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Kommentar: Information weicht Spekulation

14.12.2016 | 12:46 Uhr |

In diesem Kommentar greift unser Leser Felix Mentele einige Missstände bei der Berichterstattung über Apple auf.

Das iPhone 9 wird einzig und allein aus Display bestehen. Der Homebutton ist virtuell, die Seiten werden mit einer beidseitigen Touch Bar geziert sein und die Rückseite dient als Trackpad, mit dem man die Vorderseite steuern kann. Diese Technologie wird iSwype heißen und von Apple als innovative Neuentwicklung auf den Markt kommen. Anschlüsse gibt es gar keine mehr, alles funktioniert drahtlos, ebenfalls die Aufladung. Woher ich das weiß? Hab ich in meiner Kristallkugel gesehen und kann deswegen mit Stolz behaupten, das Design und die Technik des iPhone 9 komplett geleaked zu haben. Und das noch vor der Vorstellung des iPhone 8.

Klingt bescheuert? Ja, ist es auch. Aber was ich in den letzten Monaten auf angeblich seriösen Nachrichtenseiten der Technikwelt gelesen hab, kommt diesem Schrott schon ziemlich nahe. Seit circa drei Jahren hat sich ein äußerst bedenklicher Trend in der gesamten Branche etabliert. Der Spekulationswille  scheint nahezu komplett den Informationswillen zu ersetzen. Und das hat fatale Folgen. Beispiel gefällig? Ich habe heute gelesen, dass das iPhone 8 erst 2018 vorgestellt werden soll und 2017 "nur" ein iPhone 7S kommen wird. Ein Aufschrei hallt daraufhin durch die Apple-Gemeinde. Warum? Eben diese Seite postete einige Zeit zuvor, dass der Hersteller 2017 gleich das iPhone 8 als Jubiläums-iPhone (10 Jahre iPhone) mit komplett neuem Design vorstellen soll. Dementsprechend groß ist die Enttäuschung des Redakteurs, als er verkündet, dass Apple nun doch nicht von seinem seit Jahren üblichen Zyklus abweichen wird. In den Kommentaren unterhalb des Artikels wird das Unternehmen dafür zerrissen. Dies geschieht vor allem auf Facebook, aber diesen Kommentar kann man beispielsweise unterhalb des in den Quellen verlinkten Artikels lesen:

"Tschüss, Tim Cook, das war s. Ich kaufe das Samsung Galaxy S8, das hat ein randloses Display und neue Innovationen wie kabelloses Aufladen per Induktion und neue Features. OLED-Display inklusive. Tja, Apple hast mich ganz bitter enttäuscht. Das war s wohl, Apple." (Bernhard P.)

Wenn man auf sozialen Netzwerken durch die Auftritte der Tech-Seiten scrollt, finden sich recht einfach noch deutlich mehr solcher Kommentare. Die daraus folgende Erkenntnis ist eindeutig: User lassen sich durch solche spekulativen Artikel entscheidend beeinflussen. Das geht so weit, dass diese dem Produkt bei der eigentlichen offiziellen Vorstellung schon gar keine Chance mehr geben und nur noch das Negative daran bewerten. Dies mag auch bei Produkten anderer Hersteller der Fall sein, aber bei Apple ist es definitiv am häufigsten der Fall. Klar, Apple polarisiert. Seit der Geburt des Smartphones ist das Unternehmen aus Cupertino maßgeblich mit dem iPhone am Hype beteiligt. Vorher war es der Apple 2. Der iMac. Der iPod. Apple revolutioniert die Technikbranche seit Jahrzehnten. Dies bringt begeisterte Anhänger mit sich, aber auch zahlreiche Kritiker. Kritik ist natürlich grundsätzlich nichts Schlechtes, denn nur dadurch kann man auf Problem von Produkten oder Unternehmen aufmerksam gemacht werden. Letztendlich kann konstruktive Kritik sogar helfen, Produkte entscheidend mit zu verbessern.

