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Kommentar: Was wir von den Airpods Max erwarten

12.12.2020 | 12:38 Uhr |

Spricht Apple mit den Airpods Max die richtige Zielgruppe an, die ohne zu Zögern 600 Euro für einen Kopfhörer ausgibt?

Wie von einem anderen Stern schweben die Kopfhörer auf uns zu. Ein Musikgenuss, der uns entschweben lässt, losgelöst von allem Irdischen. Für seine ersten eigenen OverEar-Kopfhörer Airpods Max trägt Apple in der Werbung dick auf, der Trailer suggeriert uns, noch nie dagewesene Klangwelten zu erleben. Wird der Kopfhörer derartige Erwartungen erfüllen können?

Natürlich sehen die Airpods Max super aus und sind wie viele Apple-Produkte toll designed. Edelstahl beim Materialeinsatz und Stoff für die Akzente lassen nicht nur ein robustes, sondern auch ein komfortables Produkt erwarten. Nicht immer muss es feinstes Leder von besonderen Schafen aus Südamerika sein, ein toller Stoff kann genauso angenehm auf der Haut sein.

Ein Designelement, das besonders neugierig macht, ist sicher die Digitale Krone, also Apples Interpretation eines Lautstärkereglers. Ein kleiner Regler, der alles können soll, also nicht nur die Lautstärke ändern, sondern auch Tracksteuerung und Siri. Ist das der Trend weg vom der Touchbedienung? Zugegeben, viele der Touchsteuerungen bei Kopfhörern sind wenig intuitiv und eher gewollt modern. Warum etwas neu erfinden, wenn haptische Taster es besser können? Wie gut die von der Apple Watch entlehnte Digitale Krone das kann, wird man in der Praxis sehen. An der Uhr geht das ja ganz gut, am Kopfhörer muss das Ganze nur blind funktionieren.

Möchte man einen Kopfhörer kreieren, der eine perfekte Abschottung zur Außenwelt bietet und damit ein intimes Sounderlebnis, geht nichts an einer Over-Ear-Konstruktion vorbei. Das macht die Kopfhörer zwar groß, aber groß bedeutet auch – man kann große Treiber für einen vollen Klang einbauen. Das scheint Apple auf den ersten Blick gelungen zu sein.

Mit den weiteren technischen Daten hält sich Apple sehr bedeckt. So ist natürlich eine aktive Geräuschunterdrückung verbaut, die den letzten Rest unliebsamer Außengeräusche eliminiert. Hier ist die Herausforderung eine gute Balance zwischen Klangveränderung und Außengeräusche zu finden. Verantwortlich hierfür ist ein spezieller H1-Chip der für ein „revolutionäres Hörerlebnis“ sorgen soll. Wir lernen dann auch wieder einen neuen Fachbegriff kennen: „Computational Audio“.

Vollmundig wird hier von „Deine Lieblingssongs bekommen eine Textur und Präzision, die du so noch nicht gehört hast.“ Das lässt mich dann aber auch befürchten, dass wir hier einen Kopfhörer bekommen, dessen Sound komplett durch den H1-Chip und Softwarealgorithmen gezeichnet ist. Natürlicher Klang, der von Instrumenten erzeugt und von Toningenieuren in mühevoller Kleinarbeit ausbalanciert ist, wird hier von einem Algorithmus zu einem Einheitsbrei verarbeitet, befürchten wir. Dazu passt dann auch der adaptive Equalizer, der die Musik optimiert um ein „intensives Hörerlebnis, das jede Note originalgetreu wiedergibt“ zu schaffen.

Passen die Airpods Max also dann nur für junges Publikum und ihrer Vorliebe für harte Beats elektronischer Musik? Natürlich passt das zu der Werbung, aber wer wirbt auch schon mit einem gemütlichen Mittfünfziger, der gerade Till Brönner zusammen mit seinem schottischen Whisky genießt?

Konsequent spricht Apple aber auch nur von Hi-Fi-Klang und verspricht auch kein Highres-Audio . Somit ist der Mittfünfziger wohl auch nicht das Zielpublikum.

Abseits von Musikgenuss mit Hi-Fi-Klang gibt es aber auch einen Punkt, der Hochleistungsprozessoren nötig macht: 3D-Audio mit dynamischem Head Tracking. Hier könnte es bei Filmen wirklich spannend werden. Ich drehe meinen Kopf und die Action passt sich akustisch an? Das klingt superspannend und könnte ich mir eigentlich auch wunderbar bei Spielen vorstellen. Nur dazu sagt Apple leider nichts.

Um diese „magische Features“ erleben zu dürfen, müssen wir uns noch ein wenig gedulden. Erst dann kann man auch einordnen, ob der Preis von knapp 600,- Euro gerechtfertigt ist.

Auf den ersten Blick mag die Zahl abschrecken, nur Kopfhörer der Topliga sind so teuer, sogar noch teurer als der Kopfhörer von Apple. Fragen Sie mal einen Hi-Fi-Freak nach seinen Traumkopfhörern? Da werden schnell mal Preise von 2000 Euro und mehr aufgerufen. Und das für Kopfhörer mit Kabel und nicht mit Bluetooth.

Doch schauen wir uns mal ein paar direkte Mitbewerber an. Zum Beispiel der Beoplay H95 von Bang & Olufsen. Ebenso gespickt mit technischen Finessen, aber mit deutlich mehr Luxus zu 800 Euro. Von der Traditionsschmiede Beyerdynamics kommt der Amiron Wireless für rund 680 Euro. Ähnliche Funktionen "Made in Germany", aber mit dem Anspruch auf realistischen Klang. Das wäre eigentlich ein spannender Gegner.

Natürlich gibt es Spitzenkopfhörer mit Bluetooth auch günstiger und mit ein paar weniger Features. Zum Beispiel der Technics EAH-F70NE für knapp 390 Euro, der Bowers & Wilkins PX7 Carbon Edition für 400 Euro oder der Shure Aonic 50 zu 370 Euro.

Ich bin neugierig, wie Sie bestimmt auch! Und so freue ich mich auf einen spannenden Praxistest.

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