkurrenzdruck

Das Verhalten von Epic ist aber trotzdem nicht völlig verständlich. Steht Epic vielleicht unter starkem Druck? Nicht zuletzt sind ja die beiden neuen Spiele-Angebote von Apple und Google langfristig eine potentielle Gefahr für Spielehersteller wie Epic: Für nur 5 Dollar im Monat erhalten Android-Nutzer mit Play Pass Zugriff auf ein ganzes Spiele-Archiv, ebenso Apple-Nutzer die den Dienst Arcade buchen. Hatte Epic vielleicht den Eindruck, lieber sein eigenes Spiele-Angebot baldmöglichst in Stellung zu bringen, bevor die Firma ihre Spiele über Arcade oder Play Pass verhökern muss? Alle Plattformen stehen aktuell in einem starken Konkurrenzkampf und Mobilgeräte wie iOS und Android werden als Plattform immer wichtiger und einträglicher. Firmen wie Apple, Valve, Google, Epic und Microsoft werden da wohl zu immer härteren Bandagen greifen. Das kann sich aber auch schnell wieder ändern, in früheren Fällen kam man schnell zu einer Einigung und war auch sehr schnell wieder gut befreundet.

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