Doch wann ist man dazu übergegangen, Produkte zu kritisieren, von denen weder offizielle Informationen vorhanden sind, noch ihr Marktauftritt kurz bevor steht? Durch angebliche "Leaks" und Spekulationen wird nicht nur eine nahezu utopische Erwartungshaltung an den Tag gelegt, man ist im Nachhinein ebenso enttäuscht, dass das neue Modell wieder mal "nur etwas besser geworden ist". Klar, spekulieren darf man. Aber wenn diese Vermutungen und Ideen für bare Münze genommen werden und die Meinung des Käufers entscheidend beeinflussen, dann stellen sich für mich zwei Fragen. Zum einen, ob Nachrichtenseiten mittlerweile so klickgeil geworden sind, dass sie jeden Schrott posten, nur um mehr Aufmerksamkeit erlangen. Zum anderen, ob Leser wirklich so naiv sein können, dass sie ihre Kaufentscheidung auf Basis solcher Artikel ändern. Die erste Frage ist schnell beantwortet. Reißerische Titel, informationsleere Artikel mit noch geringerem Wahrheitsgehalt inklusive subjektiver Beurteilung des Produkts – Ja, die Nachrichtenseiten sind tatsächlich so klickgeil geworden. Und nicht nur die... Die andere Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Schauen Sie einfach bei solchen Artikeln in die Kommentare, am besten auf Facebook. Dann urteilen Sie darüber. Mein persönliches Urteil fällt auf jeden Fall ziemlich traurig aus...

Apple hat einen Ruf zu verlieren. Den Ruf als Revolutionär. Als technischer Vorreiter mit neuen Innovationen, der Konkurrenz immer mit etwas überlegen. Doch Apple geht dabei einen Schritt weiter. Wenn das Unternehmen Innovationen vorstellt, dann sind diese bereits so durchdacht und in den Alltag integriert, dass die Nutzer sie als sinnvoll und ausgereift annehmen. Dies hat zur Folge, dass andere Marken zum Teil Apple zuvorkommen. Huawei hatte schon ein Modell mit 3D-Touch. Es gab vor Jahren mal einen Windows-Laptop mit einer Touch Bar. Es gab auch vor dem iPhone schon Smartphones mit Touchdisplay. Wenn diese Neuerungen in den Apple-Produkten schließlich vorgestellt werden, liest und hört man häufig das Argument, dies sei nur abgekupfert, andere Unternehmen hatten die Neuerungen schon eher. Doch wenn man sich die angeblich kopierten Innovationen anschaut, fällt schnell etwas auf. Bei Apple sind diese Features nicht mehr irgendwelche nette Spielereien. Es sind Funktionen, die man plötzlich nicht mehr missen möchte. 3D-Touch wurde von Anfang an so tief im Betriebssystem verankert, dass man es automatisch nutzt und in Verbindung mit der dazu entwickelten Taptic-Engine zu lieben lernt. Ähnliches kann man beispielsweise zu der Touch ID sagen.

Auch ist Apple dafür bekannt, extrem zuverlässige Smartphones zu bauen. Apple-Ingenieure vermarkten keine technischen Daten, sondern konzentrieren sich auf den alltägliche Nutzen. Und darum lächeln iPhone-User nur, wenn sie zu hören bekommen, dass sogar die günstigere Konkurrenz schon Octacore-Prozessoren, 6GB RAM, 4K-Displays und 20-MP-Kamerasensoren verbaut hat. Denn Sinn ergibt das im Alltag nicht. Wirklich hochauflösende Kamerasensoren hatten eigentlich alle Hersteller vor Apple. Dennoch wirkten die Fotos eines 8-MP-iPhones lange Zeit besser als die 23-MP-Fotos eines Sony Xperia. Denn dass auf so einem kleinen Sensor eine derartig hohe Auflösung nur auf dem Papier toll ist, merkt man in der Praxis schnell: hohes Rauschen, verwaschene Fotos sind die Folgen. Auch 4K-Video gab es schon viel früher, doch beim iPhone 6S ist dann endlich das gesamte Smartphone schnell genug, dass es die erforderliche Bitrate auch einhalten kann. Um 4K-Video aufnehmen zu können, verbaut Apple einen 12-MP-Sensor. Mehr macht auch keinen Sinn. Das merkten Android-Hersteller erst später, Samsung beispielsweise geht mit dem Galaxy S7 von den 16 MP des S6 zurück auf 12 MP. Apple-Smartphones sind mit 2 GB RAM und Dualcore-Prozessor schneller, als nahezu die gesamte Konkurrenz. Jetzt haben sie einen Quadcore-Prozessor, welcher tatsächlich aber auch nur zwei sparsame zusätzliche Kerne bekommen hat. Und natürlich haben die Entwickler die Rechenleistung der beiden flotten Kerne weiter verbessert.

