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Kommentar: Twitter-Hack ist mehr als 100.000 € wert

16.07.2020 | 14:46 Uhr | Halyna Kubiv

Gestern Abend hatte sich auf Twitter etwas Ungewöhnliches ereignet: Mehrere prominente Accounts posteten einen Aufruf, Bitcoins auf eine bestimmte Adresse zu senden.

Apple mit seinen vier Millionen Followern, Elon Musk, Joe Biden, Bill Gates, Barak Obama und weitere populäre Konten haben auf Twitter einen Aufruf zum Bitcoin-Austausch gepostet, was natürlich nicht von den legitimen Personen kam, sondern ein Betrug war. Mit dem Stand heute hat Twitter bereits zugegeben, dass ein "massiver Social-Media-Angriff" stattgefunden habe. Die besagten Konten und viele weitere, auch unbeteiligte Nutzer, waren eine Zeit lang gesperrt. Der Preis dieses Angriffes in Euro oder US-Dollar lässt sich dank der Blockchain-Natur von Bitcoins ganz genau beziffern: über 100.000 Euro ist in die veröffentlichte Bitcoin-Börse geflossen, die Summe ist mittlerweile schon irgendwo anders weitergeleitet worden.

Mittlerweile sind erste Einzelheiten des Hacks bekannt : Eine Gruppe von Hackern hat den Zugriff auf ein internes Verwaltungs-Tool von Twitter erlangt, angeblich war auch ein Twitter-Mitarbeiter im Spiel. Wie dem auch sei: In Folge von dieser Aktion haben ein Präsidentschaftskandidat, ein ehemaliger US-Präsident, weitere prominente Personen und Konten von großen Unternehmen eine Information verbreitet, die zu fragwürdigen finanziellen Transaktionen führte. Die 100.000 Euro, die die Hacker dadurch erbeuteten, ist noch der kleinste Preis, der dafür zu zahlen ist. Im Fall von Joe Biden könnte seine Reputation leiden und Folgen für den anstehenden Wahlkampf in den USA haben.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass Twitter-CEO Jack Dorsey sich deshalb vor dem US-Senat verantworten muss. Doch vor einem Jahr saß auf der Bank ein anderer CEO – Mark Zuckerberg von Facebook. Verändert hat sich danach (fast) nichts. Doch der aktuelle Hack zeigt eindeutig, dass nicht nur die USA ein Problem mit den sogenannten Social Media haben. Zwar nennen sich Facebook, Instagram, Twitter, Youtube und jetzt zunehmend TikTok Social Media, was natürlich auch stimmt, sie sind längst weit mehr als das. Die Nutzer können sich freilich darauf untereinander austauschen, Fotos teilen, Termine und Veranstaltungen besprechen, einfach quatschen etc. Doch alle diese Plattformen haben von Anfang an Verstärkungswerkzeuge eingebaut, die aus einem Tweet, Post oder Foto einen viralen Hit machen können, solange diese mit den Gefühlen vieler resoniert. Ein Gegenbeispiel sind geteilte Alben von Apple Fotos: Damit kann man Fotos und Videos auf iCloud hochladen, zum Album Nutzer einladen, sogar Links darauf teilen. Kommentieren und liken geht auch, da aber bei der Option offensichtliche Buttons für Share, Retweet und Weiterleiten fehlen, bleibt es bei einem engen Kreis von Beteiligten, die diese Inhalte sehen sollen und dürfen.

Mit der steigenden Reichweite dieser Plattformen steigt deren Einfluss – auf die Wirtschaft, soziales Leben, Politik. Doch irgendwie ist bislang noch eine weitere Konsequenz nicht eingetreten, die mit Reichweite und Einfluss einhergehen muss – die Verantwortung. Denn in jeder Debatte, sei es um Einfluss auf den Wahlkampf in den USA oder Influencer-Werbung, versuchen sich die Betreiber dieser Plattformen aus der Schusslinie zu ziehen: Nicht Facebook postet Hate Speech, sondern die Nutzer, nicht Twitter verbreitet Propaganda, sondern russische Bots, nicht Instagram verkauft Super Healthy Natural Sport Food, sondern Influencer. Man stellt sich vor, ein herkömmliches Pressemedium hätte gleiche Anzeige geschaltet, wie gestern Abend all die großen Accounts bei Twitter, die Polizei, das LKA und der Presserat hätten abeim Chefredakteur und dem Herausgeber uf der Matte  gestanden, wenige Stunden später auch beim Auftraggeber.

Die übliche Ausrede in solchen Fällen ist die Meinungsfreiheit, als ob das Konzept ein Freifahrtschein für Lügen, Beleidigung und Verleumdung wäre. Werden Stimmen dagegen laut, kommt der Vorwurf der Zensur. Die beiden Begriffe wurden in den Diskussionen rund um Facebook, Twitter & Co. so oft gebraucht, dass ihre Bedeutung sich vollkommen verwaschen hat. Ja, auch Meinungsfreiheit hat ihre Grenzen, nämlich dort, wo die Rechte dritter Personen wie zum Beispiel Persönlichkeitsrechte anfangen. Wer Paragraf fünf aus dem Grundgesetz zitiert, darf gerne ein bisschen weiter als den ersten Satz lesen. Die Meinungsfreiheit ist ebenfalls nicht verpflichtend, heißt, das Recht seine Meinung frei zu äußern, verpflichtet andere nicht, diese Meinung sich anzuhören oder zur Kenntnis zu nehmen. Dazu ist ein bisschen mehr als nur eine laute Stimme notwendig, beispielsweise stichhaltige Argumente oder frische Gedanken. Und was eine Zensur ist, zeigt die Geschichte der beiden großen Diktaturen im 20. Jahrhundert:  Künstler riskierten ihr Leben , und das leider im buchstäblichen Sinne. Wer sich bei einem gelöschten Kommentar Zensur beklagt, übertreibt massiv.

Kurz um, der Twitter-Hack hat gezeigt, wie einflussreich die Social-Media-Plattformen geworden sind, die entwendeten 100.000 Euro beziffern nur den offensichtlichen Schaden, den ein Missbrauch nach sich ziehen kann. Mit der steigenden Reichweite und mit dem daraus folgenden Einfluss soll auch eine Verantwortung entstehen, dafür, was auf eigener Plattform geschieht. Doch bislang haben sich die Betreiber hinter den Rücken ihrer Nutzer versteckt und die Verantwortung auf sie abgewälzt. Alleine die Verantwortung für die Verwaltung der Werbekosten haben die Betreiber sehr gerne übernommen, doch das ist bei Weitem nicht genug.

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