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Kontroverse um virtuellen Pranger im Web

07.08.2001 | 00:00 Uhr |

Für den Würzburger Jura-Studenten Björn Jörges und seine Mitstreiter ist ihre Homepage im Internet nicht nur Spaß. Mit der Seite "www.rache-ist-suess.de" wollen sie einigen Zeitgenossen auch einen Spiegel vorhalten - auf humorvolle Art, wie sie meinen. Die Opfer des nach eigenen Angaben größten deutschen Racheclubs aber biegen sich nicht immer vor Lachen. Auch der Würzburger Psychologe Wolfgang Schneider kann dem wenig abgewinnen. Er wertet das Rache-Forum als einen Ausdruck des Phänomens, Privatheit an die Öffentlichkeit zu zerren, als eine Form des derzeit zwar gängigen, aber seiner Ansicht nach zweifelhaften Seelenstriptease - ob nun per Talk-Show oder Internet spiele dabei keine Rolle.

Die Homepage ist ein moderner, virtueller Pranger. Da ärgert sich ein Student über seinen Kommilitonen und erzählt den Sachverhalt bis in alle Einzelheiten im Internet. Da tobt ein Twen über seine Ex- Freundin, die ihn zum Ende der Beziehung ausgenommen und hintergangen haben soll. Auch dies ist für Jörges eindeutig ein Fall für "Rache- ist-suess.de" - damit dem Gehörnten Genugtuung widerfahre. Vor sieben Jahren startete Jörges mit seiner Internetseite - rein privat, wie er sagt, weil er sich tatsächlich "maßlos" über einen Mitstudenten geärgert hatte und seinen Gefühlen Luft machen wollte. Damals dachte noch niemand an gleich lautende Fernsehsendungen. Inzwischen gibt es nicht nur die Internet-Seite, sondern auch den "Rache.Club", dem mittlerweile weltweit 4300 Mitglieder zwischen 14 und 60 Jahren angehören sollen. Da seien auch Polizisten und Juristen darunter, betont der Student der Rechtswissenschaften, der im Herbst zu seinem ersten Staatsexamen antreten will.

"Rechtlich ist alles wasserdicht", glaubt sich die "Rache-ist- suess"-Crew sicher. Denn nichts geht im Original ins Netz. Spielt die Geschichte eigentlich in Köln, wird der Ort des Geschehens zum Beispiel nach München verlagert. Geändert wird auch das Alter der Betreffenden und natürlich wird der Name immer gestrichen. "Wir stellen niemand bloß", betont Jörges. Er und seine Mitstreiter wollen sich mit dieser Vorgehensweise nicht nur juristisch absichern. Es gehe auch darum, sich von "unseriösen Rache-Seiten" abzugrenzen, die alles so ins Netz stellen, wie es ihnen übermittelt werde, mit vollständigen Namen und Adressen.

Die Notiz im Netz ist aber nicht das Einzige, das der Club bietet. Auf Wunsch der Rachsüchtigen wird einigen Zeitgenossen gar ein Streich gespielt - wie jenem Lehrer, der nach Ansicht seiner Schüler zu oft unangemeldete Tests schreiben ließ. Mit Unterstützung seiner Frau hätten Mitglieder des Clubs dem Lehrer vorgespielt, er habe seine Einberufung zur Bundeswehr verschlafen. Das Ganze soll eine halbe Stunde gedauert haben und so echt erschienen sein, dass dem Lehrer der kalte Schweiß auf der Stirn gestanden habe - ehe die Tour im angeblichen Bundeswehrbus vor einer Kneipe endete und die Schauspieler des Clubs das Ganze auflösten. Der Lehrer soll den Streich mit Erleichterung aufgenommen haben, von Zorn keine Spur.

Nicht alle, die ihre Geschichte im Internet wiederfinden, nehmen die Angelegenheit so gelassen. Böse Worte sind dann das Mindeste, was sich die Aktiven des Rache-Clubs anhören müssen. Einige Opfer drohten mit dem Rechtsanwalt, manche versuchten gar, per Gerichtsverfügung zu erreichen, dass trotz Verfremdung ihre Geschichte herausgenommen wird. "Keiner hatte bisher Erfolg", sagt Jörges.

Club-Mitglied Carlos (21) kann die Aufregung einiger Opfer nicht verstehen. Die Streiche seien stets humorvoll, argumentiert er: "Der Betreffende bekommt sein Fett ja nicht ganz unverdient ab." Für den Würzburger Psychologie-Professor Schneider spielt es keine Rolle, ob das Opfer den Schabernack verdient hat oder nicht. So viel Öffentlichkeit ist ihm nicht nur suspekt. Selbst wenn dadurch ein Ventil für Aggressionen geschaffen werde, erscheinen ihm solche modernen Pranger doch "höchst primitiv". dpa

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