Selbstverständlich resultiert die iPhone-Geschwindigkeit der iPhones aus verschiedenen Umständen: Zum einen, am perfekten Zusammenspiel von Software und Hardware. iOS ist speziell für iPhone und iPad konzipiert. Und das merkt man. Die Hardware wird perfekt ausgenutzt, das Nutzererlebnis im Alltag ist fantastisch. Zum anderen, liegt es auch am Display. Apple wird ständig dafür kritisiert, zu niedrig auflösende Panels zu verbauen. Natürlich findet kein iPhone-Nutzer sein Display schlecht, schließlich bedeutet Retina, dass man mit bloßem Auge keine Pixel mehr zu erkennen vermag. Der einzige Anwendungszweck, der ein höher auflösendes Panel rechtfertigen würde, wäre Virtual Reality, ansonsten ist das ziemlich sinnlos. Viel wichtiger sind die Farbdarstellung, die Blickwinkelstabilität und die Helligkeit. Und diese Charakteristika verbessert Apple immer weiter. Dann wird noch darüber geklagt, dass das iPhone 5,5 Zoll nicht den verfügbaren Platz nutzt und noch mehr Hardware verbaut. Warum denn? Apple hat schon beim kleineren iPhone mit 4,7 Zoll absolute High-End-Technik verbaut, beim Plus kam bloß immer schon noch ein kleiner Zusatz bei der Kamera dazu (früher: optischer Bildstabilisator; heute: Dual-Kamera). Ansonsten nutzt das Unternehmen aus gutem Grund den zur Verfügung stehenden Platz, um einen größeren Akku zu verbauen. Was für die Alltagsnutzung auch am sinnvollsten ist. Was das Design angeht – Jeder sieht gerne etwas Neues. Apples Design ist zeitlos. Klar könnten Jonny Ive und Co. die Display-Ränder schmaler machen und einige Dinge ändern. Aber warum wird es dafür verteufelt, dass es nicht aussieht wie ein Samsung-Handy?

Natürlich gibt es Hersteller, die in bestimmten Kategorien bereits noch bessere Hardware verbauen. Doch sind ihre Smartphones auch so zuverlässig? Werden sie auch noch vier Jahre nach der Vorstellung mit aktuellen Updates versorgt? Wer Apple-Produkte wirklich zu schätzen weiß, der bleibt auch auf Grund solcher Tatsachen dabei.

Ab und zu gibt Apple dem gesamten Markt einen Schubs in die richtige Richtung. Sei es mit dem Weglassen des Klinkenanschlusses oder der Einführung einer einheitlichen Schnittstelle, im Endeffekt kann man dem Unternehmen aus Cupertino dafür danken. Schon früher wurde Apple für das Weglassen des DVD-Laufwerks kritisiert; oder noch früher für das Weglassen des Diskettenlaufwerks. Und heute ist man froh darüber. So wird es auch nun wieder sein. Denn schon in wenigen Jahren wird der Kampf mit den Adaptern ein Ende haben und der Standard vollkommen integriert sein. Warum Apple den Übergang nun so radikal macht? Auf einen Schlag alle anderen Dinge weg lässt? Durch seinen großen Einfluss auf die Branche kann sich Apple dies erlauben und so eine schnelle Reaktion der Dritthersteller provozieren. So verbreitet sich ein gemeinsamer Anschluss-Standard und bringt eine deutliche Vereinfachung ins aktuelle Peripherie-Chaos. Die gesamte Technikbranche sollte diese Chance nutzen!

