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Kommentar: Spotify mit nicht ganz fairen Vorwürfen

14.03.2019 | 11:12 Uhr | Peter Müller

Spotify will, dass Apple "fair" spiele. Letztendlich dürfte das Unternehmen um seine Marktvormacht fürchten und inszeniert sich nun als Opfer, das keine Wahl hat, sich dem App Store auszuliefern.

Die EU ist ein Segen, das wird Großbritannien immer heftiger spüren, außer es gibt doch noch eine letzte, irre Wendung in dem Drama. Die Wettbewerbskommission, die darauf achtet, dass Firmen im gemeinsamen Markt der 27 bis 28 Staaten faire Bedingungen vorfinden, ist ein wesentlicher Teil dieser Erfolgsgeschichte.

Und natürlich darf ein jedes Unternehmen, das sich von anderen im Wettbewerb behindert fühlt, eben diese Kommission anrufen und zum Handeln auffordern. Manchmal ist das vergeblich und dem Kleinen bleibt nur, die Faust in der Hosentasche zu ballen, wenn der Große mal wieder Recht bekommt. Oder er stapft schon gleich zornig mit dem Fuß auf, bevor die Kommission überhaupt erst ein Verfahren eröffnet - um die öffentliche Meinung zu seinen Gunsten zu drehen. So in der Art kann man Spotifys Klage gegen Apple verstehen, das sich vor allem über eine aus seiner Sicht ungerechtfertigte "Apple-Steuer" im App Store beschwert. Nur ist Spotify nicht der Kleine im wichtigen Spiel um stete Einnahmen aus Services, sondern nach wie vor der Marktführer in Sachen Musikstreaming.

Auf diesen Umstand und auch andere schiefe Bilder, die Spotify der Öffentlichkeit präsentiert, machen unter anderem die Kollegen von 9to5Mac aufmerksam. Die "Apple-Steuer" ist keineswegs eine Steuer, die der Anbieter des Stores erhebt, sondern seine Verkaufsprovision, die er auf digitale Güter erhebt, wie Apps, Abos, In-App-Käufe und dergleichen. Es ist auch keineswegs so, dass Spotify dazu gezwungen wird, seine Premium-Version per In-App-Kauf im App Store anzubieten, auf seiner Site " Time to play fair " widerspricht sich der Streamingdienst ja auch. Denn es mag zwar ein klein wenig kompliziert sein, Spotify Premium über den Browser zu bestellen, auf dem iPhone und iPad sowie mit dem Desktop-Browser kann man mit Spotify wunderbar Musik hören. Will Spotify die Bequemlichkeit des Dienstes von Apple nutzen, muss es eben dafür zahlen. Amazon geht es auch nicht anders, der Dritte Große im Bunde der Musikstreamer kennt das Prozedere schon mit eBooks, die man nicht direkt in der Kindle-App erwirbt, sondern über den kleinen Umweg über den Browser, Anbieter dürfen nur nicht direkt aus der App auf ihren Shop verweisen. Doch hindert Spotify niemand daran, ein kostenloses Probeabo anzubieten oder ein Spezielles für den App Store, 99 Cent für drei Monate. Apple bekommt davon halt 30 Prozent ab. Spotify beschwert sich zudem, Updates von iOS-Apps würden zu lange in Apples Freigabeschleifen hängen und gebe keinen Zugriff auf all seine Geräte. Nun ja: Besteht man auf "sofort", ist die Prozedur des App Stores, die mehr Sicherheit garantiert, natürlich eine Bremse. Aber Spotify könnte durchaus wie Pandora eine App für das Apple TV entwickeln - und selbst auf die Apple Watch sind seit watchOS 5 die Wege geebnet.

Zudem bricht Apple sein einst geschlossenes System immer weiter auf, der Vorwurf läuft also ins Leere. Apple Music läuft – bisher nur in den USA, aber bald auch in UK – auf Amazons Echoes und Fire-TVs. Auch der umgekehrte Weg geht: Spotify auf dem Homepod. Airplay heißt hier das Stichwort, und ob Spotify sich wirklich wünschen sollte, dass auch Siri mit ins Spiel kommt, steht auf einem anderen Blatt. Aber als Musikdienst auf Amazons Geräten und vermutlich bald auch auf den zu Alexa kompatiblen muss Spotify um seinen Wettbewerbsvorteil bangen, wenn die Kunden neben Amazon Prime Music und Spotify bald auch Apple Music als Musikquelle auswählen können. Den Homepod wird man da kaum vorschieben können, berauschend dürften dessen Verkäufe nicht sein - das iPhone ist und bleibt die wichtigste Plattform für allerlei Apps und Inhalte.

Nun hat auch US-Senatorin Elizabeth Warren , die Präsidentschaftskandidatin der Demokraten werden möchte, gegen Apple App Stores mit dem Argument angeredet, Cupertino müsse sich entscheiden, ob es nur die Plattform anbiete oder darauf auch eigene Inhalte und damit einen Wettbewerbsvorteil erlange. Netflix und Amazon Prime werden sicher auch die Entwicklung im TV-Streaming verfolgen, wenn Apple in den Wettbewerb einsteigt - seit Jahren akzeptieren die derzeitigen Platzhirsche aber bereits Apples App-Store-Regeln. Die Umstände, sich außerhalb einer App registrieren zu müssen, sind nicht schwerwiegend – und eher keine Behinderung des Wettbewerbs. Amazon wie Netflix und vielen anderen sind die Umwege zum Kunden offenbar die Mühe wert. Einer Steuer entkommt man nicht, einer Sales-Provision sehr wohl, wenn man die Dienste eines Agenten lieber nicht annimmt. Die Anbieter haben aber sehr wohl die freie Wahl, Spotifys Klage dürfte also wenig Chancen haben. Elizabeth Warren wird sich zudem ein anderes Thema suchen müssen, es liegen genug herum, sogar im Silicon Valley.

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