Doch solange Technikmagazine nur auf technische Daten achten, ohne den alltäglichen Nutzen zu hinterfragen, die radikalen Änderungen verurteilen ohne die Zukunftsorientierung zu bedenken und dann mit reißerischen Artikeln über Apple herziehen und damit auch die Community negativ beeinflussen, wird auch der Hass nie ein Ende haben. Das ist auch nicht gewollt, denn gerade negative Presse gibt viele Klicks und nur das wollen Netzwelt, Computerbild, Chip, Curved, Macwelt, etc. definitiv. Die Gefährdung von Innovationen und Unternehmen ist ihnen dabei egal.

Auch viele Android-Hersteller wurden schon für drastische Änderungen so enorm kritisiert, dass diese schließlich klein beigegeben haben. Darum kann man Apple eigentlich nur bewundern, dass sie die negative Berichterstattung ignorieren und genau das tun, was man von einem revolutionärem Unternehmen erwartet – unsere Zukunft vereinfachen und verbessern, zum Teil eben mit radikalen Maßnahmen.

Ich verbleibe mit einem Plädoyer an all diese Seiten: Hinterfragt bitte den Wahrheitsgehalt und die Objektivität Eurer Meldungen. Ihr habt einen großen Einfluss auf eine breite Schicht von Konsumenten, bitte nutzt diesen nicht für Eure nicht wirklich als solche gekennzeichneten Spekulationen, welche man schon fast als Fake-News ansehen könnte. Und bevor Ihr ein Produkt oder ein Konzept vorschnell verurteilt – Hat sich eventuell jemand etwas dabei gedacht?

Kritik ist wichtig. Aber sie muss auf einem professionellem Niveau erfolgen. Das solltet Ihr als angeblich kompetente Technikmenschen doch schaffen, oder?

Quellen:

"Apple will 2017 nur ein iPhone 7S vorstellen"

"iPhone 8 mit OLED-Displays"

"iPhone 8 könnte mit einem randlosen Display kommen"

"Das ist kein Mut, das ist unverschämt"

"iPhone 7: Lässt Apple es absichtlich floppen?"

"Niemand will das iPhone 7 – Das ist Apples größtes Problem"

"iPhone 8 – was wir bis jetzt wissen"  

Anmerkung der Redaktion : Bis auf kleinere Korrekturen haben wir den Meinungsbeitrag  unseres Lesers so belassen, wie er ihn auf seinem Blog veröffentlicht hat . Da wir von der Kritik nicht ausgenommen sind, Artikel zu produzieren, die einerseits Leserinteresse auf sich ziehen und andererseits gewisse Erwartungen schüren könnten, die ein reales Produkt womöglich nicht erfüllt, möchten wir gerne noch  folgende Punkte anmerken:

- Unsere „Währung“ ist in der Tat Reichweite. Je größer also das Leserinteresse, desto besser sind unsere Chancen, unsere Arbeit zu finanzieren. Das verhält sich auf den anderen in diesem Beitrag genannten Seiten genau so.

- Auch wir berichten über Gerüchte, Spekulationen und vermeintliche Leaks. Wir legen stets großen Wert darauf, diese einzuordnen und nicht als Tatsachenbehauptungen stehen zu lassen. Ein Urteil über das iPhone 8 werden wir erst fällen, wenn wir es – voraussichtlich im Herbst 2017 – in unserem Testcenter hatten.

- Sollten sich Leser durch unsere Headlines, Vorspänne oder Anreißer auf Facebook in die Irre geführt sehen, bitten wir das einerseits zu entschuldigen. Andererseits bitten wir auch jeweils um sofortiges Feedback, damit wir etwaige Missverständnisse berichtigen können.

- Sollten wir tatsächlich Leser in die Irre führen, handelt es sich um einen am 1. April veröffentlichten Beitrag. Denn auch wir haben einmal im Jahr Spaß daran, Produkte zu „ erfinden “... ;-)

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